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Weil ihnen der Freund nicht passte schlugen Eltern zu

Gericht Weil ihnen der Freund nicht passte schlugen Eltern zu

Ein Klaps auf den Po und ein bis zwei Schläge mit der flachen Hand auf den Oberarm - das ist alles, was ein Kirchhainer Elternpaar am 17. November 2015 seiner Tochter angetan haben will.

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Vor dem Kirchhainer Amtsgericht musste sich ein Elternpaar verantworten, das seine Tochter geschlagen hatte.

Quelle: Archivfoto

Kirchhain. Die 42 und 41 Jahre alten türkischen Eheleute mussten sich vor dem Kirchhainer Amtsgericht verantworten, weil sie, wie es im Anklagesatz steht, an dem fraglichen Tag um 18.20 Uhr auf dem Schulhof der Alfred-Wegener-Schule auf ihre am Boden liegenden Tochter eingetreten und eingeschlagen und anschließend an den Haaren hochgezogen und weggezerrt haben sollen.

Nach der letztlich gemeinsamen Überzeugung der Staatsanwaltschaft und des Gerichts war das Treffen des volljährigen und in Deutschland geborenen Mädchens mit ihrem Freund Auslöser für die Ausraster der Eltern.

Die beiden Angeklagten, die laut Dolmetscher fast jeden zweiten Satz mit den Worten „ich will nicht lügen“, begannen, schilderten das Geschehen ganz anders. Die Familie sei vom Bruder des Vaters zum Abendessen erwartet worden. Die Tochter sei nicht zum verabredeten Zeitpunkt erschienen.

Aus Angst um ihr Kind hätten er und seine Frau sich mit dem Auto auf die Suche nach ihrer Tochter gemacht, sagte der Angeklagte. Zitternd vor Angst, hätten sie diese schließlich auf dem Schulgelände gefunden, sagte der Angeklagte.

„Wir sind eine glückliche Familie. Alles ist gut“

Auf Nachfragen von Richter Joachim Filmer und Amtsanwältin Tina Grün räumten die Eheleute die harmlosen drei Schläge gegen ihre Tochter ein - und die Anwesenheit eines Mannes auf dem Schulhof, den „die Familie nicht leiden könne“. Ob er auch getreten habe? „50:50“, lautete die Antwort des Vaters, der von einer rein innerfamiliären Angelegenheit sprach und versicherte: „Wir sind eine glückliche Familie. Alles ist gut.“

Da die als Zeugin geladene Tochter von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch gemacht hatte, blieben zur Aufklärung nur noch zwei neutrale Zeugen. Und diese erwiesen sich als Zeugen der besten Art. Präzise und detailgenau schilderte eine Lehrerin, was sie im Anschluss an eine Konferenz, alarmiert durch Schreie auf dem Schulhof, aus vier Metern Entfernung beobachtet hat.

Ein Mädchen liegt auf der linken Seite auf dem Boden. Vor ihr steht an den Beinen der Vater, der dem Opfer gegen die Beine und in den Unterleib tritt. Hinter dem Mädchen steht die Mutter, schlägt berserkerhaft auf Kopf und Rücken der Tochter ein, die nicht den Versuch macht, sich zu wehren.

Lehrerin befindet sich in einer Art Schockstarre

Die 25-jährige Lehrerin empfindet große Angst, befindet sich in einer Art Schockstarre. „Ich war noch nicht einmal in der Lage, ,Stopp‘ zu rufen“, sagt sie dem Gericht. Der jüngere Bruder des Opfers bemerkt die Zeugin und ruft den Vater in türkischer Sprache etwas zu. Dieser zieht seine Tochter an den Haaren nach oben, begleitet von weiteren Schlägen der Mutter. An den Haaren wird die Tochter auf dem Treppenweg abwärts geführt.

Die Lehrerin eilt zurück ins Schulgebäude, berichtet den Kollegen von der Attacke. Zwei Lehrer rennen raus, einer von ihnen sagt als Zeuge aus.

Er erzählt von einer dichtgedrängten Gruppe, die sich Richtung Sporthalle zu einem Auto bewegt habe. Die Lehrer eilen dazu, stellen den Vater zur Rede. Der sagt, dass sich seine Tochter mit einem Jungen getroffen habe. Er habe das Recht dazu, die Dinge zu regeln. Das sei eine innerfamiliäre Angelegenheit.

Die Tochter steigt aus dem Auto aus und erklärt den Lehrern, das alles in Ordnung ist. Derweil ist die Mutter völlig aus der Puste. Sie habe geschnauft, wie manche Schülerin nach einem 100-Meter-Lauf, sagt der Zeuge. Die Lehrer erklären dem Vater, dass so etwas nicht gehe und alarmieren die Polizei, die später bei dem nicht ärztlich untersuchten Opfer eine Rötung und Schwellung der linken Wange feststellt.

Vorstufe zum sogenannten Ehrenmord

Tina Grün warf den Angeklagten vor, mit ihren Teilgeständnissen den Vorfall heruntergekocht zu haben. Die Zeugin habe extreme Tritte und Schritte gegen die Tochter und das Zerren an den Haaren beschrieben. Das Opfer müsse sich dabei erhebliche Hämatome zugezogen und große Schmerzen erlitten haben.

Und das alles wegen eines Mannes, den die Familie nicht leiden könne. „Das ist die Vorstufe zum sogenannten Ehrenmord“, ordnete die Anklagevertreterin das Verbrechen ein. Sie beantragte, die beiden nicht vorbestraften Eheleute wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung zu Freiheitsstrafen von je acht Monaten zu verurteilen, die auf drei Jahre zur Bewährung auszusetzen sind.

Zudem beantragte Tina Grün gegen Vater, einen Facharbeiter, eine Geldstrafe in Höhe von 1200 Euro und gegen die Mutter, eine Minijobberin, in Höhe von 350 Euro zu verhängen.

Richter Joachim Filmer wich im Urteil nur geringfügig vom Antrag der Anklage ab. Er verteilte den Vater wegen des größeren Tatbeitrags zu einer Freiheitstrafe von 9 Monaten und die Mutter zu einer siebenmonatigen Freiheitsstrafe, beide auf drei Jahre zur Bewährung.

Zudem muss der Vater 1200 Euro an den Verein „Frauen helfen Frauen“ bezahlen. „Sie haben eben kein Recht, Ihre Tochter so zu behandeln. Sie müssen sich an deutsche Gesetze halten. Sie haben massiv die Gesundheit Ihrer Tochter beschädigt und - unvorstellbar - auf Ihr wehrlos am Boden liegendes Kind eingetreten“, sagte Filmer, der sich von der Bewährungshilfe entsprechende Aufklärung der Eltern erhofft.

von Matthias Mayer

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