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Von Kirchhain um die ganze Welt

Kirchhain rückt jüdischen Klassiker-Autor Wolf ins Zentrum des Pogrom-Gedenkens Von Kirchhain um die ganze Welt

Zum 75. Mal jährt sich am Samstag eines der schändlichsten Ereignisse der deutschen Geschichte. Kreisweit wird der Reichspogromnacht am 8. und 9. November gedacht.

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Kerstin Ebert und Willibald Preis zeigen die bibliophilen Kostbarkeiten Kirchhainer Herkunft, die der Stadtverordnetenvorsteher in den USA für die Stadt erworben hat. Foto: Matthias Mayer

Kirchhain. Die Stadt Kirchhain begeht ihr Gedenken traditionell schon am 8. November und stellt es in diesem Jahr unter das Leitwort „Verlorene Vielfalt“. Sie erinnert damit an die einst große jüdische Kultur in der Stadt, die durch den Nazi-Terror völlig ausgelöscht wurde. Und in das Zentrum dieses Gedenkens rückt Kirchhain einen seiner größten Söhne und dessen Werk: Elchanan Henele ben Benjamin Wolf (1655 - ca. 1735).

Wolf hat ein jüdisches Hausbuch mit dem Titel Simchat ha-Nefesch (Freude der Seele) verfasst, das 1707 erstmals verlegt wurde und zum Klassiker der jüdischen Literatur aufstieg. Das belegt die Gegenwart: Noch immer wird das Buch gelesen und auch verlegt. Die jüngste Ausgabe erschien im Jahr 2000.

Das hat Stadtverordnetenvorsteher Willibald Preis recherchiert. Der Himmelsberger beschäftigt sich seit Jahren mit den Lebensleistungen berühmter Kirchhainer und mit den Spuren, die sie in der Stadt hinterlassen haben. „Das Buch Simchat ha-Nefesch wurde wahrscheinlich in Kirchhain geschrieben. Es lebt von der Lebendigkeit und Kraft seiner Sprache, und es besitzt für die jüdischen Familien noch heute einen hohen Stellenwert“, erläuterte Preis im Gespräch mit der OP seine Erkenntnisse.

Im Zuge seiner Recherchen lernte Willibald Preis den Wolf-Forscher Professor Nathanael Riemer von der Uni Potsdam kennen. Der setzt das auf Mittelwestjiddisch verfasste Buch mit einer „Thora für Ungebildete gleich“. Das bedeutet: Wer Hebräisch nicht beherrscht, hat die biblischen Geschichten im Simchat ha-Nefesch studiert und kennengelernt. Von daher ist Elchanan Henele ben Benjamin Wolfs Leistung durchaus vergleichbar mit der Übersetzung des Neuen Testaments in die deutsche Sprache durch Martin Luther.

Der durchschlagende Erfolg seines weltweit verbreiteten Buches hat Wolf nicht wirklich zufrieden gestimmt, wie Willibald Preis berichtet. „Sie lesen zwar den Simchat, leben aber nicht danach und singen in der Synagoge ihre alten Gassenhauer“, gibt Willibald Preis die Motivation Wolfs wieder, 1727 in Kirchhain einen zweiten Simchat zu verfassen. Und dieses Werk ist offenbar das erste jüdische Gesangbuch überhaupt.

Kirchhainer Bücher in Kalifornien entdeckt

Professor Riemer half Willibald Preis dabei, je ein Exemplar der beiden Bücher in Übersee zu finden. Den Simchat I, eine Amsterdamer Ausgabe von 1723, erwarb er in der kalifornischen Kleinstadt Culver City. Den Simchat II erstand er als einen von insgesamt 500 Reprints in San Francisco. Am Abend des 8. Novembers übergibt Willibald Preis die beiden Bände an Kerstin Ebert, die Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins. Der Verein wird die bibliophilen Kostbarkeiten in seinen neuen Ausstellungsräumen im Hause Biegenstraße 7 zeigen.

Die Bürgerinnen und Bürger sind am Freitagabend zur Gedenkfeier eingeladen, die gemeinsam von der Stadt und der Alfred-Wegener-Schule gestaltet wird. Die stille Feier beginnt um 18.30 Uhr mit Gedenken und Fürbitten an der ehemaligen Synagoge in der Römerstraße. Dem schließt sich ein Schweigemarsch mit Lichter-Prozession zum Jüdischen Friedhof an, wo das Totengebet gesprochen wird. Der Schweigemarsch führt dann weiter zur Aula der Alfred-Wegener-Schule, wo um 19.30 Uhr die Gedenkveranstaltung beginnt. Willibald Preis, Schulleiter Matthias Bosse, und Bürgermeister Jochen Kirchner sprechen zu den Gästen. Amnon Orbach, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Marburg, liest aus Ezechiel 37. Professor Riemer bringt den Besuchern Leben und Werk Elchanan Henele ben Benjamin Wolfs näher. Der AWS-Leistungskurs Musik begleitet den Abend musikalisch. Schülerinnen und Schüler des Kurses Darstellende Kunst zeigen eine Collage lokalgeschichtlicher Kunst.

Im Foyer ist eine von Schülern um den Schwerpunkt Kirchhain erweiterte Ausstellung des Staatsarchivs Marburg „Pogromnacht-Auftakt am 7. November in Hessen“ zu sehen. „Wir würden gern die Ausstellung übernehmen und zwei Wochen lang in unseren Räumen zeigen - auch um die Arbeit des Geschichtsleistungskurses zu würdigen“, kündigte Kerstin Ebert für den Heimat- und Geschichtsverein an.

von Matthias Mayer

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