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Von liebender Loyalität keine Spur

Aus dem Gericht Von liebender Loyalität keine Spur

Lug und Trug gehören zum Tagesgeschäft der Strafgerichtsbarkeit. Aber längst nicht alle Fälle aus dieser Kategorie sind so bizarr, wie die jetzt vor dem Amtsgericht Kirchhain verhandelte Straf-sache.

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Drei Überweisungsträger mit gefälschten Unterschriften spielten eine zentrale Rolle im Strafprozess vor dem Kirchhainer Amtsgericht. Foto: Matthias Mayer

Kirchhain. Angeklagt ist ein 26-jähriger berufs- und arbeitsloser Mann, der von Hartz IV lebt. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Betrug und Urkundenfälschung in drei Fällen vor. Er soll Verbindlichkeiten bei einem Internet-Versandhandel, bei der Frankfurter Gerichtskasse und bei den Stadtwerken Marburg pikanterweise zulasten des Kontos seines künftigen Schwiegervaters beglichen und dazu auf Überweisungsträgern dessen Unterschrift gefälscht haben. Gesamtschaden: 131,80 Euro.

Halb belustigt, halb gelangweilt verfolgt der Angeklagte die Verlesung der Anklageschrift. Ob er zur Sache aussagen will? „Ich will dazu nichts mehr sagen. Es ist ja doch zwecklos“, sagt der Angeklagte und wedelt dazu mit einem Schriftstück. Amtsgerichtsdirektor Edgar Krug kennt den Inhalt des an das Gericht gerichteten Schreibens, in dem mitgeteilt wird, dass der Angeklagte und dessen Freundin das Geld zurückbezahlt haben. „Wenn Sie glauben, dass sich die Sache für Sie erledigt hat, weil der Schaden inzwischen reguliert wurde, irren Sie sich gewaltig. Was glauben Sie, wo Sie hier sind“, redet der Vorsitzende Klartext.

Das bringt den ledigen Vater eines Kindes doch zum Reden. Ja, er hat zwei Überweisungsträger gefälscht, bekennt er. 56,30 Euro flossen so an die Firma Amazon, bei der er sich ein Fußballspiel für seine Playstation bestellt hat. Ebenso wurde auf Kosten des Schwiegervaters in spe eine offene Rechnung der Gerichtskasse Frankfurt in Höhe von 15,50 Euro beglichen. Die dritte Überweisung aber sei nicht von ihm, sondern von seiner Freundin ausgefüllt und unterschrieben worden, sagt er. Schließlich habe es sich dabei auch um eine Forderung der Stadtwerke in Höhe von 60 Euro an seine Freundin gehandelt. „Das hat sie auch der Polizei gesagt, dass sie das gemacht hat“, erklärt er selbstbewusst.

„Da bin ich sprachlos. Dann hat sie mich angelogen.“

Edgar Krug beweist im das Gegenteil: „Nein, das habe ich nicht getan. Ich mache nichts gegen meinen Vater“, zitiert er aus dem polizeilichen Vernehmungsprotokoll der Freundin. „Da bin ich sprachlos, dann hat sie mich angelogen“, gibt sich der Angeklagte konsterniert. Er versichert dem Gericht, dass er sich beim Opfer entschuldigt hat und anteilig mit seiner Freundin das Geld an den Geschädigten zurückbezahlt hat. Dazu verweist er auf einen vom Vater seiner Freundin mitunterzeichneten Brief an das Gericht.

Das bestreitet der Geschädigte im Zeugenstand. „Ich habe von meiner Tochter 60 Euro bekommen, sonst nichts“, stellt der 60-Jährige fest. „Warum schreiben Sie dann einen anderslautenden Brief an das Gericht?“, will der Vorsitzende wissen. Der Brief stamme nicht von ihm, sondern von seiner Tochter, klärt der Mann auf. „Warum unterschreiben Sie eine Lüge?“, fragt die Vertreterin der Anklage. Der Zeuge zuckt mit den Achseln, der Richter schüttelt mit dem Kopf. Und es kommt noch besser. Das Gericht legt dem Zeugen ein zweites von ihm unterschriebenes Schreiben an das Gericht vor. „Den Brief kenne ich nicht, den habe ich auch nicht unterschrieben. Ich mach beim ersten Buchstaben immer so einen Bogen“, sagt der Zeuge. Und auf Bitten des Gerichts schreibt er 17-mal seinen Namen - 15-mal mit und zweimal ohne Bogen. „Das ohne Bogen ist mir nicht so gelungen“, entschuldigt er sich. Der Nachweis ist erbracht.

„Soviel zum Thema ,alles zurückbezahlt‘ wendet sich Krug wieder dem Angeklagten. Der lässt wissen, dass er seinen Anteil seiner Freundin zur Weiterleitung an deren Vater gegeben habe.

Mit dem Auftritt der Freundin im Zeugenstand gewinnt die Beweisaufnahme an Dynamik. Die arbeitslose Hartz-IV-Bezieherin gibt an, dass ihr Freund seinen Anteil direkt an ihren Vater übergeben hat. „Jetzt weiß ich, woran ich bin“, zischt dieser, während seine Freundin bestreitet, den dritten Überweisungsträger ausgefüllt zu haben. Auf den Vorhalt des Gerichts, dass es zwischen den Schriftbildern der ersten beiden Überweisungsträger und dem dritten einschließlich Unterschrift erhebliche Unterschiede gebe, räumt sie ein, dass sie die Daten auf dem Dokument eingetragen habe. Die Unterschrift stamme aber von ihrem Freund.

Dem platzt auf der Anklagebank der Kragen: „Was soll die Scheiße. Ich habe meine beiden Sachen zugegeben. Deine Rechnung geht mich überhaupt nichts an“, schimpft er. „Ich habe nicht unterschrieben, weil ich ganz anderster schreibe als mein Vater“, antwortet sie. „Ihr Freund auch“, kontert Edgar Krug die treuherzige, aber wenig überzeugende Rechtfertigung der jungen Frau. Die legt noch einmal nach und behauptet, dass sie den noch nicht unterschriebenen Überweisungsträger habe vernichten wollen und dass dieser nicht von ihr, sondern von ihrem Freund zur Sparkasse gebracht worden sei.

„Ich wünschen Ihnen heute einen schönen Abend“

Von Liebe getragene Loyalität gegenüber dem eigenem Partner sieht anders aus. Und mit Blick auf die Zornesröte im Gesicht des Angeklagten sagt Edgar Krug sehr treffend: „Ich wünsche ihnen heute einen schönen Abend.“

Mit Einwilligung der Staatsanwaltschaft stellte das Gericht den dritten Fall ein. Wegen Betrugs in Tateinheit mit Urkundenfälschung in zwei Fällen verurteilte das Gericht den einmal einschlägig vorbestraften 26-Jährigen zu einer Gesamt-Geldstrafe von 90 Tagessätzen à 15 Euro. Dabei wertete das Gericht den Beitrag des Angeklagten zur Aufklärung der Angelegenheit und die geringe Schadenshöhe für und die zeitnahe einschlägige Vorbelastung gegen ihn.

Über die Folgen der Verhandlung für die (Liebes?)Beziehung des Paares ist nichts bekannt.

von Matthias Mayer

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