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Wegen zweier Schwarzfahrten droht der Knast

Bewährungsversagerin in großer Not Wegen zweier Schwarzfahrten droht der Knast

„Ich kann und will mir nicht vorstellen, was in Ihrem Kopf vorgeht“, sagte Strafrichter Joachim Filmer gestern zum Abschluss einer Hauptverhandlung an die Adresse einer Angeklagten aus Rauschenberg.

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Fahrscheinkontrolle in einer Straßenbahn. Schwarzfahren lohnt sich nicht, wie der drastische Fall einer jungen Rauschenbergerin zeigt. Archivfoto: dpa

Quelle: Roland Weihrauch

Kirchhain / Rauschenberg. Auf die 26-Jährige kommt großes Ungemach zu, denn auf Antrag der Staatsanwaltschaft verurteilte das Gericht sie wegen Leistungserschleichung in zwei Fällen zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von drei Monaten. Weder Gericht noch Anklage sahen eine Möglichkeit, diese Freiheitsstrafe zur Bewährung auszusetzen. Die Angeklagte hatte zuvor zwei Schwarzfahrten in Regionalzügen der Deutschen Bahn am 18. September 2014 und am 5. November 2014 gestanden.

In den seltensten Fällen werden zwei einzelne Schwarzfahrten überhaupt angezeigt - geschweige denn, dass sich ein Gericht mit zwei solchen vermeintlichen Bagatell-Delikten in einer Hauptverhandlung beschäftigt. Im Fall der jungen Rauschenbergerin lagen die Dinge anders. Sie brachte erhebliche einschlägige Vorstrafen mit in den Gerichtssaal.

2009 erstmals wegen Betrugs verurteilt

Wie Richter Joachim Filmer vortrug, wurde sie 2009 wegen Betrugs erstmals verurteilt. 2011 folgte die nächste Verurteilung wegen acht Schwarzfahrten, die mit einer Geldstrafe geahndet wurden. 2012 trug ihr ein ganzes Bündel von Betrügereien und Schwarzfahrten erstmals eine saftige Freiheitsstrafe in Höhe von neun Monaten ein, die das Kirchhainer Amtsgericht auf drei Jahre zur Bewährung aussetzte. Das geschah, so Joachim Filmer zu der Angeklagten, „in der festen Überzeugung, dass ich Sie hier nie wiedersehe. Spätestens an diesen Punkt hätten Sie verstehen müssen, worum es jetzt für Sie geht“, rekapitulierte der Richter seine damalige Erwartungshaltung.

Die wurde enttäuscht. Im Juli 2014 stand die „Stammkundin“ erneut vor dem Richter. Trotz laufender Bewährung hatte sie erneut 22 Mal Züge benutzt, ohne zu bezahlen. Das Kirchhainer Amtsgericht ahndete dies mit einer sechsmonatigen Freiheitsstrafe ohne Bewährung. Da die Berufungsverhandlung vor dem Marburger Landgericht noch nicht stattgefunden hat, ist dieses Urteil noch immer nicht rechtskräftig.

Prekären Arbeitsverhältnis als Mini­jobberin

„Genau sechs Wochen nach der Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe ohne Bewährung fahren Sie wieder schwarz. Das ist nicht nachvollziehbar, das verstehe ich nicht“, sagte der Richter.

„Ich habe jetzt verstanden“, versicherte die Angeklagte. Sie rechtfertigte die beiden Schwarzfahrten mit ihrem prekären Arbeitsverhältnis als Mini­jobberin in Frankfurt. An den fraglichen Tagen habe sie einfach kein Geld für ein Ticket gehabt, habe aber ihrer beruflichen Verpflichtung nachkommen wollen. „Ich bin keine notorische Schwarzfahrerin. Es tut mir leid, es wird nie wieder vorkommen“, versicherte sie.

„Das haben Sie mir schon 2012 und 2014 versprochen“, entgegnete der Richter, der zudem zum Thema „notorische Schwarzfahrerin“ eine Zahl parat hatte: 77 Schwarzfahrten der Rauschenbergerin sind inzwischen aktenkundig.

Verteidigungsieht Umdenken

Die Pflichtverteidigerin bescheinigte ihrer Mandantin ein Umdenken für die Nutzung von Bus und Bahn. „Seit November ist nichts mehr passiert“, sagte sie. Die beiden letzten Schwarzfahrten seinen aus einer besonderen Situation heraus entstanden, die noch einmal die Verhängung einer Geldstrafe ermöglichten. Sie bat das Gericht darum, einer beruflichen Neuorientierung ihrer Mandantin nicht im Weg zu stehen.

Anklage und Gericht bewerteten die Beweisaufnahme anders. Der Angeklagten droht nun - unabhängig vom Arbeitstempo der Marburger Berufungskammer - die zeitnahe Bekanntschaft mit dem Strafvollzug. Er werde bei der Marburger Staatsanwaltschaft auf einen Widerruf der Bewährung aus dem Jahr 2012 drängen, kündigte Joachim Filmer an.

Dazu kommt ein zweites Problem auf die Rauschenbergerin zu: Die Deutsche Bahn verlangt von ihr 12500 Euro allein für die erhöhten Beförderungsentgelte.

von Matthias Mayer

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