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„Warum rasten Sie permanent aus?“

Gericht „Warum rasten Sie permanent aus?“

Was bringt einen jungen Mann dazu, aus nichtigstem Anlass völlig auszurasten? Diese Frage sollte vor dem Kirchhainer Amtsgericht geklärt werden.

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Die Beruflichen Schulen in Kirchhain waren Schauplatz zweier Übergriffe des aus Stadtallendorf stammenden Angeklagten. Foto: Matthias Mayer

Kirchhain. Vor dem unter Vorsitz von Amtsgerichtsdirektor Edgar Krug tagenden Gericht musste sich ein 23-Jähriger verantworten, der derzeit arbeitslos ist. Amtsanwältin Julia Schmid warf als Anklagevertreterin den Angeklagten vor, am 1. Juni 2015 auf dem Areal der Beruflichen Schulen in Kirchhain zwei Körperverletzungen begangen zu haben - darunter eine mithilfe eines „gefährlichen Werkzeuges“, wie es in der Juristensprache heißt.

Zur Tatzeit absolvierte der Stadtallendorfer dort eine schulische Berufsausbildung. Auf dem Pausenhof hörte er laut Anklagesatz ein Gespräch zweier Schulkameraden, von denen einer eine abfällige Bemerkung über den Fußballclub des Ohrenzeugen machte. Daraufhin verpasste er dem Wortführer von hinten einen Faustschlag gegen den Hals. Der zweite Schüler hielt den Angreifer fest und verhinderte weitere Attacken. Nach den Worten der Anklägerin attackierte der 23-jährige wenig später im Speisesaal der Schule diesen Schüler mit einem Buttermesser. Das hatte der Aggressor zuvor von einem Tisch genommen. Dank der abgerundete Spitze des Messers fing die Bekleidung des Opfers den Messerstoß ab.

Attacke mit einem Buttermesser im Speisesaal

Auf Befragung des Gerichts räumte der Angeklagte die Taten ein. „Den Schlag von hinten gegen den Hals hat es gegeben. Er hat mich provoziert, hat meine Mannschaft auf türkisch beleidigt. Ohnehin hat er mich in der Schule immer wieder gemobbt. Ich habe das nicht länger ausgehalten“, versuchte der Angeklagte, die erste Tat zu erklären.

Den zweiten Tatvorwurf räumte der Mann mit den großen traurigen Augen nur indirekt ein. Er habe nach der Abwehraktion des zweiten Schülers in seinem Gesicht eine Schramme festgestellt. Daraufhin habe er dem Verursacher der Schramme mit dem Buttermesser Angst einjagen aber keineswegs diesen verletzen wollen.

Bei seiner polizeilichen Vernehmung hatte der Angeklagte noch auf mehrfache Nachfrage erklärt, dass er dem Opfer mit dem Messer eine ebensolche Schramme habe verpassen wollen. Den entsprechenden Vorhalt des Gerichts wies der Angeklagte zurück. Seine damalige Aussage sei in einem Zustand völliger Panik entstanden. Dagegen räumte er auf Nachfrage von Edgar Krug ein, dass es einen weiteren gewalttätigen Vorfall im Dezember 2015 an der Schule gegeben habe. Eine Schlägerei, nach der er von der Schule geflogen und seinen Ausbildungsplatz verloren habe. Seit diesem Zeitpunkt lebe er von der Unterstützung durch seine Eltern.

„Warum rasten sie permanent aus?“ Auf die Frage des Richters zuckte der Angeklagte nur hilflos mit den Schultern, verbog seine Finger, bis die Gelenke knackten. Die Antwort auf diese zentrale Verfahrensfrage lieferte Rechtsanwalt Senol Özgüven, der dem Gericht ein aktuelles psychiatrisches Gutachten vorlegte, in dem zwei Ärzte für seinen Mandanten eine akute paranoide Schizophrenie diagnostizierten. Sein Mandant sei heute wesentlich besser medikamentös eingestellt. Nur deshalb sei er in der Lage, der Hauptverhandlung so ruhig zu folgen. Er habe den jungen Mann auch schon ganz anders erlebt, betonte der Verteidiger, der eine Überprüfung der Schuldunfähigkeit seines Mandanten anregte.

„Eine Gefahr für sich und Andere“

Edgar Krug ging im Sinne des Paragrafen 63 des Strafgesetzbuchs noch einen Schritt weiter. „Die Unterbringung des Angeklagten in einer psychiatrischen Klinik steht im Raum. Er ist wiederholt auffällig geworden und ist mit seinen körperlichen Attacken eine Gefahr für sich und Andere“, fasste der Amtsgerichtsdirektor zusammen. „Eine Unterbringung können wir als Amtsgericht nicht anordnen. Dass fällt in die Zuständigkeit des Landgerichts“, erklärte Krug und regte an, das Verfahren nach Paragraf 270 der Strafprozessordnung an eine Kammer des Marburger Landgerichts zu verweisen.

Julia Schmid stellte daraufhin den entsprechenden Antrag auf Verweisung. „Das ist der einzig vernünftige Weg“, sagte sie und bedauerte, dass die Diagnose bei Erstellung der Anklageschrift noch nicht vorgelegen habe. Zugleich verwies sie auf ein noch junges weiteres Strafverfahren gegen den Angeklagten. In der Vitos-Klinik soll dieser einen unbeteiligten Krankenpfleger angegriffen haben.

von Matthias Mayer

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