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Vom Umkleiden und neuen Sitten

Mundarttheater Vom Umkleiden und neuen Sitten

Wenn sich vor dem Großseelheimer Bürgerhaus schon lange vor dem Einlass große Menschentrauben bilden, dann ist wieder Mundarttheaterzeit der Trachten- und Volkstanzgruppe Großseelheim.

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Volkstänzer können auch Rock‘n‘Roll. Das demonstrierte die Trachten- und Volkstanzgruppe zweimal eindrucksvoll im ausverkauften Bürgerhaus. Foto: Bernhard Herrmann

Großseelheim. Der Verein hatte zweimal ein ausverkauftes Haus, so dass Vorsitzender Jürgen Wenz die Besucher jeweils frohgelaunt begrüßte: „Mier erzehn ach werrer eh Geschichde met Daaze, Seange ean Gedichte, Wais fräijer ean Grußseelem woar, doas stenn merr als Theoader doar“, begrüßen. Ins Hochdeutsche übersetzen brauchte er seinen Einführungsreim nicht, das Publikum war mundarterfahren.

Einheimische, Langensteiner, Stausebacher, Cappeler und viele Mitglieder von anderen Volkstanzgruppen der Hessischen Vereinigung für Tanz- und Trachtenpflege HVT waren gekommen und wurden von der Kindergruppe singend und tanzend auf das Geschehen eingestimmt. Die Gruppe „LTM- Lauter Tolle Musiker“ gab mit Freddy Quinns 50er-Jahre-Song „Brennend heißer Wüstensand den zeitlichen Handlungsrahmen des Stückes vor.

Die Schauspielerinnen und Schauspieler versammelten sich nach und nach auf der Bühne und brachen gleich mit ihrem ersten Lied „Wais froier woar“ den Bann. Fortan hatten sie das Publikum auf ihrer Seite. Die Laien agierten ungezwungen und locker, brachten die enstudierten Tänze und Texte souverän über die Rampe.

Thema des Stücks: Der städtische Einfluss in der Nachkriegszeit auf das Leben im Dorf. Die Technik hält Einzug in der Landwirtschaft; der Traktor ersetzt das Pferd und in den Haushalten ersetzt die Waschmaschine die Zinkwanne. Und die Trachten werden ablegt. Moderne Kleidung und Elvis Presley halten Einzug auf dem Dorf.

Die „Wallarbeiter“kommen ins Dorf

Das Ganze wurde mit engem Bezug zu Großseelheim dargestellt. Die Nachrichtenzentren sind die Wäscherei und die Dorfkneipe. Die Waschweiber verbreiteten alle Neuigkeiten. Mit: Ach, woss wearn mir all noch erleawe“ wurde die nächste Szene eingeleitet: Der Bau des Ohmrückhaltebeckens, ein herausragendes Ereignis für den Ort. Die fremden Arbeiter hatten dabei ihre Kantine in Großseelheim aufgeschlagen, um den „Wall“ zu bauen. Die Burschen in der Dorfkneipe hatten daher viele gute Gründe, bei Schnaps und Bier den „Pegelstand“ aufs Neue zu prüfen.

Die eigentliche Geschichte des Stückes beginnt in einem Wohnzimmer, wo eine Familie wegen der Lehre ihrer Tochter in der Stadt den ersten Kontakt mit einem Fräulein aus der Stadt hat. Der Sohn startet sofort Annäherungsversuche, während seine Mutter versucht, die häuslichen Qualitäten der Städterin zu testen. Sie bekam zu hören: „Waschen, Bügeln, Putzen macht alles meine Mutter, die Fingernägel lackiere ich mir natürlich selbst“

Auch beim von der Kindergruppe dargestellten Kindergeburtstag gewinnt der städtische Einfluss die Oberhand. Die Tante aus Marburg beschenkt das Geburtstagskind mit Sahnetre und große Puppe. So was war vorher in Großseelheim nicht zu sehen.

Vergeblich erklärt die Mutter ihrer heranwachsenden Tochter, dass die Wallarbeiter kein guter Umgang für sie sind. Sie zieht mit ihren Freundinnen los und tanzt in der Kantine Rock‘n‘Roll. Die gelegentlich zu hörenden Meinungen, Volkstänzer können nur im Kreis tanzen, widerlegte das Ensemble mit gekonnten Figuren und akrobatischen Elementen nachhaltig. Das Publikum klatschte begeistert.

Sobald es den ersten Damenfriseursalon in Großseelheim gab, ließen sich dort die jungen Mädchen die Zöpfe abschneiden und sich eine modische Haartracht verpassen. Hier kam dann auch die eigentlich historische Bedeutung der „Umkleidewelle“ der Trachtenfrauen zum Ausdruck. Wenn der Zopf fiel, dann wurde auch keine Tracht mehr getragen. Im Stück war es das Ibchen, dass sich den Zopf abschneiden lies und die Tracht mit moderner Kleidung wechselte, um dem Dorfburschen Hannes besser zu gefallen. Eine Chance gegen die Städterin hatte sie jedoch nicht.

Die Filmvorführung hielt Einzug im Dorf und der wachsende Wohlstand erlaubte es, die ersten großen Feste zu feiern. Die szenische Darstellung der Veränderungen wurde durch eine abgestimmte Lied- und Tanzauswahl aber auch durch die angepasste Veränderung der Bekleidung verdeutlicht.

Mit 50 Darstellern und 30 Helferinnen und Helfern vor und hinter der Bühne des BGH Großseelheim wurde das Tanztheater in zwei Akten aufgeführt. Die Mundartpassagen und Sketche sind alle von Vereinsmitgliedern geschrieben worden und alle Autorinnen und Autoren wirkten auf der Bühne mit.

Einzelne Akteure hervorzuheben, die an der Erarbeitung der Texte, der Choreographie, am Bühnenbild, an den Kostümen, der Technik, schminken und frisieren beteiligt waren, wäre gegenüber der großen Ensemle-Leistung unangemessen.

Zur Ehrenrettung der Trachtenfrauen bleibt am Ende ein Satz des Dorfburschen Hannes in Erinnerung, den er zum Ibchen nach dem „Umkleiden“ gesagt hatte: „Ean Trocht haste merr besser gefann“.

von Bernhard Herrmann

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