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Vom Schauspieler zum "Sprachrohr"

Lesung Vom Schauspieler zum "Sprachrohr"

Er spricht von seinen Vorbereitungen, seiner Familie, seinen Ängsten und von Kameradschaft. Der Schauspieler und Buchautor Gregor Weber schilderte seine persönlichen Erlebnisse über seinen Afghanistaneinsatz.

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Buchautor Gregor Weber animierte die Besucher zu vielen Fragen.

Quelle: Karin Waldhüter

Stadtallendorf. Das Interesse an der vom Förderverein Division Schnelle Kräfte organisierten und der Oberhessischen Presse präsentierten Lesung war am Mittwochabend groß. 140 Besucher kamen in die Stadthalle. Gregor Weber, Autor des Buches „Krieg ist nur vorne Scheiße, hinten geht‘s“ hat in seinem Leben schon einiges ausprobiert. Geboren 1968 in Saarbrücken, nach Abitur und Wehrdienst bei der Marine studierte er zunächst Jura, dann Germanistik, wurde Schauspielschüler und als Sohn Stefan in der „Familie Heinz Becker“ und im „Tatort“ des Saarländischen Rundfunks bekannt. Im Sternerestaurant von Kolja Kleeberg in Berlin machte er eine Ausbildung zum Koch.

Krieg mit eigenen Augen sehen und davon erzählen

2013 geht er als Presse-Feldwebel für dreieinhalb Monate nach Afghanistan. Denn Gregor Weber will es, wie er sagt, selbst sehen, will selbst erfahren, wie deutsche Soldaten ihren Einsatz in dem Kriegsgebiet erleben und wie sie mit der ständigen Angst und Bedrohung umgehen.

Als Reservist ließ sich Weber reaktivieren. Daraus entstand dieses Buch. Er will ein „Sprachrohr“ sein für die Soldaten, damit die Gesellschaft mehr über den Afghanistaneinsatz der Bundeswehr erfährt.

Mit seinen offenen Worten fesselte Weber die Besucher von Beginn an und nimmt sie mit auf eine eindringliche Reise mitten hinein in die afghanische Kriegsrealität und in ein fremdes Land, in dem Männer mit Kindern am Straßenrand stehen, winken, neben den Fahrzeugen herlaufen und den Soldaten Bälle entgegenstrecken.

Nachdenken über einen Abschiedsbrief an Kinder

Doch plötzlich sitzen die Besucher mit Weber in einem Transportpanzer auf einer einsamen Staubpiste und der „Fuchs“, ganz am Ende des Konvois, kommt wegen eines Motorschadens nicht mehr von der Stelle. „Wer stehen bleibt, der stirbt“, zitiert er einen Vorgesetzten und die Zuhörer blicken während Webers eindringlicher Lesung mit ihm auf eine trockene wellige Landschaft, die sich so ideal für einen Hinterhalt präsentiert. Packend schilderte Weber den Alltag im Einsatz in Kundus, den permanenten Ausnahmezustand, die Lebensgefahr als ständiger Begleiter, vermittelt wie wichtig die Anerkennung der Soldaten in der Öffentlichkeit ist, berichtet von Kameradschaft, spricht von einer „grundsätzlich guten Ausstattung“ und zeigt durch seinen Erzählstil, dass es sich nicht um Fiktion, sondern um tatsächlich Erlebtes handelt.

Emotional berührend erzählte er von seinem schweren Abschied von daheim, seinen beiden Kindern, denen er zunächst noch einen Abschiedsbrief hinterlassen will, und seiner Frau, die gelernt hat, auf ihre ganz eigene Art mit der Situation umzugehen. An die Lesung schloss sich eine von OP-Redakteur Michael Rinde moderierte Diskussion an. Zahlreiche Zuschauer nutzen die Möglichkeit, Fragen an Weber zu stellen. Beispiele: „Würde er wieder in einen Einsatz gehen?“, „Wie wurde die Familie in der Zeit betreut?“, „Gab es Hilfen bei der Verarbeitung von Gefahren- und Anschlagsituationen?“ und „Wie kam der Titel des Buches zustande?“.

Afghanistan sei aus dem Fokus geraten

Auf viele Fragen gab es persönliche Antworten des Autors. Der Titel stamme von einem Aufnäher, den man in Kundus habe kaufen können, berichtet Weber. Darin stecke zum einen ein Stück Soldatenhumor und zum anderen drücke der Titel auch die Akzeptanz der Soldaten von Extremsituationen aus. Nach seinem Einsatz spüre er eine große Dankbarkeit für die Lebensumstände hier und die Freiheiten, die man hier habe. Er habe nichts Traumatisches erlebt, habe sich aber nach dem Einsatz sehr aufgeputscht gefühlt, schlecht geschlafen und einen großen Drang gehabt viel darüber zu erzählen. Geholfen habe ihm der Beruf als Autor. Allerdings habe er gemerkt, dass er ungeduldig und schnell reizbar, vor allen Dingen gegenüber Luxusproblemen, geworden sei.

Gewundert habe ihn, dass kaum noch ein Journalist in Deutschland danach frage was heute in Afghanistan passiert. Seit Anfang des Jahres beteiligen sich noch 850 Soldaten aus Deutschland an der NATO-Mission „Resolute Support“. Derzeit sei die Situation in Afghanistan völlig aus dem Fokus der Öffentlichkeit geraten, über die aktuellen Kämpfe habe er keinen Artikel in einer deutschen Zeitung gelesen, berichtet Weber.

Seit Wochen gebe es massive Kampfhandlungen dort und er „sehe mit Sorge auf das Land“, sagte Weber. Frank Hille, Vorsitzender des Fördervereins, dankte für die offenen Worte. „Der Zuspruch heute Abend zeigt, dass sich die Menschen in Stadtallendorf für Soldaten interessieren“, sagte Hille.

von Karin Waldhüter

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