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Wenn Messer und Steine wachsen

Aus dem Amtsgericht Wenn Messer und Steine wachsen

Binnen kurzer Zeit stellte das Kirchhainer Amtsgericht gleich zwei Strafprozesse gegen einen Angeklagten ein. Diese Gunst des Schicksals traf einen 75-jährigen Rentner aus Kirchhain.

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Der Schauplatz des Geschehens: An dieser Bank vor dem Kirchhainer Bahnhof kam es zu einem Streit um 20 Euro zwischen einem 28-Jährigen und einem Rentner. Foto: Matthias Mayer

Kirchhain. Ein ungewöhnliches Verhaltensmuster hat diesen Mann gerichtsbekannt gemacht. Obwohl nur von einer Kleinstrente lebend, gewährt er großzügig Darlehen an Mitbürger, deren Kreditwürdigkeit die Ratingagenturen auf Ramschniveau einstufen würden. Entsprechend dürftig fällt der Rückfluss des verliehenen Geldes aus, was den enttäuschten Gläubiger gelegentlich veranlasste, äußerst rabiat gegen seine Schuldner vorzugehen, was dann Polizei und Staatsanwaltschaft auf den Plan rief.

Die jetzt vor dem Kirchhainer Amtsgericht verhandelteten Fälle hatten nur mittelbar mit den verlustreichen Kreditgeschäften zu tun. Vor Strafrichter Joachim Filmer hatte sich der Rentner wegen des Vorwurfs der Hehlerei zu verantworten. Er hatte ein neuwertiges Mountainbike mit einem Zeitwert von rund 500 Euro für nur zehn Euro gekauft. Er hätte laut Anklage wissen müssen, dass es sich bei dem Fahrrad um Diebesgut handele.

Zeuge hat 3 000 statt300 Euro Schulden

Das wies der Rentner zurück. Der Verkäufer habe ihm versichert, dass das Fahrrad sein Eigentum sei. Den niedrigen Kaufpreis erklärte er damit, dass der Verkäufer einer seiner Schuldner sei. Deshalb sei verabredet worden, den Wert des Rades mit den Schulden zu verrechnen. Die Höhe der Schulden gab der Angeklagte mit 300 Euro an.

Da muss er sich zu seinen Ungunsten dramatisch verrechnet haben, denn der Rad-Verkäufer räumte im Zeugenstand frank und frei ein, dem Rentner 3000 Euro zu schulden. Von einer Verrechnung seiner Schulden mit dem Kaufpreis sei keine Rede gewesen. Er habe das Rad, dass er nach eigener Aussage in der Kirchhainer Feldgemarkung gefunden haben will, von seinem Gläubiger 30 Euro haben wollen. Dieser habe aber nur zehn Euro bezahlen wollen.

Richter Joachim Filmer sprach von einem Hehlerei-Fall im Grenzbereich, und stellte das Verfahren mit Billigung der Staatsanwalt wegen des noch ausstehenden Prozesses vorläufig ein.

In diesem ging es um Bedrohung und um versuchte gefährliche Körperverletzung. Laut Anklage soll der Rentner am 4. März dieses Jahres einen ihm bekannten Passanten vor dem Kirchhainer Bahnhof mit einem Messer und den Worten „Messer, Bauch, Friedhof“ bedroht und später mit zwei Steinen beworfen haben.

Nach den Aussagen des 28-Jährigen und seiner beiden Begleiterinnen hat sich der Vorfall wie folgt abgespielt: Der Angeklagte befuhr gegen 15.30 Uhr mit seinem Rad den Bahnhofsvorplatz in Kirchhain, wo er von dem 28-Jährigen angehalten wurde. Der Grund: Dieser hatte nach eigenen Worten vom Rentner noch 20 Euro aus einem Schrottgeschäft zu bekommen. Der 75-Jährige ließ an der Sitzbank am Pflanzbecken sein Rad fallen, zog ein Messer aus der Innentasche seiner Jacke und bedrohte den jungen Mann. Der gab Fersengeld und floh auf den benachbarten Schotterparkplatz. Der Rentner folgte ihm und bewarf ihn mit zwei Steinen, die beide ihr Ziel verfehlten.

Bei den entscheidenden Details gingen die Aussagen der drei Zeugen weit auseinander. Das Messer war nach den Schilderungen 20, 30 oder 40 Zentimeter lang. Das Gericht konnte sich nur schwerlich vorstellen, wie jemand mit einer solchen Machete in der Jackeninnentasche radeln kann, ohne sich selbst zu erdolchen.

Dinkelbrötchen- oder Handball-Größe

Auch die Angaben zu der Größe der Steine ähnelten einem Preisbieten. Der 28-Jährige sprach vom Format eines kleinen Pflastersteins. Die jüngste Zeugin unterbot ihn mit einem hübschen Vergleich: Die Steine erinnerten sie an „Dinkelbrötchen“. Ihre ältere Schwester bracht das größte Format ins Spiel: Handball-Größe sollen die Sandstein-Wacker gehabt haben, mit denen der 75-Jährige den Flüchtenden 28-Jährigen beinahe getroffen hatte.

Nach ihrer Aussage befand sich der 28-Jährige durchaus in Wurfweite des alten Mannes. Ihre jüngere Schwester und das Beinahe-Opfer sahen dagegen einen reichlichen Abstand zwischen dem Werfer und seinem Ziel.

Der Angeklagte selbst trug wenig zur Wahrheitsfindung bei, da er auf die Fragen des Gerichts Geschichten erzählte, die meist nichts mit den Fragen und dem Fall zu tun hatten.

Amtsgerichtsdirektor Edgar Krug fasste seine Eindrücke zusammen. Es spreche Einiges für die Bedrohung und den Messereinsatz. Eine Gefährdung für den 28-Jährigen habe aber nicht bestanden, da es stets einen ausreichenden Sicherheitsabstand gegeben habe.

Der Richter regte deshalb die vorläufige Einstellung des Verfahrens auf Kosten der Staatskasse ein. Die Staatsanwaltschaft stimmte dieser zu.

von Matthias Mayer

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