Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
Von Erinnerungslücken, Respektlosigkeit und Lügen

Amtsgericht Von Erinnerungslücken, Respektlosigkeit und Lügen

Den Ernst der Lage schien zumindest eine von zwei Neustädterinnen, die sich wegen falscher Verdächtigungen vor dem Kirchhainer Amtsgericht verantworten mussten, nicht zu erkennen.

Neustadt. Betont genervt gab sich eine 21-Jährige während einer Verhandlung vor dem Kirchhainer Amtsgericht. Allein schon die Tatsache, dass sie und ihre Mutter wegen falscher Verdächtigungen zur Verhandlung geladen geworden waren, schien ihr nicht zu passen. Noch weniger gefiel der jungen Mutter, dass Richter Edgar Krug nicht die von ihr offenbar erwarteten Samthandschuhe angezogen hatte, sich nicht von dem mitgebrachten Kleinkind aus der Bahn werfen ließ und Zwischenrufe verbat. Gestenreich garnierte sie jeden weiteren Kommentar in der Folge mit dem melodramatisch geäußerten Hinweis, dass sie ja eigentlich gar nichts sagen dürfe. Der Gipfel der Respektlosigkeit war jedoch erst erreicht, als sie während des Plädoyers der Staatsanwaltschaft munter Whatsapp-Nachrichten über ihr Smartphone verschickte. Ihre Mutter, mit der sie kurz davor noch über deren langes Vorstrafenregister gelacht hatte, schien zu diesem Zeitpunkt den Ernst der Lage indes erkannt zu haben. Jedenfalls brach sie in Tränen aus, als die Staatsanwaltschaft - zehn Eintragungen im Strafregister zum Trotz - eine Geldstrafe für sie forderte.

Zuvor hatten sich die beiden Frauen zumeist in Empörung geübt und den Wahrheitsgehalt nahezu aller Aussagen, die während der Verhandlung gemacht wurden, angezweifelt. Selbst an Gerichtsverhandlungen in Kirchhain und Gießen, in denen sich die Tochter vor einigen Jahren als Jugendliche wegen Betrugs verantworten musste, wollte die Jüngere der beiden sich nicht erinnern. Wobei folgende Entgegnung, die sie auf eine Nachfrage Krugs parat hielt, wohl für sich spricht: „Wer hat das jetzt gefragt?“

Verantworten musste sich Mutter und Tochter wegen der Nachwehen, die ein Vorfall bei einem Zahnarzt ausgelöst hatte. Die 49-Jährige hatte vor einigen Monaten im Wartezimmer einer Praxis gesessen und sich plötzlich der ehemaligen Vermieterin ihres Sohnes gegenübergesehen. Es kam zu einem heftigen Wortgefecht, an dessen Ende sie der Kontrahentin einen Schlag auf den Kopf verpasste. Streitpunkt war das offenbar ungebührliche Verhalten ihrer Sohnes in der Mietwohnung, aus der er letztendlich in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ausgezogen sein soll. „Was geht mich mein Sohn an?“, lautete einer der ersten Kommentare der Mutter in der Auseinandersetzung, die in dem Akt kurzer körperlicher Gewalt endete. Dies berichtete die Sprechstundenhilfe, die den Streit miterlebt hatte und noch heute schockiert von den Erlebnissen ist. Auf ihre Aussage verließ sich der Richter letztendlich auch in seinem Urteil, da sie eine völlig unbeteiligte Person sei.

Die ehemalige Vermieterin des Sohnes jedenfalls hatte einige Tage nach Kassieren des Schlages Anzeige erstattet: „Aus Verantwortungsbewusstsein habe ich das gemacht, weil ja Enkel bei ihr wohnen.“ Ihre Gegenüber drehte den Spieß dann aber einfach um und gab während der Befragung bei der Polizei an, sie sei vor dem Schlagversuch, mit dem sie maximal die Haare der anderen Frau berührt habe, von dieser mit einer Holzeisenbahn beworfen worden. Die Tochter gab an, diese Tat beobachtet zu haben.

Allerdings hatte die Geschichte, die Mutter und Tochter dem Gericht auftischen wollten, Lücken. Das ging schon los bei der Frage, wann es zum Eisenbahnwurf gekommen sei - war es bei der polizeilichen Vernehmung noch vor der zahnärztlichen Behandlung, so hieß es vor Gericht plötzlich, es sei danach gewesen. Ähnlich hält es sich mit der Frage, wo die junge Frau zum Zeitpunkt des Eisenbahnwurfs war: Die Mutter gab an, ihre Tochter sei vor ihr gelaufen - was es erschwert hätte, den Wurf in den Rücken zu beobachten. Letztendlich stellte sich aber heraus, dass die Tochter ohnehin im Behandlungszimmer gewesen war.

Fernab der Unstimmigkeiten und Unterstellungen machte Richter Krug indes keinen Hehl daraus, dass er auch kein Verständnis für das Verhalten der Frau hat, die sich letztendlich als Opfer herausstellte: Er kritisierte, dass diese im Wartezimmer die 49-Jährige angesprochen hatte. Sie habe aufgrund von Vorgeschichten schließlich gewusst, dass die Mutter auf das Verhalten ihres erwachsenen Sohnes nicht angesprochen werden wolle und dafür auch nicht mehr verantwortlich sei: „Sie hatten keine Veranlassung, mit ihr zu reden und hätten, salopp gesagt, einfach mal die Klappe halten können. Von nichts kommt schließlich nichts.“ Eine deeskalierende Wirkung kann ihr Auftreten jedenfalls auch nicht gehabt haben. Den Kommentar der Frau: „Wenn Sie das hier als laut bezeichnen, dann war die Auseinandersetzung vielleicht auch laut“, würde der geneigte Beobachter jedenfalls mit dem Hinweis versehen: Es muss sehr laut gewesen sein, als sich die Frauen in der Praxis stritten.

Um lautes Reden ging es in der Verhandlung aber nicht. Letztendlich hielt Krug fest, dass es einen Eisenbahnwurf nie gegeben habe und sich Mutter und Tochter der gemeinschaftlichen falschen Verdächtigung schuldig gemacht haben. Er verurteilte die 49-Jährige zu einer Geldstrafe in Höhe von 100 Tagessätzen à 20 Euro und die 21-Jährige zu 60 Tagessätzen à 10 Euro. Zudem müssen sie die Kosten des Verfahrens tragen.

von Florian Lerchbacher

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Ostkreis