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"War besoffen. Ist normal"

Gerichtsverhandlung "War besoffen. Ist normal"

Mit einer Flasche Schnaps in der Hosentasche und einer Frikadelle unter der Jacke passierte ein 39-Jähriger in Stadtallendorf ohne zu bezahlen eine Supermarkt-Kasse.

Stadtallendorf. Sein Pech. Direkt hinter ihm stand ein Polizeibeamter, der am 26. Juni um 21.25 Uhr nach Dienstschluss eine zivile Jacke über seiner Uniform trug. Der hatte den Diebstahl ebenso mitbekommen, wie ein Mitarbeiter des Marktes, der hinter dem Kassenbereich auf den arbeitslosen Maurer wartete.

Die strafrechtliche Aufarbeitung des Falls drohte zunächst zu scheitern, denn vor Strafrichter Joachim Filmer erschienen zunächst nur die drei als Zeugen geladenen Polizeibeamten - nicht aber der Angeklagte. Als der Richter die Verhandlung gerade vertagen wollte, erschien der Angeklagte doch noch - begleitet von zwei Kumpanen und einer mächtigen Alkoholausdunstung.

Geständnis umfasst einen Satz

So kam Rechtsreferendar Salih Kar bei seinem Debüt als Sitzungsvertreter der Staatsanwaltschaft doch noch dazu, die Anklageschrift zu verlesen. Er warf dem Angeklagten den Diebstahl geringwertiger Sachen, Beleidigung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte vor. Der Angeklagte soll Polizeibeamte als Arschlöcher bezeichnet und einen von diesen getreten haben.

„War besoffen um diese Zeit. Die Flasche hab‘ ich geklaut. Was soll ich mehr sagen?“, lautete die kurze Einlassung des Angeklagten zum Tatvorwurf.

Zeugen berichten von großer Aggression

Mehr hatten die drei Polizeibeamten zu den Vorfällen zu sagen. Der Tatzeuge des Ladendiebstahls berichtete im Zeugenstand, dass die Probleme mit dem Angeklagten schon direkt hinter der Kasse begannen. Seine Aufforderung, stehen zu bleiben, habe der Ladendieb missachtet. Daraufhin habe er seine zivile Jacke ausgezogen und sich als Polizeibeamter zu erkennen gegeben. Nur mit Mühe sei es ihm gemeinsam mit dem Supermarkt-Bediensteten gelungen, den Mann am Lotto-Stand festzuhalten und seine Dienst habenden Kollegen zu alarmieren, berichtete der Beamte.

Der Mann habe äußerst aggressiv reagiert. Deshalb seien ihm Handschellen angelegt worden. Der Beschuldigte habe zwar seine Personalien angeben, Papiere seien bei ihm jedoch nicht gefunden worden. „Er war uns gegenüber alles andere als kooperativ, hat nur auf Russisch mit uns gesprochen und uns beim Verbringen ins Auto beleidigt“, sagte einer der beiden hinzugerufenen Beamten. „Auch während der Fahrt und auf der Wache hat er getobt und uns als Arschlöcher bezeichnet“, erklärte der Polizist. Deshalb sei der beschuldigte in die Verwahrzelle gebracht worden. Beim Versuch seines Kollegen, ihm die Handfesseln abzunehmen, sei dieser vom Angeklagten getreten worden.

Geldstrafe à 65 Tagessätze

„War besoffen. Ist normal. Entschuldigung“, radebrechte der Angeklagte, ehe der dritte Polizeibeamte die Aussagen seines Kollegen bestätigte. „In der Zelle wollte ich ihm die Handschellen abnehmen. Ich habe ihm erklärt, dass ich ihm auch seinen Gürtel abnehmen muss. Da hat er mir gegen den Fuß getreten“, schilderte der Polizist seine Begegnung mit dem Wüterich.

Salih Kar beantragte für den einmal, aber nicht einschlägig vorbestraften Mann wegen Diebstahls geringwertiger Sachen, Beleidigungen und Widerstandshandlungen eine Gesamtgeldstrafe in Höhe von 60 Tagessätzen à 40 Euro.

Strafrichter Joachim Filmer verurteilte den Mann zu einer Geldstrafe von 65 Tagessätzen à 25 Euro. „Eine wirkliche Entschuldigung habe ich von Ihnen nicht gehört. Sie haben keine Einsicht gezeigt“, erklärte der Richter und prophezeite dem Angeklagten, dass er wieder unter Alkohol mit der Polizei zu tun haben werde: „Dann gibt‘s eine Freiheitsstrafe.“

von Matthias Mayer

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