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Warum Heide Hundewelpen wirft

Marburger Lesefest Warum Heide Hundewelpen wirft

Es dauerte keine fünf Minuten, da hatte Lars Ruppel rund 110 Zehntklässler der Georg-Büchner-Schule für sich und seine Art der Poesie gewonnen.

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Rund 110 Zehntklässler der Georg-Büchner-Schule ließen sich von dem Wahl-Marburger Lars Ruppel und seinem Poetry-Slam begeistern.Fotos: Florian Lerchbacher

Stadtallendorf. „Als ich hörte, dass es um Poesie geht, dachte ich zuerst, dass es langweilig wird. Aber es war sehr unterhaltsam. Ich habe viel gelacht“, kommentierte Metehan Hanci (G10a) den einstündigen Auftritt von Lars Ruppel an seiner Schule.

Maximal fünf Minuten, nachdem der deutsche Meister im Poetry-Slam die Bühne betreten hatte, war das - wenn überhaupt vorhanden - dünne Eis gebrochen. Ruppel hatte aus seinem ersten Gedicht zitiert. Eigentlich sei es nur um die Steigerung von Adjektiven gegangen, er finde seine einst in der dritten Klasse geschriebenen Worte aber nicht nur grammatikalisch sinnvoll, sondern auch noch poetisch, erklärte er, rezitierte eine Strophe und begann die nächste: „Der Wurm ist kurz“, sagte er, woraufhin ein Schüler das Adjektiv steigerte, das Subjekt indes durch einen an dieser Stelle zensierten Begriff ersetzte und durch ein Possessivpronomen im Nominativ Singular Maskulinum ergänzte. Die Schüler grölten, und Ruppel war baff: „Ich habe noch nie gehört, dass sich jemand selber dissed. Das war ja wie ein Battlerap gegen dich selber.“

"Poesie muss vorgelebt werden"

Danach war Stimmung im Haus und die „Faust der Emotionen“ - eine Geste, mit der Ruppel nach eigener Erläuterung gerne langweilige Aussagen untermalt, um sie dramatischer klingen zu lassen - musste nicht mehr zum Einsatz kommen. Sie wäre aber ohnehin nicht nötig gewesen: Zu unterhaltsam war beispielsweise sein „Hasstext“ gegen Kinder, beziehungsweise, wie Ruppel sich auszudrücken beliebt, „hibbelige Hobbit-Imitate, die lügen, wenn sie ihr Nutella-verschmiertes Maul aufmachen“.

„Poesie muss vorgelebt werden“, betonte der Slam-Meister, der diesem Grundsatz mehr als gerecht wurde - was wiederum zur Folge hatte, dass nur ein aufgestelltes Fähnchen daran erinnerte, dass der Auftritt Teil des „Marburger Lesefestes“ war: Bei einem Großteil seiner Texte zog Ruppel es vor, sein Buch „Holger, die Waldfee“ zur Seite zu legen und die Gedichte über deutsche Redensarten auswendig vorzutragen. Ausnahme war nur „Volker Racho“, ein Werk, das sich rund um das Adjektiv „voll karacho“ dreht und den Protagonisten als krassen Typ bezeichnet, der beispielsweise so lange Schäfchen zählt, bis keins mehr da ist - und all das, ohne einzuschlafen.

Aus „Heidewitzka, Herr Kapitän“ hat Ruppel zum Beispiel „Heide Witzka“ gemacht, eine Frau, die Hundewelpen wirft und Gänseblümchenbabys tritt -und die erst durch einen Clown und dessen Zuneigung von ihrer Verbitterung befreit wird.

Ruppel verpackt viele Botschaften in seine Worte

Botschaften schwingen schließlich in fast allen Worten Ruppels mit. Mal unterschwellig, wie im Falle von Heide Witzka, die aufgrund fehlender Liebe und ausbleibendem Kontakt zu Menschen ihre bösartige Seite hervorkehrt. Mal klar formuliert, wie die Aufforderung, sich auch für Dinge zu interessieren, die ältere Menschen beschäftigten (oder noch beschäftigen).

Morgens war der deutsche Poetry-Slam-Meister bereits in der MLS in Marburg aufgetreten, abends folgte ein Gastspiel in Goßfelden. „Ich fand‘s klasse“, fasste Deniz Agca (G10a) den Auftritt in Stadtallendorf zusammen.

Das „Marburger Lesefest“ endet am Sonntag im Technologie-Tagungszentrum in Marburg. Von 11 bis 15 Uhr gibt es eine Verlagsmatinee von „Magellan“, bei der Bilder-, Kinder- und Jugendbücher vorgestellt werden.

von Florian Lerchbacher

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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