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Warum ist Bahn-Beton fünfmal teurer?

Bauprojekt Warum ist Bahn-Beton fünfmal teurer?

Stadtverordnetenvorsteher Klaus Weber zog am Ende ein treffendes Fazit: "Mir gefällt nicht, dass hier nach dem Motto friss oder stirb verfahren wird. Mir fehlt die Kompromissbereitschaft der Bahn."

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Benutzer von Rollstühlen und Rollatoren waren unter den Besuchern der Info-Veranstaltung zum barrierefreien Kirchhainer Bahnhof besonders zahlreich vertreten. Foto: Matthias Mayer

Kirchhain. Kirchhain. Der Magistrat der Stadt Kirchhain hatte am Montagabend zu einer Informationsveranstaltung in Sachen barrierefreier Ausbau des Bahnhofs Parlamentarier und Bürger zu einer Info-Veranstaltung ins Bürgerhaus eingeladen. Auskünfte zur Planung gaben zwei Vertreter der Bahn, ein Ingenieur des von der Bahn beauftragten Planungsbüros und einer Vertreterin des RMV. Der RMV ist gemeinsam mit der Stadt Kirchhain „Besteller“ des Projekts, das vom Land Hessen gefördert wird.

Problem für die Stadt: Sie muss nach dem jetzigen Stand einen Eigenanteil von 2,4 Millionen Euro aufbringen. Das ist für die aus dem Schutzschirm-Programm entlassene Stadt faktisch nicht leistbar, weil allein der Bahnhof die Investitionsmittel Kirchhains für zwei Haushaltsjahre verschlingen würde. Angesichts der projektierten Pflichtaufgaben wie der Neubau der Feuerwehrhäuser in Stausebach (im Bau) und in Großseelheim (in Planung) scheint die Stadt überfordert.

Bahn verzichtet auf eine Treppe

Bürgermeister Olaf Hausmann (SPD) wünschte sich für die erste von ihm geleitete Sitzung eine sachliche Diskussion ohne große Emotionen. Dieser Wunsch wurde ebenso wenig erfüllt, wie die Erwartung des Rathaus-Chefs, dass die Bahn gegenüber der Sitzung vom Juni eine deutlich kostengünstigere Planungsvariante vorlegen würde.

Für die Bahn stellten der technische Projektleiter Benedikt Kleinicke (DB Station & Service AG) sowie Bernhard Wolff, Vertriebsleiter Baubereich bei dieser Konzerntochter, die gegenüber Juni unveränderten Planungen erstmals öffentlich vor.

Die Details:

- Der zwischen den beiden Durchfahrtgleisen 1 und 2 gelegene Mittelbahnsteig wird auf eine Höhe von 76 Zentimetern über dem Schienenniveau angehoben. Zugleich erhält der Bahnsteig eine neue Überdachung und die Treppe bekommt eine Einhausung.

- Das Gleis 5 bekommt auf 160 Metern Länge einen auf 76 Zentimeter über dem Schienenniveau liegenden neuen Bahnsteig und eine Treppe, die zur bestehenden Unterführung führt. Gesamtkosten für diesen Bahnsteig, von dem seit Jahren täglich nur ein Zug (Regionalbahn nach Gießen) abfährt: 1,2 Millionen Euro.

- Die barrierefreie Erschließung der Unterführung und des Mittelbahnsteigs erfolgt durch Aufzüge am Empfangsgebäude und am Mittelbahnsteig. Außerdem erhält der ganze Bahnhof ein neues Wegeleitsystem.

Den voraussichtlichen Kostenbeitrag der Stadt Kirchhain bezifferte Benedikt Kleinicke mit 2,3789 Millionen Euro. Als einzige Einsparmöglichkeit nannte er den Verzicht auf Treppenabgang von Gleis 5, der mit 300000 Euro veranschlagt sei.

Das gefiel den Stadtverordneten überhaupt nicht. Sie beklagten, dass die Stadt für Extras wie Bahnsteig-Überdachung, Treppen-Einhausung und Wegeleitsystem bezahlen müsse, obwohl sie lediglich Barrierefreiheit bestellt habe. Die Bahn, die in der komfortablen Situation ist, dass die runderneuerte Station in ihrem Eigentum bleibt, ohne dass sie nur einen Cent dafür bezahlt, begründete diese Extras mit den Förderrichtlinien des Landes Hessen. „Das hätte ich auch gern. Ich lasse mein Haus sanieren und andere müssen dafür bezahlen“, kommentierte Klaus Weber diesen Umstand. Richtig schwere Geschütze fuhr der Stadtverordnete Dr. Christian Lohbeck (FDP) auf. Er wollte von der Bahn wissen:

- Warum stellte die Bahn der Stadt Kirchhain und dem RMV knapp 25 Prozent Planungskosten in Rechnung, während die Stadt selbst bei ihren Projekten mit 10 Prozent Planungskosten auskommt?

nWarum kalkuliert die Bahn für ihr Vorhaben für den Kubikmeter Stahlbeton mit einem sagenhaften Preis von 6200 Euro, während die Stadt für diesen 900 bis 1200 Euro bezahlt?

- Warum rechnet die Bahn für den Belag auf den Bahnsteigen pro Quadratmeter mit einem Preis von 135 Euro, während die Stadt Kirchhain bei der Herrichtung des Bahnhofsvorplatzes trotz stärkerer mechanischer Beanspruchung mit einen Quadratmeterpreis von 40 Euro auskam?

Zwingende Antworten bekam der Anzefahrer von den Eisenbahnern nicht – außer dem hinlänglich bekannten Hinweis, dass die Bahn unter dem rollenden Rad baue. Der Anzefahrer warf der Bahn vor, mit in keinster Weise nachvollziehbaren Zahlen zu arbeiten. Und er warnte vor einem für die Stadt unabsehbaren Abenteuer. „Als wir vor einem Jahr anfingen, lagen wir bei einem Eigenanteil von 1,5 Millionen Euro. Jetzt sind es schon 2,4 Millionen Euro. Und 2019?“ Auch auf diese mit Blick auf die leidvollen Erfahrungen im benachbarten Stadtallendorf nur zu berechtigte Frage gab es von der Bahn keinen Antwort.

Derweil lenkte der Grünen-Fraktionsvorsitzende Reiner Nau die Diskussion auf Gleis 5. 1,20 Millionen Euro für einen Zughalt am Tag seien zu üppig – 900000 Euro auch. Bettina Zimpel vom RMV begründete den Ausbau mit der Absicht, ab 2024 den Mittelhessen-Express an diesem Gleis halten zu lassen. Konkretes dazu konnte sie noch nicht sagen. Auf die Frage, was passiere, wenn Kirchhain auf den Bahnsteig verzichte, sagte Bettina Zimpel, dass der Mittelhessen-Express mit seinen täglich 900 Kirchhainer Fahrgästen dann nicht mehr in Kirchhain halte. So einfach lassen sich Probleme lösen.

Nun plötzlich doch: Mehr Verkehr auf Gleis 5

Noch vor einigen Jahren hatten sich Kirchhainer Bürger vergeblich für mehr Verkehr auf Gleis 5 stark gemacht, weil der dortige Bahnsteig schon heute barrierefrei erreichbar ist. Das wurde von den Entscheidern abgelehnt, weil die Züge wegen der Fahrt über mehrere Weichenstraßen bei jedem Halt rund zwei Minuten verlören. Daran hat sich nichts geändert.

Wenn der Mittelhessen-Express eine Aufwertung erhalten soll, müssen wir das für unsere Planung wissen“, sagte Reiner Nau, und warb dafür, das Gleis 5 vom eigentlichen Projekt abzukoppeln und vielleicht später zu verwirklichen.

Die Zeit drängt. Am 19. September muss das Stadtparlament entscheiden, ob es die Mittel für die Planungsphase drei und vier freigibt oder aus dem Vorhaben aussteigt.

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