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Vom Haareziehen und wüsten Tritten

Amtsgericht Vom Haareziehen und wüsten Tritten

Geht es am Amtsgericht um Kirmesschlägereien, müssen sich zumeist männliche Angeklagte verantworten, die zum Tatzeitpunkt sturzbetrunken waren. Ausnahmen bestätigen diese Regel.

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Die Spielzeugwelt muss herhalten, um eine heftige, alkoholgeschwängerte Auseinandersetzung, zu der es im Jahr 2013 auf der Kirmes in Roßdorf gekommen war, nachzustellen.

Quelle: Lerchbacher

Roßdorf. Verhandlungen rund um Prügeleien auf Kirmessen drehen sich meistens um testosteronbedingte Provokationen, unkontrollierte Reaktionen und werden geprägt von alkoholbedingten Erinnerungslücken. Nicht so am Donnerstagmorgen: Auf der Anklagebank nahmen drei junge Frauen Platz. So viel zum Thema „die üblichen Verdächtigen“. Und auch in den Erinnerungslücken musste nicht lange herumgestochert werden: Nach einem Rechtsgespräch zwischen Staatsanwaltschaft, Verteidigern und Richter endete die Verhandlung mit einer vorläufigen Einstellung.

Gleich drei Punkte standen in der Anklageschrift: Eine heute 19 Jahre alte Marburgerin hatte sich am 14. September 2013 um 2.45 Uhr auf der Kirmes in Roßdorf vor einer inzwischen 21-Jährigen aus Lollar aufgebaut und ihr die Worte „Du Hure, ich fick‘ Dich“ ins Gesicht geschrien. So weit kam es dann aber doch nicht. Stattdessen packte sie die Frau am Hals und an den Haaren, riss sie zu Boden und setzte sich auf sie.

Eine Viertelstunde später attackierte sie die Frau erneut - diesmal von hinten und gemeinsam mit ihrer Schwester und einer Freundin. Nachdem sie ihr Opfer zu Boden gebracht hatten, traktierten sie es mit Tritten und letztendlich noch mit einem Faustschlag. Die Security rückte an, doch die Täterinnen ließen nicht ab und krallten sich an den Haaren der Frau fest, bis sie einige Büschel ausgerissen hatten.

Derbe Verbalattacken

Wieder nur wenige Minuten später trat die 19-Jährige erneut in Erscheinung und fuhr diesmal eine Verbalattacke gegen eine Freundin des Opfers: „Fick dich, ich fick‘ dein Leben. Ich werd‘ dich umbringen.“ Zudem fielen Bezeichnungen wie „Hure“, „Schlampe“ und „Zigeunerin“.

Was genau der Auslöser gewesen war, dazu äußerte sich Richter Thomas Rohner nicht. Allerdings ließ er durchblicken, dass es eine Vorgeschichte gab, die sich um einen Mann und eine Beziehung drehte: „Die Verästelungen klären wir nicht“, betonte er und erklärte auf Nachfrage dieser Zeitung, dass auch Alkohol im Spiel war - was angesichts der Tatzeit in Kombination mit dem Tatort „Kirmes“ kaum verwundert.

Rechtsanwalt Thomas Strecker, der eine der allesamt nicht vorbelasteten Angeklagten vertrat, sagte, dass es in der Tat zu den Beleidigungen und den Körperverletzungen gekommen sei. Eine Notwehr- oder Nothilfesituation habe es nicht gegeben, wohl aber „eine böse Vorgeschichte, die ich nicht in den Ring werfe“. Seine Mandantin sei bereit, die während des Rechtsgesprächs angedachte Zahlung eines Schmerzensgeldes zu tätigen. Er erwarte allerdings, „dass die Gegenseite nicht mehr provoziert und sie sich aus dem Weg gehen - so wie heute“ (im Gerichtsgebäude, Anmerkung der Redaktion).

Eine der Angeklagten erklärte zwar noch, sie würde angesichts der „langen Vorgeschichte“ das Geld lieber spenden, als es der gemeinschaftlich geschlagenen Frau zu geben. Dem schob Rohner jedoch einen Riegel vor. Er könne zwar nicht ausschließen, dass zivilrechtlich etwas nachkomme - wovon er dem Opfer abriet. Aber es sei in jedem Fall sinnvoll, den strafrechtlichen Teil mit Schmerzensgeldzahlungen zu beenden.

Die 19-Jährige muss 200 Euro zahlen - sie hatte sich nach Jugendstrafrecht verantworten müssen. Ihre 23 Jahre alte Mittäterin muss 400 Euro an das Opfer überweisen, die 24-Jährige - die das Geld lieber gespendet hätte - 300 Euro.

von Florian Lerchbacher

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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