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Von der Leichtigkeit des Gangster-Spielens

Geringe Beute, hohe Strafe Von der Leichtigkeit des Gangster-Spielens

Schwerer Raub und Räuberische Erpressung sind im Strafgesetzbuch weit oben angesiedelt. Das Strafmaß entspricht dem des Totschlags. Umso erstaunlicher ist die Geschichte, die gestern vor der 3. Strafkammer des Marburger Landgerichts verhandelt wurde.

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Diese Spielothek in Kirchhain war Anfang 2012 Ziel zweier Raubüberfälle. Foto: Mayer

Marburg / Kirchhain. Dort ging es um Räuberische Erpressung. Als diese wertete die unter Vorsitz von Dr. Thomas Wolf tagende Kammer einen vollendeten Raubüberfall am 12. Januar 2012 und einen versuchten Raubüberfall am 5. Februar 2012 auf eine Kirchhainer Spielothek. Die Beweisaufnahme erbrachte gestern erstaunliche Einblicke in die Leichtigkeit des Gangster-Spielens.

Wie kommt es zu einer solch schweren Straftat mit vier Tatbeteiligten? Die gängigen Krimi-Drehbücher taugen nicht als Blaupause für die Aktion am frühen Morgen des 12. Januar 2012. Der zuvor unbescholtene A hat Alkohol getrunken, will noch nicht nach Hause. Er langweilt sich und ruft B an. A: Wollen wir Geld machen, eine Spielothek überfallen? B: Machen wir. A: Ich brauche eine Waffe. B: Bringe ich mit. A: Und dann brauchen wir noch einen Fahrer mit Fluchtauto. B: Kann ich besorgen. B ruft C an, der besitzt einen VW-Golf und ist spontan dabei. Und dann wird auch noch D herbeitelefoniert, der erst im Auto etwas von einem Überfall erfährt. Er hält das für Gelaber oder ein Spiel.

Als das Quartett an der Kirchhainer Spielothek ankommt, wird aus dem Spiel bitterer Ernst. A und B maskieren sich. A nimmt die Schreckschusspistole an sich. C und D hätten jetzt weglaufen oder wegfahren können. Sie tun es nicht, bleiben im Auto und sind mitten drin in einem kriminellen Geschehen mit einer Strafandrohung von mindestens fünf Jahren.

Die Beute wird in Spielothek verzockt

B steht vor der Spielothek Schmiere, während A reingeht „und das Ding durchzieht“. Die Spielhallen-Aufsicht glaubt zunächst an einen Scherz und lacht. Darauf lädt A die Waffe durch und richtet sie auf den Kopf der Frau. Sie händigt A Fünf-Euro-Scheine und Münzgeld aus. Dass sie die „dicken Scheine“ in der Kasse belässt, bekommt der nicht mit. Mit 370 Euro in einer Geldkassette verlässt A die Spielothek. Das Quartett braust davon Richtung Wallau - in die nächste Spielothek. Nicht um diese auszurauben, sondern um die vorher verteilte Beute zu verzocken. Wie gewonnen, so zerronnen.

A ist die Lust am Rauben nicht vergangen und „organisiert“ am 6. Februar 2012 den nächsten Überfall auf die Spielothek. B ist diesmal nicht dabei. C fährt wieder das Auto und D stellt - so die Aussagen von A und C - die Tatwaffe, wieder eine Schreckschusspistole. C bleibt im Auto sitzen und D steht an einer unsinnigen Stelle Schmiere - 30 Meter von der Eingangstür entfernt. An der rüttelt A vergeblich. Die Tür ist wegen des Schichtwechsels verschlossen. Das Trio zieht mit leeren Händen ab.

A, B, C und D sind Buddies mit einigen Gemeinsamkeiten. Sie sind alle türkischer Abstammung, leben in Stadtallendorf, haben Probleme mit Alkohol und zum Teil auch mit Drogen, hatten schulische Probleme und mit Ausnahme von B keine abgeschlossene Berufsausbildung. Dafür besaßen B, C und D zur Tatzeit Schreckschusswaffen. Die Modelle Walther P 99,P 88 und P 22, wie D vor Gericht präzise repetiert. Und noch eins ist dem Quartett gemeinsam: Die heute zwischen 22 und 28 Jahre alten Männer zeigten sich vollumfänglich geständig und verkürzten so erheblich die Beweisaufnahme der ursprünglich auf zwei Verhandlungstage angesetzten Hauptverhandlung.

Bei dieser trat der Haupttäter A nur im Zeugenstand auf. Der zur Tatzeit 20,6 Jahre alte Arbeitslose war am 13. Juni 2013 vom Marburger Jugendschöffengericht in einem abgetrennten Verfahren für die beiden Kirchhainer Taten und einen fingierten Raubüberfall auf eine Wetteraner Spielothek wegen schweren Raubes, versuchten schweren Raubes und Vortäuschung einer Straftat zu einer Jugendstrafe von 2 Jahren und sechs Monaten verurteilt worden (die OP berichtete).

Angeklagter gestand aus freien Stücken viele Taten

Das Geständnis des Haupttäters vor der Polizei hatte das Verfahren gegen die drei Mittäter erst ins Rollen gebracht. Ebenso wenig Gangster-like war das Verhalten von B, der am 14. April 2013 aus freien Stücken zur Polizei ging und dort mehrere Straftaten gestand. Wie Dr. Thomas Wolf andeutete, nutzten die Beamten die Gelegenheit, um den Angeklagten mit zahlreichen ungeklärten Straftaten zu konfrontieren. Dabei muss B häufig zustimmend genickt haben. Seit diesem Tag ist er in Haft, die - so die Berechnung des Vorsitzenden - wegen zweier neuerer Verurteilungen und widerrufener Bewährung bis zum Juni 2016 andauern wird. Und das ist noch nicht alles. Zum gestrigen Marburger Urteil kommt das Urteil eines weiteren Verfahrens, das in rund vier Wochen vor der 1. Großen Strafkammer des Marburger Landgerichts gegen B und A geführt wird.

Mit Blick auf die zu erwartende lange Haftzeit versuchte Bs Verteidiger nach § 64 des Strafgesetzbuches zumindest eine zeitweise Unterbringung seines Alkohol und Speed konsumierenden Mandanten in einer Entziehungsanstalt zu erreichen. Dem schob eine psychiatrische Gutachterin einen Riegel vor. Die erkannte, für die Kammer nachvollziehbar, keine Drogenabhängigheit bei B. Dieser habe seinen Konsum steuern können, immer nur an Wochenenden konsumiert. Viel schlimmer als das Drogenproblem sei die Dissozialität des An-geklagten, der kein Verantwortungsbewusstsein habe, Normen missachte, egozentrisch sei und ein hohes Anspruchsdenken habe. Diese Dis-sozialität sei in zwei Jahren Therapie nicht heilbar.

Staatsanwalt Christian Laubach sah durch die Geständnisse und die Beweisaufnahme seinen Anklagevorwurf bestätigt und beantragte, B und C wegen gemeinschaftlicher räuberischer Erpressung zu Freiheitsstrafen von jeweils sechs Jahren zu verurteilen. In diesem Augenblick war das Gangster-Spiel vorbei. C entgleisten die Gesichtszüge und die Angehörigen im Zuhörerraum fielen in Schockstarre. Für den nicht vorbestraften D forderte Laubach eine Jugendstrafe von einem Jahr und sechs Monaten, auf drei Jahre auszusetzen zur Bewährung.

Die drei Pflichtverteidiger versuchten, die Tatbeiträge ihrer Mandanten in die Nähe des minderschweren Falls zu rücken. So wurden für B eine fünfjährige Freiheitsstrafe, für C eine bewährungsfähige Freiheitsstrafe und für D eine Jugendstrafe zur Bewährung beantragt.

Schwer tat sich die Kammer, die C und D wegen Beihilfe zu Bewährungsstrafen verurteilte, mit dem Strafmaß für B. Das solle nicht unangemessen über des nach Jugendrecht verurteilten Haupttäters A liegen, sagte Dr. Wolf. Deshalb habe sich die Kammer unter Einbeziehung zweier in Marburg und Kirchhain ausgeurteilten Freiheitstrafen für eine Gesamtstrafe von sechs Jahren entschieden.

von Matthias Mayer

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