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Weihnachten schon vor dem Fest

Flüchtlingsfamilien suchen Wohnungen Weihnachten schon vor dem Fest

Ein babylonisches Sprachgewirr füllt das Café im Erdgeschoss des Kirchhainer Jukuz. Mazedonier, Albanier, Afghanen, Iraner, Pakistani, Serben und Syrer reden gleichzeitig, haben sich etwas zu erzählen.

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Pfarrer Rainer Wilhelm (2. von links) und Henner Thielemann (3. von links) freuen sich mit den Flüchtlingen (von links) Suad Kerimow, Feriz Schabani, Magber Schabani mit Tochter Medine und Egzon Schabani über deren bevorstehenden Umzug in eigene Wohnungen. Fotos: Matthias Mayer

Kirchhain. Helga Sitt vom Kirchhainer Arbeitskreis Flüchtlingshilfe möchte die Flüchtlingsfamilie gern zum weihnachtlichen Begegnungscafé willkommen heißen, doch sie dringt nicht durch, auch weil die zahlreichen Kinder ihrem Bewegungsdrang nachgeben, herumtollen oder sich am Tisch-Kicker austoben. Es bedarf des energischen Pfiffs eines jungen Dolmetschers, um ihr Gehör zu verschaffen - für einen Augenblick zumindest. Dann öffnet sich hinter ihr die Tür, und eine Großfamilie mit einer unüberschaubaren Zahl von Kindern flutet den Saal - begleitet von einem großen Hallo. Helga Sitt kommt gerade noch dazu, das Programm des Nachmittags für die Kinder bekanntzugeben: Plätzchen backen und Weihnachtssterne basteln. Dann bricht sich der allgemeine Trubel wieder seine Bahn.

Eine Weihnachtsfeier im klassischen Sinne ist bei dieser Gemengelage nicht möglich, auch wenn die Tische liebevoll weihnachtlich dekoriert und reichhaltig mit Stollen, Plätzchen und Lebkuchen bestückt sind. Dazu ist das Begegnungscafé zu sehr wichtige Nachrichten- und Kontaktbörse zwischen den Flüchtlingsfamilien und deren ehrenamtlichen und hauptamtlichen Helfern.

Größter Wunsch: raus aus Gemeinschaftsunterkunft

Auch wenn die deutsche Weihnachtskultur bei den Flüchtlingen an diesem Tag hauptsächlich durch den Magen geht, erleben zwei Familien schon ihr vorgezogenes Weihnachtsfest: Sie kommen endlich raus aus der Gemeinschaftsunterkunft und beziehen in dieser Woche eigene Wohnungen.

Voller Vorfreude drängen sich diese Familien an einem Tisch um Gordon Schneider. Zu den vielfältigen Aufgaben des Fachbereichsleiters bei der Kirchhainer Stadtverwaltung zählen auch die Flüchtlings-Angelegenheiten. Gordon Schneider gibt den Familien letzte Informationen zum Umzug. Umstehende werfen verstohlene und sehnsuchstvolle Blicke auf Gordon Schneider, aber der kann nur Wohnungen an Flüchtlingsfamilien vermitteln, die zuvor von Kirchhainer Bürgern angeboten oder vom Landkreis angemietet wurden.

Der Großteil der rund 60 Flüchtlinge, die derzeit in Kirchhain leben, wohnen noch in einer Gemeinschaftsunterkunft . Gemeinsam ist allen Familien der sehnliche Wunsch nach einem eigenen Zuhause.

Was das angeht, tragen Flüchtlingsfreud und Flüchtlingsleid in Kirchhain derzeit die gleiche Nationalität (Mazedonien) den gleichen Familiennamen: Schabani. Für Feriz und Magber Schabani mit Tochter Medine und Sohn Egzon hat Gordon Schneider eine passgenaue Wohnung nach den Wünschen der Familie gefunden. Die Wohnung ist zuerst auf den herzkranken Vater Feriz zugeschnitten, der schon zwei Bypass-Operationen hinter sich hat.

Töchterchen Medine, die für ihre ganze Familie dolmetschen kann, ist ganz hippelig vor Freude. „Ich will alleine schlafen und bekomme mein eigenes Zimmer. Im Hotel schlafen wir alle zusammen, aber in der Wohnung nicht“, erzählt sie und schiebt gönnerhaft nach: „Mein Bruder soll auch sein eigenes Zimmer bekommen.“

Elfköpfige Familielebt in zwei Zimmern

Von so viel Luxus kann die Familie von Nusret Schabani nur träumen. Er ist zusammen mit seiner Frau und seinen neun Kindern nach Kirchhain gekommen. Er berichtet im Gespräch mit dieser Zeitung, das seine elfköpfige Familie inzwischen seit einem Jahr und einem Monat in zwei Hotelzimmern leben muss: „Viele Kinder, keine Ruhe, viel Krach.“

Der Familienvater erzählt von dem nervtötenden Lärm in den beiden Zimmern, dem niemand entfliehen könne, von den extrem beengten und belastenden Verhältnissen. In Ermangelung von Tischen und Stühlen könnten seine schulpflichtigen Kinder keine Hausaufgaben machen.

Sein sehnlichster Wunsch ist nachvollziehbar: Raus aus der Gemeinschaftsunterkunft, rein in eine Wohnung, die seiner Familie erträgliche Lebensbedingungen bietet.

Besser ergeht es der sechsköpfigen Familie von Suad Kerimow. Die Kerimows ziehen mit ihren 4 und 17 Jahre alten Töchtern und ihren 13 und 15 Jahre alten Söhnen ebenfalls in dieser Woche in eine eigene Wohnung.

Konrad Weber sieht dann auch eine positive Entwicklung auf dem Wohnungsmarkt. „Es kommt Bewegung in die Sache“, sag der ehrenamtliche Mitarbeiter des Arbeitskreises. Als Beispiel nannte er ein Wohnhaus, das nun für eine zehnköpfige Flüchtlingsfamilie in seiner unmittelbaren Nachbarschaft zur Verfügung gestellt werde. Er habe seine Nachbarn bereits über den bevorstehenden Einzug der Familie informiert. Das Echo sei durchaus positiv gewesen, sagt der Gewerkschafter, der den Bürgern seine Stadt einen offenen und hilfsbereiten Umgang mit den Flüchtlingen bescheinigt.

Henner Thielemann war mit einer Schrankladung voller Kuscheltiere zum Begegnungscafé gekommen, die er an die Kinder verschenkte. „Wir geben hier Impulse für die Integration. Wir müssen den Flüchtlingen jetzt aber auch eine Perspektive bieten“, sagt er.

Ein Stück Wilhelm Voigtin Kirchhain

Was die Perspektive angeht, sieht Wolfgang Budde auch die Kirchhainer Arbeitgeber am Zug. Die neue rechtliche Lage erlaube es den meisten der in Kirchhain lebenden Flüchtlingen auch zu arbeiten. Er wäre dankbar, wenn die Flüchtlinge vorerst zumindest bei der Vergabe von Aushilfsjobs oder Saisonarbeitsplätzen berücksichtigt würden sagt er.

Wolfgang Budde erzählt, dass die Arbeitsaufnahme mitunter auch an der deutschen Bürokratie scheitern kann. Ein Pakistani mit Hochschulabschluss habe wegen seiner Ehe mit einer Afghanin seine Heimat fluchtartig verlassen müssen - ohne Papiere. Mithilfe von Tests habe er in Deutschland auch ohne Papiere seine berufliche Qualifikation nachweisen können, was ihm eine Anstellung eingebracht habe. Um seinen Arbeitsplatz im Dreischicht-Betrieb erreichen zu können, hätte er den Führerschein machen müssen. Das wiederum sei an den fehlenden Papieren gescheitert. . . Was ist der Mensch ohne Papiere? Ein Stück Wilhelm Voigt in Kirchhain.

Trotz dieser Fährnisse sieht Wolfgang Budde eine gute Stimmung unter den Flüchtlingen. „Sie fühlen sich in Kirchhain richtig gut aufgenommen“, sagt er, den besonders die Höflichkeit der Flüchtlingsfamilien beeindruckt. „Sowohl Kinder als auch Erwachsene grüßen Dich, geben Dir die Hand“, so seine Erfahrung.

Für ihn ist neben der Wohnungssituation die Sprache das größte Problem: „Die Mazedonier sprechen perfekt Französisch, die Albaner sehr gut Italienisch oder Englisch. Und der Wille, die deutsche Sprache zu lernen, ist bei allen vorhanden. Es fehlt meistens an Kontakten, um das Erlernte im Gespräch anzuwenden“, sagt er.

Für Stadtjugendpflegerin Silke Baumgardt, die von Beginn an die Kinder und Jugendlichen der Flüchtlingsfamilien in ihren täglichen Angeboten hat, war die Sprache nur am Anfang ein Problem. „Es ging auch wegen der Sprachschwierigkeiten zunächst turbulent zu. Aber die Kinder lernen die Sprache rasend schnell. Inzwischen haben sich alle gut eingewöhnt“, sagt Silke Baumgardt, während sie auf der Empore bei den Bastelarbeiten hilft und gleichzeitig die dicht umlagerten Internet-PCs im Auge behält.

Deren jugendliche Nutzer streiten sich darum, wer als nächster mit der Heimat chatten oder ein Youtube-Video ansehen darf. Und darin unterscheiden sie sich in nichts von ihren deutschen Alterskameraden.

von Matthias Mayer

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