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Von der Lehmtonne zum Kratzputz

Rezepte für natürliches Bauen Von der Lehmtonne zum Kratzputz

Die Fachwerkstatt Rauschenberg ist stolz auf ­ihre das Stadtbild prägende Baudenkmäler. Für den Erhalt der Fachwerkhäuser engagieren sich die Stadt und der Arbeitskreis Leerstand.

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Bürgermeister Michael Emmerich (von links), Helmut Nau und Markus Semmler zeigen die Plakate, die auf das Lehm-Seminar am 12. und 13. August hinweisen. 

Quelle: Matthias Mayer

Rauschenberg. Ein Baustein auf dem Weg zur Rettung aller Baudenkmäler ist das Lehm-Seminar, das die Stadt am 12. und 13. August für jedermann anbietet. Dazu werden noch Anmeldungen angenommen. Interessenten können sich per E-Mail anmelden unter j.naether@rauschenberg.de oder telefonisch unter 06425/923929.

Gestaltet wird das Seminar von Helmut Nau und Markus Semmler, die sich im Umgang mit alten natürlichen Baustoffen auskennen. 2013 bekamen die Rauschenberger den Denkmalschutzpreis des Landkreises. Sie hatten das einsturzgefährdete ehemalige Wohnhaus einer jüdischen Kaufmannsfamilie gerettet und Kattens Hoob mit unendlich viel Arbeit und großer Liebe zu den historischen Details restauriert.

„Wir sind eine Fachwerkstatt. Es ist wichtig, dass das alte Handwerk rund um Fachwerkgebäude erhalten bleibt. Und es freut mich, dass die Menschen das ,gewusst wie‘ bei uns in Rauschenberg erlernen können. Deshalb bin ich Helmut Nau und Markus Semmler sehr dankbar, dass Sie ihr Wissen an die Seminarteilnehmer weitergeben“, erklärte Bürgermeister Michael Emmerich.

Helmut Nau, der schon zahlreiche Häuser restauriert hat, verspricht den Seminaristen einen zweitägigen Crashkurs, und das an einem realen Objekt. Die Teilnehmer können ihre erworbenen Fähigkeiten am Debus‘schen Haus erproben. Das stattliche Fachwerkgebäude stammt aus dem Jahr 1818, beherbergte eine Druckerei, in der bis 1973 Gesangbücher hergestellt wurden. Nach knapp 20-jährigem Leerstand drohte es zu verfallen, Wetten auf seinen Abriss wurden bereits abgeschlossen. Dann kauften Helmut Nau und Markus Semmler das Haus, um das inzwischen zum Kulturdenkmal aufgestufte Gebäude seit gut zwei Jahren Schritt für Schritt zu restaurieren.

Moderne Bausündengefährden das Fachwerk

An der gewaltigen Fachwerk-Fassade hat nicht nur der Zahn der Zeit genagt. Sie hat auch unter verschiedenen Bausünden gelitten. Zu diesen gehören unter anderem die sogenannten Sauerkraut-Dämmplatten im Inneren des Gebäudes, die verhinderten, dass Fachwerk atmen kann, der fatale Einsatz von Silikon zum Abdichten und die vermeintlich lässliche Sünde, einen unverzinkten Nagel in das Fachwerk geschlagen zu haben, der irgendwann einmal rostet und sein zerstörerisches Werk beginnt.

Helmut Nau möchte den Seminar-Teilnehmern zeigen, wie sie solche Schäden mit rein natürlichen Baustoffen beheben können. Und das nicht aus einer ideologischen oder ökologischen Weltanschauung heraus, sondern aus dem Wissen, dass allein diese die Fachwerk-Konstruktionen nachhaltig schützen und für ein gutes und gesundes Raumklima sorgen.

Ziel: Jeder Teilnehmer restauriert ein Gefach

„Wer ökologisch, ökonomisch, und gesundheitsbewusst bauen möchte, kommt an dem seit 9000 Jahren benutzten Baustoff Lehm nicht vorbei. Lehm spart Energie, speichert Wärme und gibt sie wieder ab. Lehm kann Feuchtigkeit aufnehmen und sie bei entsprechender Temperatur wieder abgeben. Lehm konserviert Holz, bindet Schadstoffe, Gift und Schimmelpilze und er absorbiert Gerüche“, nennt der gelernte Dachdecker nur einige Vorzüge dieses Baustoffs.

Am Ende des Seminars sollen alle Teilnehmer je ein schadhaftes Gefach komplett restauriert haben. Angefangen von der Auswahl des richtigen Materials über die Herstellung desStapflehms in der Tonne - üblicherweise geht das barfuß, für zarte Naturen gibt es Gummistiefel - über Reparaturen an den Holzgeflechten bis hin zum sachgemäßen Auftragen der beiden Lehmputz-Schichten.

Ganz zum Schluss dürfen alle Teilnehmer, von denen einer sogar aus Berlin anreist, sich an ihrem Gefach mit einer Kratzputz-Arbeit verewigen. „Die bleiben an der Fassade - egal welche ­Motive unsere Gäste gewählt haben.

Eier und Quark für den Feinputz

Eigens für die OP führt Helmut Nau alle Arbeitsschritte im Schnelldurchlauf aus. Da Lehm immer wieder verwendet werden kann, hat er schon am Morgen einige alte Lehmbrocken aus der Fachwerk-Fassade gewässert. Mithilfe einer Kelle macht er aus dem Brei eine homogene Masse, die als Unterputz dienen soll. Für den Feinputz vermischt er feines Lehmmehl mit Eiern, Quark und Leinöl. Ganz zum Schluss gibt er ungelöschten Kalk dazu.

Während die Putzer durchziehen, macht er sich an eine Arbeit, die Kraft und eine gewisse Meisterschaft erfordern. Mit einer Axt halbiert er einen Stock vorsichtig der Länge nach, um sie noch mit großer Anstrengung in ein schadhaftes Holzgeflecht einzubauen. „Das ist eigentliche eine Arbeit für zwei“, sagt er. Wichtig: Die Holzart des Stocks muss sich mit der Fachwerk-Eiche vertragen. Weidenstöcke würden schnell verfaulen.

Dann verschließt Helmut Nau mit einer speziellen Masse (siehe Info-Box) Risse und Löcher in der Konstruktion. Erst dann kann der Unterputz aufgetragen werden. Die Arbeit geht dem Fachmann flott von der Hand. Für den Feinputz braucht es eine ruhige Hand. Helmut Nau braucht dennoch keine zehn Minuten, um die letzte Schicht aufzutragen. Unter den oberen Balken des Gefaches sticht eine drei Millimeter lange Wasserrinne heraus.

„Ein Gefach darf nie an allen vier Seiten bündig verputzt werden. Das führt ebenso wie das Ausspritzen mit Silikon zu Schäden“, erklärt Helmut Nau. Das Wasser werde mithilfe der Rinne auf den Putz geleitet, könne nicht in das Holz eindringen. Ganz zum Schluss zaubert Helmut Nau noch ein Kratzputz-Motiv auf die fertige Fläche. Dabei kommt sogar eine alte Stahlfeder zum Einsatz.

von Matthias Mayer

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