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Wenn Bildungsbürger plötzlich dealen

Älteres Ehepaar handelt mit 135 Kilo Haschisch Wenn Bildungsbürger plötzlich dealen

Was bringt ein unbescholtenes Ehepaar im fortgeschrittenen Alter, das dem Bildungsbürgertum zuzurechnen ist, dazu, einen schwunghaften Haschisch-Großhandel aufzuziehen? Die Antwort auf diese Frage findet sich in der Anklageschrift.

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In einem Wäldchen oberhalb von Schönbach versteckte ein Ehepaar in vergrabenen Kunststoff-Tonnen große Mengen Haschisch-Platten.
Foto: Matthias Mayer

Kirchhain. Der Angeklagte und dessen gesondert verfolgte Ehefrau haben zwischen dem Frühjahr 2008 und Mai 2013 gemeinschaftlich mit Drogen gehandelt, um ihre Lebensverhältnisse aufzubessern, heißt es in der Anklageschrift von Staatsanwalt Dr. Kurt Sippel. Der erfahrene Jurist wird in seinem Plädoyer einräumen, dass er sich ganz zu Beginn des Ermittlungsverfahrens damit schwer getan habe, an die Schuld der in Kirchhain lebenden Eheleute zu glauben. „So gestellte Leute tun so etwas nicht“, sei sein Gedanke gewesen.

Wer den Angeklagten und dessen Ehefrau gestern im Schwurgerichtssaal erlebt hat, wird dem Staatsanwalt nicht widersprechen. Schwerkriminelle sehen in der Vorstellung völlig anders aus.

Der Vater von zwei erwachsenen Kindern ist nach gut drei Monaten Untersuchungshaft mitten im Hochsommer kreidebleich im Gesicht. Er bedankt sich höflich bei dem Justizbeamten, der ihm vor der Verhandlung die Handschellen abnimmt. In seinen Gesichtszügen ist nichts Boshaftes, nichts Aggressives zu erkennen. Er spricht während der Verhandlung wenig, lässt zur Sache seinen Verteidiger Sascha Marks reden. Der Mann mit einem Intelligenzquotienten knapp an der Grenze zum Hochbegabten wirkt beherrscht. Zugleich geht von ihm eine gefasste Traurigkeit aus.

Sein Rechtsanwalt wird ihm gesagt haben, dass eine lange Freiheitsstrafe auf ihn wartet. Gegen diese scheint er sich nicht wirklich zu wehren. Er räumt ein, zwischen 2008 und Ende 2012 an einen Käsehändler und Landwirt aus dem Mittelfränkischen in etwa zehn Teillieferungen rund 60 Kilo Haschisch verkauft zu haben. Der Stoff sei zunächst auf einem Wanderparkplatz bei Anzefahr, später auf dem Anwesen der Familie übergeben und ratenweise bezahlt worden. Er gibt zu, 2012 und Anfang dieses Jahres von einem gewissen „Micha“ einmal 30 und einmal 45 Kilo Haschisch gekauft zu haben. Seinen vorherigen Lieferante nennt er nicht. Zu seinen späteren Abnehmern schweigt er sich aus.

Die große Liebe wird zur großen Enttäuschung

Was ihn wirklich umtreibt, ist das Verhalten seiner Frau. Die war, so seine anwaltlich vorgetragene Aussage, für das Finanzielle zuständig, führte Buch über die Verkaufserlöse und über noch offene Beträge, betrieb das Mahnwesen und vereinbarte mit den Kunden telefonisch die Übergabe-Termine - bis das Paar am 16. Mai dieses Jahres aufflog und verhaftet wurde, nachdem zuvor die Nebenerwerbsquelle des fränkischen Käsehändlers polizeibekannt geworden war und dieser umfassend über seinen Lieferanten ausgesagt hatte.

Über den 63-Jährigen müssen sich schlimme Aussagen seiner Ehefrau in den Gerichtsakten finden. Das klang während der Hauptverhandlung immer wieder an. Nur einmal wehrt er sich vor der 1. Große Strafkammer gegen die unausgesprochenen Vorwürfe. Es stimme nicht, dass er den ganzen Tag nur auf dem Sofa gelegen habe. Ebenso wenig sei die Ehe zerrüttet gewesen. „Unsere Beziehung war bis zur Festnahme harmonisch und in Ordnung“, sagt er im sachlichen Ton.

Und später, als das Klassement für ihn schon gemacht ist, wendet er sich in der Verhandlungspause vor der Urteilsverkündigung noch einmal an den Staatsanwalt, bezeichnet seine Frau als die große Liebe seines Lebens. Er habe ihr teuren Schmuck geschenkt und viel für ihr Interessengebiet gearbeitet. Er finde keine Erklärung für ihr Verhalten. „Sie war es, die das ganze Geld verwaltet und letztlich auch zusammen mit den Edelmetallen und dem Schmuck meiner Familie vergraben hat; ich wusste noch nicht einmal wo.“

Die Ehefrau hatte sofort nach ihrer Verhaftung mit der Polizei kooperiert, die Beamten zu Haschisch-Depots in kleinen Erdbunkern geführt, die in einem Wäldchen oberhalb von Schönbach angelegt worden waren. Darin fanden die Beamten 38 Kilo Cannabis. Später führte sie die Polizisten auch zu Verstecken auf dem Grundstück des Ehepaares. An jenem Pfingstsamstag muss sich eine regelrechte Goldgräberstimmung unter den Ermittlern breit gemacht haben, denn sie gruben 150000 Euro sowie Gold, Silber und Schmuck im Wert von 153000 Euro aus, wie ein Beamter im Zeugenstand sagt. Später habe die Ehefrau noch ein Bündel mit 15000 Euro gefunden und der Polizei übergeben. Die Frage von Dr. Kurt Sippel, ob es während der achtwöchigen Telefonüberwachung Anzeichen für eine zerrüttete Ehe offenbar geworden seien, verneint der Beamte. Die Eheleute hätten einen guten Umgangston in den Telefonaten gepflegt, noch mit Kosenamen begrüßt und zum Teil auch verabschiedet.

„Micha“ liefertemit dem Lkw

Die Ehefrau gibt dagegen als Zeugin an, dass ihre Ehe zu Beginn des Drogenhandels 2008 „schwierig“ gewesen sei. Sie habe nur mitgemacht, um ihrem Mann gegenüber nichts falsch zu machen. Es habe keinen Zweck gehabt, sich dagegen zu wehren. Sie bestreitet, für die finanziellen Dinge zuständig gewesen zu sei. Sie habe es kaum gewagt, aus der Schublade mit dem Drogengeld etwas für sich zu nehmen. Ihr Mann habe sie knapp gehalten, sagt sie. Auch über Einkaufs- und Verkaufspreise und über die Gewinnspanne könne sie nichts sagen. Sie habe sich nicht dafür interessiert.

So viel Unwissenheit macht den Staatsanwalt stutzig: „Ist die Ihnen zugestellte Anklageschrift falsch? Stimmen die Tatvorwürfe nicht?“ Die Antwort der 49-Jährigen ist bemerkenswert. Sie kenne ihre Anklageschrift nicht, weil sie diese auf Anraten ihres Anwalts nicht gelesen habe. „Der Umschlag ist noch zu.“

Auf drängende Fragen des Gerichts sagt sie doch noch einige Details zum Tatgeschehen, bekennt sich dazu, die Erddepots mit Drogen befüllt und dort auch Drogen abgeholt zu haben. Außerdem erklärt sie, wie „Micha“ mit einem Lkw die beiden letzten beiden Großlieferungen brachte und welche Mengen die letzten beiden Kunden des Paares kauften.

Die Staatsanwaltschaft wertete die zehn Teillieferungen von zusammen 60 Kilo Haschisch an den Käsehändler wegen der erst zum Schluss vollständigen Bezahlung als eine Tat, für die er eine Einzelstrafe von vier Jahren und sechs Monaten forderte. Auch den Erwerb und Verkauf der 30-Kilo-Lieferung aus 2012 und den Erwerb und Teilverkauf der 45 Kilo Haschisch bewertete er als je eine Tat, für die er drei Jahre beziehungsweise drei Jahre und 6 Monate beantragte. Als Gesamtstrafe forderte Dr. Kurt Sippel eine Freiheitsstrafe von acht Jahren.

Sascha Marks blieb mit seinem Strafantrag zwei Jahre unter dem der Anklage. Er hob die Werthaltigkeit des Geständnisses seines Mandanten, dessen Lebensalter und die fehlenden Vorbelastungen als strafmildernd hervor. Diese Punkte erkannte auch das Gericht an. Allerdings habe der Angeklagte den Grenzwert zum Drogenhandel in geringen Mengen gleich um das 2000fache überboten. 93 Kilo in Umlauf gebrachte Haschisch-Platten seien eine große Gefährdung für die Volksgesundheit, begründete Dr. Carsten Paul das Strafmaß von sieben Jahren Haft.

von Matthias Mayer

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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