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Wegen Kleinkrams in den Knast

Fahren ohne Führerschein Wegen Kleinkrams in den Knast

Wenn ein 24-jähriger Stadtallendorfer am Steuer eines Autos saß, war er einer Sache gewiss: Den Führerschein konnte ihm die Polizei nicht abnehmen, denn den hatte er nie gemacht.

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Das Foto zeigt drei Führerscheine verschiedener Generationen. Der Angeklagte, der sich vor dem Kirchhainer Amtsgericht verantworten musste, hat nie einen Führerschein gehabt.

Quelle: Oliver Berg

Stadtallendorf. Großen Ärger hat ihm die fehlende Fahrerlaubnis trotzdem eingebracht, weil er vom unerlaubten Autofahren einfach nicht lassen konnte. Er trieb es so toll, dass ihn diese besondere Art des Schwarzfahrens sogar ins Gefängnis brachte. Direkt aus der Justizvollzugsanstalt erschien er zu einem weiteren Prozess vor dem Kirchhainer Amtsgericht. Anklagevorwurf: Der Jungunternehmer war am 3. September 2013 um 14.20 Uhr in Stadtallendorf auf der Niederkleiner Straße von der Polizei erneut am Steuer eines Autos ertappt worden.

Der Angeklagte, der in Marburg ein Geschäft betreibt, zeigte sich geständig und reuig. „Ich kann nicht sagen, warum und weshalb ich gefahren bin. Es war dumm von mir und tut mir unendlich leid“, sagte der Angeklagte und ergänzte: „Ich sitze jetzt im Gefängnis und bin von der Haft negativ beeindruckt.“ Früher habe er sich treiben lassen, aber heute führe er ein geregeltes Leben und nannte für diesen Zustand gleich die aus seiner Sicht passenden ­Attribute: Das Geschäft, die ­Freundin, ein Hund. Leider fielen ihm ausgerechnet jetzt die Sünden der Vergangenheit auf die Füße.

Diese sind im Vorstrafenregister des Angeklagten dokumentiert. 2008 erfolgte eine Verurteilung wegen Betrugs. 2009 fuhr er ohne Führerschein, verursachte einen Unfall und beging Unfallflucht. Nach diesem gravierenden Ereignis, so berichtete Richter Joachim Filmer aus seiner Erfahrung, hätte der Angeklagte nicht mehr einschlägig in Erscheinung treten dürfen. Der offenbar unbeeindruckte junge Mann wiederholte seine Tat dennoch im gleichen Jahr zweimal und erhielt dafür eine Freiheitsstrafe auf Bewährung. 2011 kamen eine Leistungserschleichung und ein weiteres Fahren ohne Führerschein hinzu, für das vom Amtsgericht Bielefeld eine fünfmonatige Freiheitsstrafe auf Bewährung verhängt wurde. Schließlich erfolgte am 23. April dieses Jahres eine weitere Verurteilung wegen Fahrens ohne Führerschein: Drei Monate Freiheitsstrafe ohne Bewährung. Diese Strafe sitzt der Angeklagte derzeit in Gießen ab.

Nachschlag droht: Noch ein Verfahren offen

Zudem schwebt ein doppeltes Damoklesschwert über dem Angeklagten. Gegen ihn läuft derzeit noch ein Verfahren wegen Diebstahls. Und vom Amtsgericht Bielefeld droht der Widerruf der Bewährung. Für diesen Fall müsste der Angeklagte zusätzlich die fünfmonatige Freiheitsstrafe verbüßen.

Er habe in der Haft viel für sich gelernt und großen Rückhalt in seiner Familie gefunden. Seine Schwester, die derzeit eine Ausbildung absolviert, und sein Schwager führten jetzt sein Geschäft. „Sie hat für mich...“, sagte der Angeklagte und brach den Satz über das Opfer seiner Schwester unter Tränen ab. Als er sich wieder gesammelt hatte, versprach der Angeklagte: „Ich will keine Menschen mehr enttäuschen.“

„Sie haben auch die Erwartungen der Justiz enttäuscht. Sie sind während der Bewährungszeit wiederholt straffällig geworden“, konstatierte Oberamtsanwalt Peter Heinisch und beklagte den Umstand, dass es der Angeklagte „mit Kleinkram abseits der Schwerkriminalität“ geschafft habe, im Gefängnis zu landen. Dem Neustart in ein besseres Leben wollte sich der Vertreter der Staatsanwaltschaft nicht in den Weg stellen. Da sich die angeklagte Tat schon vor dem Kirchhainer Urteil ereignet habe, könne aus beiden Fällen eine Gesamtstrafe gebildet werden. Peter Heinisch beantragte diese auf vier Monate Freiheitsstrafe ohne Bewährung festzusetzen.

"Strafe kam zur rechten Zeit"

Rechtsanwältin Irma Lomen bescheinigte ihrem Mandanten einen Wesenswandel. „Vor der Haft und jetzt - das sind zwei ganz verschiedene Menschen. Die Strafe kam zur rechten Zeit, er sieht jetzt seinen falschen Weg“, erklärte die Verteidigerin. Da ihr Mandant in Kürze zwei Drittel seiner Haft verbüßt haben werde und auf Bewährung freikommen könne, bat sie, die Gesamtfreiheitsstrafe zur Bewährung auszusetzen.

Das Gericht folgte im Urteil dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Gegen den Angeklagten spreche, dass er sich im großen Maße uneinsichtig und lernunfähig gezeigt habe. Selbst als einmal in einem Gnadenakt eine Haftstrafe noch zur Bewährung ausgesetzt worden sei, habe er die Chance nicht genutzt, erklärte Joachim Filmer, der von einem niedrigen Strafantrag der Staatsanwaltschaft sprach.

Das Auftreten des Angeklagte vor Gericht, sein Geständnis und der Eindruck, den die Haft bei dem Mann hinterlassen habe, erlaube eine Gesamtfreiheitsstrafe, die nur um einen Monat über dem Strafmaß des Urteils vom April liege.

Beide Parteien erklärten Rechtsmittelverzicht, sodass das Urteil sofort rechtskräftig wurde.

von Matthias Mayer

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