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Von innerer Kraft und warmen Socken

Promi-Lesung Von innerer Kraft und warmen Socken

Samuel Koch, einer der bekanntesten Querschnittsgelähmten Deutschlands, zog am Sonntag in der Stadtkirche 250 Menschen mit Ausschnitten aus zwei Büchern in seinen Bann.

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Samuel Koch las in der Stadtkirche vor rund 250 Besuchern aus seinem zweiten Buch „Rolle vorwärts“. Mit dabei war Naomi Mayer als „Buchhalterin“ und Sängerin.Fotos: Karin Waldhüter

Stadtallendorf. Es war wohl einer der dramatischsten Momente der Fernsehgeschichte, als Samuel Koch in der Sendung „Wetten, dass..?“ bei einem Stunt verunglückte und aus dem durchtrainierten Turner ein fast völlig gelähmter junger Mann wurde. Das ist jetzt fünfeinhalb Jahre her. Sein zweites Buch „Rolle vorwärts“ ist eins der erfolgreichsten Sachbücher des vergangenen Jahres. Samuel Koch (Jahrgang 1987) beschreibt darin die Zeit vor und nach seinem Unfall.

„Was gibt dir Kraft, wie schaffst du das bloß?“ So oft sei ihm diese Frage gestellt worden, berichtete Koch und erzählte vom einstigen Formel-1-Weltmeister Niki Lauda, der einmal sagte, dass er nach seinem Unfall viel Kraft aus seiner Wut gezogen habe. „Das fand ich spannend, weil es so anders ist als bei mir“, betonte Koch, der von einer inneren Kraft sprach, die ihm helfe, auch weniger Schönes zu ertragen und nicht daran zu verzweifeln. Es gebe so viele Dinge, für die er dankbar sei: für warme Socken, Vogelgezwitscher, die Schönheit der Schöpfung und seiner Verlobten Sarah Elena Timpe, die Mikrowelle, die so schnell sein Kirschkernkissen aufwärme, und natürlich für seine Eltern und Geschwister: „Wenn ich damit anfange, dann bin ich überrascht, wie viele Dinge es gibt, für die ich dankbar bin.“

Vieles, was Samuel Koch am Sonntagabend vorlas, stimmte nachdenklich und berührte die Zuhörer: sein starker Glaube, seine Wortgewandtheit, seine Sicht auf das Leben, sein Vermögen, Glück zu empfinden, und seine Hoffnung, die er den Besuchern mitgab.

Humor und Selbstironie

Stets hatte der sympathische Rollstuhlfahrer einen flotten Spruch auf den Lippen und bezeichnet sich selbst aufgrund vieler beschäftigter ­Pflegekräfte als nützlichen Wirtschaftsfaktor. Das Publikum, darunter auch zahlreiche Rollstuhlfahrer, hing von Beginn an an seinen Lippen. „Selig“, so beschrieb er den Zustand, „einfach nur zu sein“, wie er ihn bei einem nächtlichen Ausflug empfand, als er, ganz allein, während eines Urlaubs bei seinen Eltern einen Muskelkrampf erleidet und dabei fast aus dem Rollstuhl kippt.

„Ich habe jeden Tag Gründe zum Lachen, tiefgehende Gespräche, lohnende Herausforderungen. Ich bekomme und gebe hoffentlich viel Liebe“, sagte Koch. Doch auch von suizidalen Gedanken und Momenten voller Schmerz in der Aktivphase der Reha berichtete er. „Mama, hol den Tierarzt. Wenn Tiere solche Schmerzen haben, werden sie erlöst“, las er aus seinem Buch.

Und Koch widmete sich auch den Fragen aus dem Publikum. Schwer sei es in der Tat, gute Pflegekräfte zu finden, antwortete er beispielsweise oder nahm sichtlich mit Freude die Aufforderung einer Besucherin entgegen, die Menschen doch weiterhin an seiner Entwicklung teilhaben zu lassen.

"Vieles kann man erst schätzen, wenn man es lange entbehrt hat"

Züge oder gar ein Flugzeug benutze er nur noch selten, antwortet Koch auf eine weitere Frage. Keinen Flug habe es gegeben, bei dem sein Rollstuhl nicht kaputt gegangen sei. Und auch Zugfahren sei spontan nicht möglich, erzählte er - eine der Erfahrungen, die sicherlich schon viele gehandicapte Menschen machen mussten.

„Vieles kann man erst schätzen, wenn man es lange entbehrt hat“, betonte Koch. Heute sei sein Niesen nur ein sanfter Hauch: Er niese wie ein neugeborenes Mädchen und kippe anschließend aus dem Rollstuhl. Um richtig zu niesen, brauche er die Hilfe von zwei Personen, die ihm den Brustkorb zusammendrücken. „Wenn ich das erlebe, ist das Leben Weihnachten und Ostern zusammen. Ein wahrer Glücksmoment“, berichtete er während einer Zugabe, die sich das Publikum erklatscht hatte.

Nicht, wie angekündigt, war Schauspielerin und Verlobte Sarah Elena Timpe für den Gesang zuständig. Die Schauspielerin war zwar mit angereist, den Part der Sängerin und „Buchhalterin“ hatte aber Naomi Meyer übernommen. In Begleitung von Samuels Bruder Jonathan am Klavier oder der Gitarre trug sie gefühlvolle Lieder vor. Die Veranstaltung stieß auf hervorragende Resonanz. Besucherin Martina Werner gefiel die Musiklesung sehr gut. „Es sind solche Momente, die zeigen das Wesentliche und das, was wirklich im Leben zählt.“

Koch war am Montag auch beim dritten Jona-Gemeindefestival mit dabei und stand sowohl im Hauptprogramm als auch im Jugendgottesdienst Rede und Antwort (ausführlicher Bericht vom Festival folgt).

von Karin Waldhüter

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