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Wenn der Ehemann sein Wesen verliert

Demenz Wenn der Ehemann sein Wesen verliert

Maria Meier (Name von der Redaktion geändert) ist eine bewundernswerte Frau: Seit sieben Jahren kümmert sie sich liebevoll und mit einer Engelsgeduld um ihren an Demenz erkrankten Mann.

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Hält Hubert Meier Werkzeug aus seinem Arbeitsleben in der Hand, dann scheint es so, als wolle er die passenden Handgriffe dazu ausführen. Mit dieser Vorgehensweise sollen alte Reizsituationen in Erinnerung gerufen werden.

Quelle: Florian Lerchbacher

Ostkreis. Seit nunmehr einem Jahr lebt Hubert Meier (Name von der Redaktion geändert) in einer Art Dämmerzustand. Den Tag verbringt er im Wohnzimmer sitzend, zumeist schlafend. Ist er wach, wirkt er leicht verschreckt. Sein Blick heftet an seiner Frau - oder geht ins Leere. Hubert Meier leidet seit sieben Jahren an Frontotemporaler Demenz, einer eher seltenen Form der Demenz, die durch einen Nervenzelluntergang des Gehirns verursacht wird. Oftmals gehen mit der Erkrankung Veränderungen der Persönlichkeit und des Verhaltens einher. Symptome, die Maria Meier bei ihrem Mann nur teilweise feststellen musste. „Oftmals berichten Angehörige, dass die Erkrankten bösartig werden - das ist bei Hubert nicht der Fall.“ Zum Glück, wie sie später zugibt. Und mit Sicherheit ein Stück weit auch ihr Verdienst, wie Christina Stettin, Koordinationskraft der Bürgerhilfe Mardorf und Vorsitzende der Alzheimergesellschaft Marburg-Biedenkopf, ergänzt.

Verhaltensauffälligkeiten, Teilnahmslosigkeit, Aggression und Unberechenbarkeit der Patienten sind laut einer Infobroschüre der Alzheimergesellschaft die Symptome, die den Angehörigen das Zusammenleben mit dem Erkrankten oftmals erschwerten. „Es ist wichtig, dass eine vertraute Person da ist“, sagt Stettin und erläutert: „Bösartigkeit resultiert meist daraus, dass die Menschen Angst haben und misstrauisch werden, was wiederum daher kommt, dass sie aufgrund des Zerfalls der Nervenzellen nicht mehr verstehen, was um sie herum passiert. Ein vertrauter Mensch gibt ihnen Halt.“

"ich bin niemand der lamentiert oder leidet"

Seit sieben Jahren ist Maria Meier, die einst schon ihren Vater und die Schwiegermutter pflegte, für ihren Mann eben jener Anker im Leben. Inzwischen greift sie zwar zeitweise auf die Unterstützung von Pflegediensten und der Bürgerhilfe zurück -allerdings auch nur, weil ihre Kraft nicht mehr ausreicht. Die psychische in bewundernswerter Weise sehr wohl, die physische jedoch nicht mehr: Vor etwa einem Jahr fiel ihr Mann in den erwähnten Dämmerzustand. Seitdem kann er seine Frau nicht mehr unterstützen, wenn diese ihn aus dem Sessel heben oder ins Bett bringen will. „Sie ist super organisiert, hat viele Hilfsmittel im Haus und bekommt viel Hilfe von Freunden und Verwandten. Sie macht das toll, geht aber an ihre Grenzen“, kommentiert Stettin und freut sich, dass Maria Meier inzwischen auf Hilfsangebote zurückgreift. „Alleine geht es nicht. Aber ich kann doch nicht dasitzen und zuschauen“, sagt die Seniorin und rechtfertigt sich fast schon dafür, dass sie auch den Mitarbeitern der Pflegedienste und den Ehrenamtlern der Bürgerhilfe stets unter die Arme greifen will, wenn diese sich um ihren Mann kümmern.

„Ich bin niemand, der lamentiert oder leidet“, sagt Maria Meier. Dabei hätte sie allen Grund dazu, denn die Erkrankung ihres Mannes machte einen dicken Strich durch all ihre Pläne für das gemeinsame Rentenalter: Eigentlich hatte sich das Paar vorgenommen, im Alter viel zu reisen und Länder zu erkunden. Der Traum sollte aber nicht zur Realität werden: Wenige Monate vor dem Eintritt in den Ruhestand stellte Maria Meier bei ihrem Mann einige Veränderungen fest.

Kollegen haben ihn nicht bloßgestellt

Er vermied soziale Kontakte. Vor allem beim Engagement war er aber plötzlich ein anderer: Einst genoss er die Arbeit im Freien - plötzlich reichten ihm nicht einmal mehr 14 Tage Urlaub aus, um die Bäume im Garten zu schneiden. Beim Holzmachen im Wald vergaß er, wo er gearbeitet hatte. Beim Essen reichten Messer und Gabel nicht mehr aus und er musste den Daumen zu Hilfe nehmen.

„Früher war er ein Arbeitstier, auf einmal hat er nix mehr gemacht. Ich überlegte, ob ich bei seinem Arbeitgeber anrufen und nachfragen sollte, ob auch dort sich etwas geändert habe“, erinnert sich die Seniorin. Gleichzeitig habe sie ihren Mann aber nicht hintergehen wollen. Also rief sie nicht an, bis sie eines Tages aus einem anderen Grund den Kontakt suchen musste - und erfuhr, dass auch die Kollegen Veränderungen registriert hatten: „Sie hatten gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Aber da Hubert bereits die Rente eingereicht hatte, passten sie auf ihn auf und zogen ihn durch. Manchmal schickten sie ihn nach Hause und ließen ihn Überstunden abfeiern - die er gar nicht hatte.“

Die ungewöhnliche Vorgehensweise dürfte der Dank für 15 Jahre gute Arbeitsleistungen gewesen sein. „Die Kollegen haben alles geregelt und ihn nicht bloßgestellt. Sie wollten ihn bestimmt nicht beschämen“, freut sich Maria Meier noch heute. „Das war eine tolle Reaktion. Die Kollegen hätten nur noch auf die Ehefrau zugehen und ihr von ihren Beobachtungen berichten müssen - dann wäre sie perfekt gewesen“, wirft Stettin ein und betont: „Nur, wer den ganzen Tag einen Menschen um sich herum hat, kann Veränderungen auch feststellen - sollte diese aber in so einem Fall auch kommunizieren.“

Maria wurde für Hubert zum Fixpunkt

Wenig später ging Hubert Meier in Rente. Das Paar tingelte von da an entgegen der eigentlich Pläne aufgrund der Symptome nicht durch verschiedene Länder und Regionen sondern von Arztpraxis zu Arztpraxis. „Eine Ärztin in einer Diagnostik-Praxis stellte fest, dass er kein Alzheimer sondern Demenz hat. Ich freute mich - bis sie mir sagte, dass es sich um die schlimmste Form der Demenz handelt“, berichtet Maria Meier und betont, dass der Schock umso größer gewesen sei, da ihr Mann ansonsten kerngesund war: „Mir wurde gesagt, dass mein Mann innerhalb von drei Jahren nicht mehr laufen oder essen könne. Ich konnte das nicht begreifen und wollte das nicht wahrhaben.“

Ein Gerontopsychiater erklärte ihr, dass ihr Mann viel laufen solle. Von da an versuchte sie entsprechend, ihren Partner in alles einzubinden, was sie machte - vor allem bei Aufgaben im Freien. Mähte sie den Rasen, musste er hinter ihr herlaufen. Hängte sie die Wäsche auf, ließ sie ihn durch den Garten gehen. Jedoch resultierte auch daraus wieder ein Problem: Kaum verließ sie sein Blickfeld, machte er sich aus dem Staub. Heute weiß Maria Meier, dass sie für ihren Mann der Fixpunkt ist und er in diesen Fällen nicht weglaufen wollte, sondern schlicht nach ihr suchte.

Auch dieses Verhalten wiederum hatte Folgen: Wunderten sich die Mitmenschen anfangs nur, dass Hubert Meier weniger gesellig und kommunikativ war, so merkten sie, dass etwas anderes nicht stimmte. Zudem wiederholte sich der Senior oft, wenn er sich mit ihnen unterhielt. Entsprechend sprach sich im Ort rum, dass er krank ist - zum Glück für die Meiers stießen sie auf Verständnis statt auf Ablehnung, und die Nachbarn halfen dabei, auf ihn aufzupassen.

Maria Meier konsultierte eine Psychologin, um sich Rat zu holen. In dem Gespräch erfuhr sie auch, was sie während des Krankheitsverlaufs erwartete: Ihr Mann werde unter anderem immer vergesslicher, oberflächlicher und sorgloser, unbedacht handeln, Pflichten vernachlässigen und später teilnahmslos und apathisch werden. „Sie wollte mir zeigen, was auf mich zukommt und erklärte mir auch, dass er irgendwann nur noch dasitzen werde. Ich wollte das alles eigentlich gar nicht wissen, weil ich dachte, nicht damit umgehen zu können. Aus heutiger Sicht kann ich sagen, dass alles so kam, wie sie es angekündigt hatte.“ Ob sie die Vorwarnung hilfreich fand, weiß Maria Meier nach eigenem Bekunden nicht. Allerdings gibt sie zu: „So wusste ich, was auf mich zukommt - und ich hatte mich schon damit abgefunden, als es tatsächlich eintrat. Das war hart, vielleicht aber auch gut so.“

"Es bringt nichts, mit dem Schicksal zu hadern"

Durchschnittlich liegt die Lebenserwartung bei der Frontotemporalen Demenz nach Auftritt der ersten Symptome laut Stettin bei vier Jahren - Hubert Meier erkrankte vor sieben Jahren. Oftmals bringen Angehörige die Erkrankten ins Pflegeheim, da sie die Pflege zu Hause nicht bewältigen können - oder wollen. Mit der Aufnahme in eine solche Einrichtung reduziere sich die Lebenserwartung drastisch.

Mit viel Liebe, Zuneigung und Bewegung hielt Maria Meier ihren Mann im eigenen Heim aktiv, im Laufe der Jahre musste sie die Spaziergänge jedoch immer kürzer gestalten, da ihr Partner immer früher erschöpft war. Vor einem Jahr fiel er in den Dämmerzustand, seitdem liegt oder sitzt er nur noch. Weiterhin erhält er Krankengymnastik. Was genau er von der Außenwelt noch aufnimmt, ist nicht klar. Bekommt der Senior Werkzeug aus seinem Arbeitsleben in die Hand, scheint es, als wolle er die passenden Handgriffe dazu ausführen. Als nächstes wird er aller Voraussicht nach die Fähigkeit zu schlucken verlieren.

Maria Meier hat sich damit abgefunden, kümmert sich um ihren Mann, den Haushalt und all das Drumherum. Und das voller Elan und Humor. Ein Angebot wie das der Lokalen Allianz für Menschen mit Demenz, wie es in der Nähe in Mardorf seit einem Jahr existiert, findet sie gut. Nach einem Besuch der Angehörigengruppe sagt sie jedoch voller Überzeugung: „Für mich ist das nichts. Dem einen hilft der Austausch mit anderen. Bei mir ist das nicht der Fall.“

Für Christina Stettin ist die Ablehnung des von ihr und Susanne Schmitt-Neubert mühevoll aufgebauten Angebots indes kein Rückschlag: „Jeder muss seinen persönlichen Weg finden, wie man mit Dingen zurechtkommt.“

Maria Meier hat ihn gefunden -und dabei ihre Lebensfreude nicht verloren: „Natürlich habe ich mir mein Rentenalter anders vorgestellt. Aber es hilft ja nichts, mit dem Schicksal zu hadern - man muss es einfach annehmen.“

  • Kontakt zur Bürgerhilfe Mardorf und der Lokalen Allianz für Menschen mit Demenz: Christina Stettin, Telefon 06429/8291541.

von Florian Lerchbacher

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