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Wenn die Täterin zum Opfer wird

Staatsanwältin und Jugendrichter werden zu Sozialarbeitern Wenn die Täterin zum Opfer wird

Mit der Einstellung des Verfahrens nach den Paragraphen 45 und 47 des Jugendgerichtsgesetzes endet im Amtsgericht Kirchhain ein Prozess gegen eine Heranwachsende, die sich wegen Betruges verantworten musste.

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Kirchhain. Laut Anklagesatz von Staatsanwältin Kerstin Brinkmeier hatte die junge Frau am 29. August 2013 und 12.32 Uhr in einer Gießener Apotheke ein Blutdruckmessgerät zum Preis von 48,83 Euro gekauft und mit ihrer EC-Karte bezahlt. Eine Stunde später gab sie das Gerät zurück, weil dieses „nicht passte“. Den Kaufpreis ließ sie sich bar erstatten. Das Problem: Das Giro-Konto der junge Frau war nicht gedeckt; und einen Dispositionskreditrahmen hatte sie als Hartz-IV-Bezieherin nicht. Der Inhaber der Apotheke erstattete Strafanzeige.

Wie ein Häufchen Elend kauerte die Angeklagte auf der Anklagebank, wirkte sichtlich eingeschüchtert. Die Beweisaufnahme sollte allerdings sehr schnell ergeben, dass die falsche Frau auf der Anklagebank saß. Aus der Täterin wurde das Opfer. Das Opfer von perfiden Machenschaften der eigenen Mutter. Diese hatte offenbar unter Ausnutzung der erheblichen Lese- und Schreibschwäche ihrer Tochter über deren Konto ihre Liquidität gesichert und ihre Konsumwünsche befriedigt. Ein eigenes Konto mit EC-Karte bekommt die einschlägig vorbestrafte Frau zumindest vorerst nicht mehr.

Wie die Tochter dem unter Vorsitz von Jugendrichter Jochim Filmer tagenden Gericht berichtete, wurde sie durch ihre Mutter dazu gedrängt, ein Giro-Konto zu eröffnen. Die dazugehörige EC-Karte verwahrte die Mutter. Sie beauftragte ihre Tochter nach einem Klinikaufenthalt in Gießen mit dem Kauf des Blutdruckmessgeräts, weil sie „so ein Gerät braucht“, wobei sie wahrheitswidrig behauptete, dass das Konto gedeckt sei.

Das später ausbezahlte Geld hat - so die Tochter - die Mutter eingesteckt. Diese verbüßt seit März eine Freiheitsstrafe und wird noch bis mindestens 2016 in Haft bleiben.

„Wenn Ihre Mutter wieder raus ist, halten Sie sie unbedingt fern von Ihrem Konto; sonst geraten sie wieder in große Schwierigkeiten“, mahnte Kerstin Brinkmeier. „Meine Mutter hat laufend auf meinen Namen Sachen bestellt. Da kommt noch ein großer Haufen zusammen“, antwortete die Angeklagte auf eine Frage des Jugendrichters, ob sie Schulden habe.

Im gleichem Augenblick legten Kerstin Brinkmeier und Joachim Filmer den Hebel um, wirkten fortan als fürsorgliche Sozialarbeiter. „Nehmen Sie den Packen, gehen sie zur Schuldnerberatung und klären Sie das auf. Sie müssen sich unbedingt darum kümmern! Wenn Sie weiter nur die Post horten, bekommen Sie ein Riesenproblem“, erklärte Joachim Filmer.

Und Kerstin Brinkmeier präzisierte: „Was Ihre Mutter in Ihrem Namen bestellt hat, müssen sie nicht bezahlen. Sie müssen das nur klarstellen. Verdrängen hilft nicht“, sagte die Staatsanwältin, die der Angeklagten ihre Telefonnummer überreichte: „Rufen Sie mich an, ich finde für Sie heraus, welche Schuldnerberatung für Sie zuständig ist.“

Das erledigte Joachim Filmer auf der Stelle mit einer Internet-Recherche in seinem Richter-Zimmer.

Die junge Frau, die derzeit bei der Volkshochschule einen Alphabetisierungskurs absolviert, versprach den beiden besorgten Juristen, das Problem mithilfe ihres Freundes anzugehen.

Ganz ungeschoren kam die Angeklagte nicht davon. „Da Sie Vertragspartner der geschädigten Apotheke sind, müssen Sie für den Schaden aufkommen“, erklärte der Jugendrichter. Er wies das Mädchen an, den durch Gebühren und Säumniszuschläge auf 75 Euro angewachsenen Schaden in drei Monatsraten zu begleichen. Außerdem erteilte er eine richterliche Ermahnung.

von Matthias Mayer

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