Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Wenn Nichtstun zum Problem wird

Gericht Wenn Nichtstun zum Problem wird

Ein pädagogisch wert­volles Urteil verhängte das unter Vorsitz von Jugendrichter Joachim Filmer tagende Kirchhainer Jugendgericht gegen einen Stadtallendorfer.

Voriger Artikel
Im Sommer ein Express, im Winter eine Fitness-Gruppe
Nächster Artikel
Vater vergewaltigte Tochter: 11 Jahre Haft

Ein Foto mit Symbolcharakter: Unter Einfluss von Alkohol und Drogen durchtrennte ein 18-jähriger Stadtallendorfer am Steuer eines Autos Flatterbänder, die am Marburger Messeplatz eine Fläche absperrten. Foto: Rainer Jensen

Quelle: Rainer Jensen

Stadtallendorf. Weil er unter Alkohol- und Drogeneinfluss Auto gefahren war, muss der 19-Jährige an einem Freizeit-Frust-Seminar teilnehmen und sechs Wochen lang täglich vier Stunden gemeinnützige Arbeit verrichten. Vor dem Ablauf von weiteren zehn Monaten darf ihm der am 4. Mai dieses Jahres sichergestellte Führerschein nicht wieder erteilt werden.

Der Angeklagte räumte den von der Staatsanwaltschaft angeklagten Tatvorwurf einer fahrlässigen Trunkenheitsfahrt ein. Er habe sich an dem fraglichen Abend mit Freunden im Park getroffen. Es sei Wodka getrunken worden. Zu vorgerückter Stunde habe er sich dazu breitschlagen lassen, mit zwei Kumpeln nach Marburg zu fahren, erklärte der Angeklagte.

Auf dem Marburger Messe­gelände machte der junge Mann den entscheidenden Fehler. Offenbar aus purem Übermut durchfuhr er die Flatterbänder einer neben dem Schnellrestaurant abgesperrten Fläche. Dabei wurde er beobachtet und das Kennzeichen seines Autos der Polizei gemeldet, die bei der Rückkehr des Zechers um 1.50 Uhr bereits vor der Haustür auf ihn wartete.

Das Ergebnis der um 3.10 Uhr erfolgten Blutentnahme: Zurückgerechnet 1,98 Promille. Zu Gunsten des Angeklagten berücksichtigte das Gericht den um 3.10 festgestellten Wert von 1,85 Promille. Der Drogentest ergab eine THC-Konzentration knapp über dem für das Führen eines Fahrzeugs relevanten Grenzwert.

„Sie sind mit fast zwei Promille von Stadtallendorf nach Marburg und zurück gefahren, ohne unterwegs aufgefallen zu sein. Das ist nicht nur für einen jungen Mann Ihres Alters eine stramme Leistung und spricht für regelmäßigen Alkoholkonsum in größerem Umfang“, konstatierte Oberamtsanwalt Peter Heinisch, der die Anklage vertrat.

Vorstrafe: Vergewaltigung mit 15 Jahren

Der Angeklagte räumte ein, öfter größere Mengen Alkohol zu trinken, „aber nicht regelmäßig“. Zwei Tage vor dem Vorfall habe er zuletzt gekifft, gab er an.

Neben zwei Diebstählen brachte der Angeklagte noch eine erhebliche Vorbelastung mit in die Hauptverhandlung: 2010 wurde er als 15-Jähriger wegen gemeinschaftlicher Vergewaltigung in Tateinheit mit einer Körperverletzung verurteilt.

Doch mehr als um die Vor­strafen des Heranwachsenden sorgte sich das Gericht um den Status quo des Angeklagten. Gut zwei Jahre nach dessen Realschulabschluss sucht er noch immer einen Ausbildungsplatz. Seit dem Abschluss einer schulischen Zusatzqualifizierung tut er nach eigenem Bekunden nichts.

Dieser Zustand müsse dringend beendet werden. Ihr Klient brauche einen strukturierten Alltag, sagte die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe und bescheinigte dem Angeklagten eine nur schwach ausgeprägte Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen. Sie schlug für den zur Tatzeit 18,9 Jahre alten Mann die Anwendung von Jugendrecht vor. Die Teilnahme an einem Freizeit-Frust-Seminar könne diesem helfen, sich konstruktiv mit der eigenen Situation auseinanderzusetzen. Und eine Arbeitsauflage zu festgesetzten Uhrzeiten bringe ihren Mandanten einem geregelten Leben näher.

Peter Heinisch folgte gern den Vorschlägen der Jugendgerichtshilfe. „Ich verstehe nicht, dass Sie mit Ihrer schulischen Qualifikation keinen Ausbildungsplatz finden“, sagte der Oberamtsanwalt, der das Nichtstun als das eigentliche Problem des Angeklagten ansah. Deshalb beantragte er neben der Sperrfrist für den Führerschein und der Teilnahme an dem Freizeit-Frust-Seminar auch eine Arbeitsauflage.

Vor dem Führersschein steht die Hürde MPU

„Ihr Leben braucht Struktur“, sagte der Anklagevertreter, der den Alkohol als zweites Problem ansah. „Sie sind ein trainierter Trinker, denn sonst hätten Sie die beiden Fahrten zwischen Stadtallendorf und Marburg nicht unbeschadet überstanden“, stellte Heinisch fest. Er riet dem Angeklagten, sich ernsthaft mit dem Alkoholproblem zu befassen, da erst sonst keine Chance habe, die Medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU) zu bestehen. Die wiede­rum ist nach fahrlässigen Trunkenheitsfahrten mit derart hohen Promillewerten Voraussetzung für die Wiedererlangung des Führerscheins.

Jugendrichter Joachim Filmer sprach während der Urteilsbegründung von einem „extrem hohen Alkoholwert für einen 18-Jährigen“, der ohne Alkohol-Gewöhnung nicht erreichbar sei. „Das ist ein Unding. Sie können nicht mit einem so besoffenen Kopp Auto fahren. Aus gutem Grund gilt für Ihre Altersgruppe die 0,0-Promille-Grenze“, fand Filmer deutliche Worte.

Abseits der strafrechtlichen Würdigung gab der Richter dem Angeklagten noch einen Rat mit auf den Weg. „Sie sind schon seit mehr als einem Jahr ohne Beschäftigung, was Teil des Problems ist. Gar nichts zu tun ist für Sie nicht förderlich. Und mit jedem Monat wird es schwieriger, einen Ausbildungsplatz zu finden“, sagte Filmer und ermunterte den Angeklagten, sich auch um Ausbildungsgänge zu bewerben, die nicht unbedingt den eigenen Vorstellungen von einem Traumberuf entsprechen.

von Matthias Mayer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Ostkreis

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr