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Von der Sehnsucht nach Vertrauen

Bürgermeisterwahl 2017 Von der Sehnsucht nach Vertrauen

Eigentlich sollte es im Gespräch mit dieser Zeitung ums Kulturspektakel gehen - doch Bürgermeister Michael Richter-Plettenberg thematisierte lieber die Amöneburger Kommunalpolitik.

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Michael Richter-Plettenberg investierte sowohl als Bürgermeister als auch als Privatperson viel Zeit ins Kulturspektakel. Die Zukunft der Veranstaltungsreihe steht in den Sternen – für dieses Jahr hat der Magistrat sie bereits abgesagt.Foto: Chaosproductions der Alfred-Wegener-Schule Kirchhain

Quelle: Urs Johannes Heine

Amöneburg. Der Magistrat hat das Kulturspektakel 2016 abgesagt. Ohne die Unterstützung der Ehrenamtlichen vom Förderverein könne die Stadt die Veranstaltungsreihe nicht ausrichten, fasst sich Michael Richter-Plettenberg kurz. Als Bürgermeister der Stadt, die Ausrichter des Spektakels ist, habe er ja ursprünglich noch gehofft, die Mitglieder umstimmen zu können. „Ich hatte den Eindruck, dass wir für das geplante Programm damit klarkommen“, kommentiert er die finanziellen Rahmenbedingungen, die die Stadtverordneten beschlossen hatten. „Ich dachte, wir richten es aus und verhandeln dann noch einmal nach“, sagt er und ergänzt: „Den Ehrenamtlichen ging‘s aber ums Prinzip.“ So sei nichts anderes übrig geblieben, als die Veranstaltungen abzusagen. Ob es jemals wieder ein Kulturspektakel in Amöneburg gibt, ist völlig unklar. Der Förderverein jedenfalls hofft, dass die Stadtverordneten die finanzielle Zuteilung noch einmal überdenken.

In jüngster Vergangenheit hatte sich Richter-Plettenberg beim Thema vornehmlich in Schweigen gehüllt. Nun hat er dies gebrochen. Als Vorsitzender des Fördervereins nur bedingt: Die einzig maßgebliche Entscheidung, die während der Jahreshauptversammlung am Donnerstag getroffen wurde, sei, dass keine Mitgliedsbeiträge erhoben werden, da in diesem Jahr keine Kosten entstünden.

In gewissem Sinne auch konservativ

Als Bürgermeister wird er indes etwas ausführlicher. Das Spektakel 2015 habe ein Plus von rund 2000 Euro gebracht. Nicht einbezogen seien die 15000 Euro der „internen Leistungsverrechnung“ für den Einsatz städtischer Mitarbeiter und die Nutzung von Fahrzeugen. „Wenn die Stadt eine Veranstaltung als Ausrichter durchführen will, muss sie Ressourcen zur Verfügung stellen. Das ist kein finanzieller Verlust“, meint er, wird dann aber grundsätzlich.

„Die Stadt hat so viel zu bieten und ein großes Potenzial. Die Kommunalpolitik ist aber oft sehr mutlos und wenig innovativ, sodass die Stadt in ihrer Entwicklung weit hinter ihren Möglichkeiten bleibt“, sagt Richter-Plettenberg. Die Stadtverordnetenversammlung sehe sich „in weiten Teilen weniger als gestaltende Instanz, denn als Kontrollorgan“, das ihn überprüfe. Ziel müsse jedoch sein, gemeinsam etwas für die Zukunft zu bewirken. „Es geht nicht um Macht, es geht um eine sinnvolle Entwicklung.“ Oftmals diskutierten die Stadtverordneten über Leitbilder und langfristige Ziele: „Aber das sind nur Forderungen, die theoretisch im Raum stehen. Eigentlich wird nur Tagespolitik gemacht.“

Und das ohne Vertrauen in die Verantwortlichen zu haben. „Ich bin in gewissem Sinn auch konservativ und glaube nicht, dass man mir eine schlechte Haushaltswirtschaft vorwerfen kann“, sagt er. Die Stadt stehe finanziell gut da. Vieles resultiere aus seinen Bemühungen, verweist auf zusätzliche Einnahmen aus der Erddeponie, für deren Betrieb die Stadt inzwischen verantwortlich zeichnet: „Das wird dann kleingeredet als Einmaleffekt“, moniert er und kritisiert, dass manche Stadtverordneten auch Investitionen scheuten, weil diese ihnen Angst machten.

Wohl der Stadt steht nicht immer im Mittelpunkt

Ein Problem sei auch, dass sich Stadtverordnete „hinter Excel-Tabellen verschanzen“ und meinten, in finanzieller Hinsicht vieles besser zu wissen. „Ich wüsste nicht, wo ich sie so gelinkt haben soll, dass sie mich eher kontrollieren, als mir zu vertrauen“, betont der Bürgermeister. Zudem sei auch angezeigt, den Mitgliedern der Verwaltung weniger Misstrauen entgegenzubringen: Diese arbeiteten sorgfältig und akribisch. Und wenn sie - wie im Falle des Bauhofleiters - über die Situation am Arbeitsplatz berichteten, sollten die Stadtverordneten ihnen zuhören und die Aussagen auch glauben.

Richter-Plettenbergs Gefühl ist, dass nicht immer das Wohl der Stadt im Mittelpunkt steht. Die Kommunalpolitik verhindere an einigen Stellen bestimmte Entwicklungen. „Wenn man Dinge erhalten will, muss man Veränderungen und Innovationen zulassen. Stillstand ist Rückschritt.“ Oft habe er den Eindruck, sich mit Initiativen aufzureiben und zermürbt zu werden: „Es gibt den ein oder anderen Moment, in dem man sich die Frage stellt, ob man sein Talent und seine Energie nicht verschwendet.“

"Betriebswirtschaftliche Brille" ablegen

Nichtsdestotrotz will er im kommenden Jahr bei der Bürgermeisterwahl wieder antreten, erklärt er auf Nachfrage dieser Zeitung und sagt: „Es ist mir eine Freude und eine Ehre, hier Bürgermeister zu sein.“ Er habe noch Kraft, Ideen und sei mit der Umsetzung seines Programms und seiner „in vielerlei Hinsicht erfolgreichen Arbeit“ noch lange nicht am Ende angekommen. Er sehe es als seine Aufgabe an, zwischen den einzelnen Interessen zu vermitteln und die für die Stadt Amöneburg sinnvollste Lösung zu erarbeiten. In Zukunft wolle er „bilaterale Gespräche sowie regelmäßige Gesprächsrunden mit allen Fraktionsvorsitzenden“ führen, um das geforderte gemeinsame Handeln zu fördern.

„Ich möchte später mal als Bürgermeister abtreten mit dem Gefühl, dass die Zeit für alle Beteiligten ein Gewinn war. Dafür brauche ich aber Unterstützung. ,Ein Mann, ein Wort‘ reicht den Stadtverordneten nicht - ich erwarte aber das Vertrauen.“ Sprach‘s und schlug den Bogen zurück zum Kulturspektakel - in das er sowohl als Rathauschef als auch als Privatperson viel Zeit investierte. Die Stadtverordneten sollten die „betriebswirtschaftliche Brille“ ablegen: „Wir müssen das Spektakel volkswirtschaftlich betrachten. Es ist ein weicher Standortfaktor und trägt zum Image unserer Stadt bei. Wenn wir als Gemeinde ein positives Image haben und als Ort gemocht werden, dann werden wir für Menschen attraktiver und verkaufen letztendlich auch mehr Bauplätze.“

von Florian Lerchbacher

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