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Weniger Lesung, mehr Erzählcafé

Kunst- und Kulturtage Weniger Lesung, mehr Erzählcafé

Er sprach über Ängste im Gefecht, die Langeweile auf dem Beobachtungsposten, die Hitze oder die Menschen in Afghanistan. Kurz: Johannes Clair sorgte für eine abwechslungsreiche Veranstaltung.

Stadtallendorf. Die Politik blieb bei der vom Förderverein Stab/Stabskompanie DSO organisierten und der Oberhessischen Presse präsentierten Veranstaltung größtenteils außen vor. Johannes Clair, Autor des Buches „Vier Tage im November“, sprach nicht über Sinn oder Unsinn des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan - und auch die Besucher taten dies nicht. Allerdings erklärte er, dass er den Einsatz für militärisch unterstützenswert halte, dieser jedoch „politisch unzureichend durchgeführt“ werde.

Im Mittelpunkt seiner Lesung stand das Vermitteln von Eindrücken und Erlebnissen eines Soldaten - und die waren vielfältig, aufregend und schockierend. So sprach Clair unter anderem über die ungewohnte Hitze, die in Kombination mit fehlenden Kühlungsmöglichkeiten das soziale Gefüge unter den Soldaten belastet habe. Er widmete sich aber auch seinen Gefühlen - von der Langeweile auf dem Beobachtungsposten 431 bis hin zu den ungewohnten Ängsten, die erst nach einigen Wochen aufgetreten seien.

Clair berichtete, er habe erst nach einigen Wochen und einem Beschuss aus nächster Nähe Angst gespürt - von da an sei diese jedoch nicht mehr weggegangen. Am schlimmsten sei sie während eines viertägigen Gefechtes im November 2010 gewesen. Absolute Handlungsunfähigkeitsei die Folge gewesen -ein Gefühl, das er bis dato gar nicht kannte.

Nur selten las Clair Passagen aus seinem Buch vor. Er zog es viel eher vor, frei zu sprechen und seine Berichte mit Fotos, Videosequenzen und Anschauungsmaterial erlebbar zu machen. Besonders eindrucksvoll gelang dies mit den kurzen Einspielern, die im Schützengraben gedreht wurden. Manch Zuhörer musste sich zunächst bewusst machen, dass die Videos nicht aus einem Film stammten, sondern aus dem realen Leben. War dies schon schockierend, so hinterließen Erinnerungsstücke wie ein scharfkantiger Splitter einer Granate, die neben Clair im Sand gelandet war, ein Gefühl der Beklommenheit.

Besonders bitter war die Veranstaltung, als der Autor über die Menschen in Afghanistan und oftmals fehlende Bildung und Bildungsmöglichkeiten sprach und fragte, wer eigentlich der Feind sei in einem Land, in dem 49 Sprachen gesprochen werden und dessen Infrastruktur nach europäischen Standards nicht vorhanden ist. „Die Taliban“, reiche jedenfalls nicht als Antwort, erklärte er und berichtete von Fehden zwischen Bevölkerungsgruppen, Stämmen, Dörfern oder schlicht Nachbarn, die sich letztendlich auch auf die Nato-Truppen auswirkten. Ein Schlagwort in diesem Zusammenhang war Neid.

Konflikt muss Thema bleiben

An die „Lesung“ schloss sich noch eine von OP-Redakteur Michael Rinde moderierte Diskussion an. Zahlreiche Zuhörer nutzten diese, um Clair Fragen zu stellen. So relativierte dieser durch seine Erfahrungsberichte zum Beispiel die Kritik an Gewehren und anderen Ausrüstungsgegenständen. Er betonte aber auch, dass eine der Hauptursachen für die Konflikte in der Region in Pakistan liege - ein Land, das Clair als „gescheiterten Staat“ bezeichnete.

Ihm sei wichtig, dass das Thema Afghanistan nicht totgeschwiegen werde sondern die Menschen darüber sprechen, fasste Clair zusammen. Er könne keine Lösung für den Konflikt anbieten - ein wichtiger Schritt sei aber dadurch getan, dass die Situation und die Probleme angesprochen und die vertrackte Situation aufgezeigt wurde.

von Florian Lerchbacher

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