Volltextsuche über das Angebot:

22 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Von Irrwegen, Schulden und Transparenz

Wahl Von Irrwegen, Schulden und Transparenz

Es ist weitaus einfacher, Kritik zu üben, als selber Vorschläge zu machen und Projekte anzustoßen. Aus diesem Grund drehen sich zwei der vier folgende Fragen an die Fraktionen um ganz aktuelle Amöneburger Themen.

Voriger Artikel
Streitpunkt liegt in der Vergangenheit
Nächster Artikel
Präsenz nimmt viele Ängste

Die künftige Nutzung des ehemaligen Steinbruchs beziehungsweise der Erddeponie ist ein richtungsweisendes Thema in der Stadt. In der Vorberichterstattung zur Wahl befragte diese Zeitung dazu die Spitzenkandidaten Jan-Gernot Wichert (CDU, von links), Stefan Lauer (FWG) sowie Winfried Nau (SPD).Fotos: Lerchbacher (1), privat (3)

Amöneburg. Für Bürgermeister Michael Richter-Plettenberg ist die künftige Nutzung der Amöneburger Erddeponie ein zukunftsträchtiges Projekt. Die Pläne sind beeindruckend, klingen aber auch äußerst futuristisch - manch einem Stadtverordneten sogar zu außergewöhnlich, wie in den vergangenen Wochen und Monaten durchklang. Entsprechend liegt die Frage nah, was denn die Fraktionen mit dem Gelände des ehemaligen Steinbruchs machen würden.

Ein immer wiederkehrendes Thema ist auch die Förderung des Tourismus-Standorts Amöneburg, dessen Anziehungskraft weit über die exponierte Lage herausgehen sollte. Künftig gibt es drei große Wanderstrecken, dafür aber kein Kulturspektakel mehr, mit dem sich Gäste in die Stadt locken lassen. Womit könnte Amöneburg noch auftrumpfen?

Und was ist mit den Ortsbeiratswahlen? Warum gibt es in manchen Stadtteilen Bürgerlisten, in anderen aber nicht? Die Fraktionen haben sich mit diesen Fragen auseinandergesetzt.

OP: Wenn Sie über die Zukunft der Erddeponie entscheiden könnten: Was würden Sie mit dem Gelände anfangen?

Jan-Gernot Wichert (CDU): Nichts, was für die Stadt zur finanziellen Belastung wird. Es muss für eine „aktive“ Nutzung des Areals private Investoren geben, z.B. für hochwertige Wohnmobilstellplätze und eine kleine Zahl von „Lodges“. Diese müssen aus der Masse hervorstechen, z.B. durch eine entsprechende „Wellness“-Ausstattung oder geeignet für eine bestimmte Zielgruppe: Familientreffen, Treffen befreundeter Familien. An solchen Angeboten herrscht Mangel. Parkplätze... Der Rest verbleibt naturnah, Einrichtung eines Naturlehrpfades, Geopfades...

Stefan Lauer (FWG): Für Planungen und Investorenansprache werden momentan gegen den Einwand der FWG 90000 Euro verausgabt, was die Beantwortung Ihrer Frage nicht vereinfacht. In diesem Zusammenhang darf ich auf den ursprünglichen Stadtverordnetenbeschluss verweisen, der zuerst die Investorensuche und anschließend eine weitergehende Planung vorsah. Warum urplötzlich und mehrheitlich eine andere Vorgehensweise gewählt wurde, ist der FWG unverständlich. Um nicht weiteres Geld „zu vergraben“, sollte - zumindest bis ein akzeptables Umsetzungskonzept mit entsprechendem Investor vorliegt - die Renaturierung erfolgen.

Winfried Nau (SPD): Nutzung der Deponie solange wie möglich, um Einnahmen zu maximieren. Mit einem Teil dieses Geldes kann die Stadt eigenverantwortlich einen Flächennutzungsplan ausarbeiten. Das Gelände am Eingangstor zur Amöneburg ist wertvoll und eignet sich z.B. zur Entwicklung eines sanften ländlichen Tourismus unter Einbeziehung privater Investoren. Auch andere Konzepte sind denkbar. Die Stadt sollte die Einnahmen aus der Deponie zur Entwicklung verschiedener, realistischer Nutzungsmöglichkeiten einsetzen, und offen Alternativen aufzeigen. Die Bürger der gesamten Gemeinde haben das Wort.

OP: Amöneburg will den Tourismus stärken. Was muss die Stadt tun, um dieses Ziel zu erreichen?

Jan-Gernot Wichert: Das Herlocken von Gästen ist kein Selbstzweck und kein Ziel an sich. Tourismus kann nur als Wirtschaftsfaktor begriffen werden. Das heißt, es muss jemand wirtschaftlich davon profitieren, Arbeitsplätze dadurch gesichert werden oder entstehen. Wir müssen bei den Bürgerinnen und Bürgern ansetzen. Wenn sie die Chance sehen mit Gästen Geld zu verdienen, dann lohnen sich die Investitionen in Wanderwege, Stadtmarketing und hoffentlich zukünftig auch stärker in Radwege. Sonst ist es ein Irrweg.

Stefan Lauer: Die Stadt kann dazu nur beschränkt ihren Entwicklungsbeitrag leisten und neben der Bereitstellung von Infrastruktur (Radwege, Wanderwege, Museen) die Vermarktung touristischer Dienstleistungen anstoßen. Dabei ist Amöneburg mit seiner besonderen Lage, den geschaffenen Rad- und Wanderwegen, Wohnmobilstellplätzen und Museum gut aufgestellt. Außerdem sind die umliegenden Kirchen mit den historischen Ortskernen, die Schlossruine, die Stiftskirche und das Industriedenkmal Brücker Mühle ein Besuch wert. Insbesondere muss aber eine engere Kooperation zwischen zum Beispiel Privatvermietern, Gastwirten, Direktvermarktern angestrebt werden.

Winfried Nau: Amöneburg mit seinen Stadtteilen hat viel zu bieten: die einzigartige geografische Lage, eine hochinteressante Geschichte, wertvolle Ortskerne mit oberhessischem Fachwerk, eine lebendige Tradition, wie z.B. den weithin bekannten Ostereiermarkt. Die Stadt sollte die Infrastruktur (Rad- und Wanderwege) ausbauen, die Bekanntheit steigern (z.B. durch attraktive Veranstaltungen), und Privatinvestitionen ankurbeln, nicht durch Geld, sondern durch Beratung, um bestehende Fördermöglichkeiten bekannter zu machen. Weil es an Industrie fehlt, ist Tourismus eine Stärke, die die gesamte Gemeinde ausbauen sollte.

OP: Wenn Sie 500 000 Euro zur Verfügung hätten, wie würden Sie das Geld zum Wohl der Stadt und der Bürger einsetzen?

Jan-Gernot Wichert: Was ist das für eine Frage? Alles Geld ist zum Wohl der Stadt und der Bürgerinnen und Bürger einzusetzen! Wir würden einen Bürger-Ideenwettbewerb durchführen und geeignete Ideen sammeln. Ein Expertenteam sollte nach den Kriterien Nachhaltigkeit, Schaffung zukünftiger finanzieller Spielräume und Steigerung der Lebensqualität die Projekte bewerten und freigeben. Der Geldeinsatz würde somit entweder Einnahmen generieren oder aber Ausgaben reduzieren. Die neuen Spielräume würden hälftig für weitere Projektideen und Schuldenabbau eingesetzt.

Stefan Lauer: Nein, ich würde mit 500000 EUR weder den Zwinger überdachen lassen, noch eine Freilichtbühne installieren! Angesichts der angespannten finanziellen Situation in Amöneburg ist mit dem Betrag vorrangig und bis auf weiteres eine Sondertilgung der weiter steigenden Schulden zu tätigen. Dabei trägt jeder Schritt in die richtige Richtung dazu bei, dass Amöneburg zukunftsfähig bleibt und folgende Generationen letztendlich nicht die Zeche für eine abenteuerliche Haushaltspolitik zahlen müssen.

Winfried Nau: Man könnte jedem Bürger 100 Euro auszahlen. Damit wäre für die Allgemeinheit aber nichts gewonnen. Daher habe ich folgende Vorschläge: 1. Lange zurückgestellte Investitionen in die Infrastruktur durchführen. Dabei erhält die Stadt für jeden Euro einen erheblichen Zuschuss und vergrößert so den Nutzen. 2. Beitrag zum Projekt Bürgerbus. 3. Vereins-, Jugend- und Seniorenarbeit. 4. Ein kleiner Betrag würde das Kulturspektakel am Leben erhalten. Und wenn dann wirklich noch was übrig bleibt, feiern wir ein Fest.

OP: In vielen Orten gibt es bei der Wahl der Ortsbeiräte nur noch Bürgerlisten. Das Motto lautet „Parteipolitik hat beim Streben nach dem Wohl des Ortes“ nichts zu suchen. Warum stellen Sie weiterhin Parteilisten auf?

Jan-Gernot Wichert: Einheitslisten entstehen oft aus der Not heraus, weil sich insgesamt nicht mehr genügend Kandidaten zur Wahl stellen. Demokratie lebt vom Wettbewerb, dem Ringen um die beste Lösung - das Grundgesetz sieht hierfür Parteien vor. Wo werden denn unterschiedliche Ideen sichtbar, wenn nicht in unterschiedlichen Listen? Letztlich geht es immer um Sachthemen. Parteilisten ermöglichen Netzwerkarbeit in andere Gremien hinein (z.B. zur Stadtverordnetenversammlung). Ortsteilinteressen finden sonst weniger Gehör. Übrigens: Die Kandidatur auf einer CDU-Liste erfordert keine Parteizugehörigkeit.

Stefan Lauer: Gemäß Parteiengesetz gelten Wählergemeinschaften nicht als Parteien. Insofern kann die FWG dem benannten „Motto“ nur zustimmen. Der Ortsbeirat als Beratungsorgan vertritt die Interessen der Ortsteile gegenüber der gesamtstädtischen Verwaltung. Dabei steht Parteipolitik, das ist unsere Auffassung, im Hintergrund. Dort, wo wir Bürgerinnen und Bürger Ehrlichkeit und Transparenz erwarten, wird nicht selten taktiert und verschleiert. Nicht die Partei hat im Mittelpunkt zu stehen, sondern die Menschen in unserer Stadt, die sachgerechte Entscheidungen erwarten.

Winfried Nau: Bei den Wahlen zum Ortsbeirat hat die SPD immer Gemeinschaftslisten bevorzugt. Grund ist, dass dabei die Person mit detaillierten Ortskenntnissen und der Sachverstand im Mittelpunkt stehen. Denn viele Projekte erfordern genau dies: Orts- und Sachkenntnisse und großes Engagement. Nur wo Gemeinschaftslisten nicht zustande kommen, stellen wir eine eigene Liste zum Ortsbeirat auf. Wir sind sehr froh, dass sich auch diesmal wieder in jedem Ortsteil genügend Menschen gefunden haben, die sich in den Ortsbeiräten engagieren werden.

von Florian Lerchbacher

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Ostkreis

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr