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Vom Eulen-Keulen - das keines war

Richter-Plettenberg und die Scheinzypressen Vom Eulen-Keulen - das keines war

Über zweieinhalb Jahre schwebte eine Anzeige wie ein Damoklesschwert über Michael Richter-Plettenberg. Nun steht fest: Er hat durch das Fällen von Scheinzypressen nicht gegen das Bundesnaturschutzgesetz verstoßen.

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Ein kleiner Schnitt für einen Bauhofmitarbeiter – aber ein großer für die Naturschützer. Das Fällen der Scheinzypressen auf dem Friedhof im Januar 2012 hatte ein langes Nachspiel – das ein städtischer Mitarbeiter scherzhaft mit einem „Eulen verboten“-Schild kommentierte.

Quelle: Florian Lerchbacher

Amöneburg. „Eine unendliche und unsägliche Geschichte geht zu Ende“, freut sich Michael Richter-Plettenberg. Soeben hat er Post bekommen vom Kirchhainer Amtsgericht - was freilich nicht immer Grund zum Jubilieren gibt. Bei Amöneburgs Bürgermeister ist das in diesem Fall anders: In dem Schreiben teilt Amtsgerichtsdirektor Edgar Krug mit, dass der Rathauschef nicht gegen Paragraf 44 des Bundesnaturschutzgesetzes verstoßen und einen landesweit bedeutenden Ruheplatz einer streng geschützten Art zerstört hat. Das sogenannte Eulen-Keulen war also keines -sondern nur ein ganz normales Baumfällen, das ein massives Echo nach sich zog.

Am Morgen des 9. Januar 2012 hatte Richter-Plettenberg Mitarbeitern des Bauhofs den Befehl erteilt, auf dem Amöneburger Friedhof sechs Scheinzypressen zu fällen. Bäume, die zuvor viele Jahre lang Waldohreulen einen Schlafplatz geboten hatten und mithin ein Anziehungspunkt für Vogelfreunde waren. Der Aufschrei war groß - ähnlich groß wie die Beschwerden, die es in den Jahren zuvor von Amöneburgern über von den Eulen hochgewürgte Gewölle auf dem Friedhofsgelände gegeben hatte.

Ortsuntypische Flachwurzler waren Wind nicht gewachsen

Die Vorgeschichte des Fällens befeuerte den Verdacht von Naturschützern, der Bürgermeister habe lediglich mit der Kettensäge einen Schlussstrich unter eine Diskussion ziehen und Fakten schaffen wollen. Eine Theorie, von der sich Richter-Plettenberg immer wieder mit Verweis auf die Verkehrssicherheit distanzierte: Schon im Juni 2010 hatte er angekündigt, die Scheinzypressen fällen zu wollen, da zwei während eines Sturmes umgeknickt waren. Die Standsicherheit der ortsuntypischen Flachwurzler sei nicht gegeben. Ein Jahr später brachten die Stadtverordneten einen neuen Bebauungsplan für Amöneburg auf den Weg, in dem das Fällen bereits eingeplant war -und diesen habe er umgesetzt, betonte der Bürgermeister immer wieder und berichtete, dass ein von der Stadt beauftragter Gutachter mitgeteilt habe, dass die Eulen die Scheinzypressen, aber auch andere Bäume in der Umgebung, nur unregelmäßig als Schlafplatz nutzten und sie nicht mehr von herausragender Bedeutung wie früher seien.

Dem Bonner Verein „Komitee gegen den Vogelmord“ war die Begründung egal. Er reichte bei der Staatsanwaltschaft Marburg Strafanzeige wegen des Verdachts auf Verstoß gegen das Bundesnaturschutzgesetz ein. Nach mehr als zwei Jahren, genauer gesagt im Mai dieses Jahres, erhob die Staatsanwaltschaft dann auch Anklage. Das Amtsgericht Kirchhain lehnte die Eröffnung des Hauptverfahrens nun jedoch ab.

Amtsgerichtsdirektor Edgar Krug gab dem Bürgermeister in dessen Einschätzung Recht. Richter-Plettenberg sei der Status der Waldohreule als besonders geschützte Vogelart zwar bekannt gewesen und er habe auch die Zerstörung der Scheinzypressen auf dem Amöneburger Friedhof angeordnet: „Ein strafrechtlicher Vorwurf könnte dem Angeschuldigten aber nur bei einer vorsätzlichen Zerstörung einer Ruhestätte der Waldohreule gemacht werden. Davon kann nicht ausgegangen werden“, schreibt Krug und verweist darauf, dass sich Richter-Plettenberg auf die Einschätzung eines Gutachters verlassen habe. Dieser wiederum hatte nach einer Analyse im Jahr 2011 festgehalten, dass die Bäume keinen regelmäßig genutzten Winterschlafplatz mehr darstellten - und der Fortbestand der Vögel durch eine Fällung der Scheinzypressen nicht gefährdet sei. Der Bürgermeister habe sich auf diese Aussage verlassen -und durfte dem Gutachter laut Krug auch vertrauen, da dieser in seinem Heimatort unter anderem Vogelschutzbeauftragter sei. Aufgrund dieser Aussage des Fachmannes könne also kein Vorsatz vorliegen, schreibt der Richter. Durch den fehlenden Vorsatz sei letztendlich auch egal, ob es sich bei dem Fällen um eine fortbestehende Ruhestätte der Waldohreule gehandelt habe.

Richter-Plettenberg ist erleichtert

Der Amtsgerichtsdirektor sieht auch eine Mitteilung des Kreisausschusses nicht als maßgeblich an. Dieser hatte der Stadt im Mai 2011 zunächst mitgeteilt, dass eine Fällung der Scheinzypressen unzulässig und genehmigungspflichtig sei. In weiteren Schreiben im November informierte der Ausschuss die Stadt, dass ein weiteres Fachgutachten in Auftrag gegeben sei, da Gewölle gefunden worden seien - eine Angabe, die der Magistrat anzweifelte. Konkreter wurde es Ende Dezember 2011, als der Kreisausschuss einen Zwischenbericht eines vogelkundlichen Gutachters übersandte, in dem der Schlafplatz wieder als „landesweit bedeutsam“ eingestuft wurde. Diesen will die Stadt allerdings erst nach Fällung der Bäume am 9. Januar 2012 erhalten haben. Diese Einlassung sei unwiderlegbar, kommentiert Krug - und teilt kräftig in Richtung des Vogelkundlers aus: Es sei zweifelhaft, dass das Gutachten „inhaltlich und methodisch so klar und eindeutig ist“. Zum einen habe der ­Gutachter auf seinen Exkursionen keine Waldohreulen gesehen und zum anderen die Fundorte der „angeblich“ entdeckten Gewölle weder dokumentiert noch analysiert. Noch dazu habe der Mann sogar eine falsche Anzahl an Bäumen niedergeschrieben.

Das Gericht hat die Anklage also zurückgewiesen, die Beschwerdefrist ist abgelaufen und der Beschluss rechtskräftig -was Richter-Plettenberg mit großer Freude zur Kenntnis genommen hat: „Eine Zeit geht nun zu Ende, die für mich belastend war, denn immer wieder wurde man damit konfrontiert, dass man ja mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sei.“

Der Bürgermeister kann es sich bei aller Erleichterung allerdings nicht verkneifen, noch einmal nachzukarten: Bei der polizeilichen Vernehmung habe er seine Einschätzung der Sachlage - die ja nun bestätigt wurde -kundgetan und im Nachgang mit seinem Anwalt „mit Engelszungen versucht, die zuständige Staatsanwältin zu überzeugen, dass aus diversen Gründen kein strafbares und im Übrigen auch kein ordnungswidriges Handeln“ vorliege. Auch ein persönliches Gespräch im Sommer 2013 habe nichts gebracht: „Stattdessen wurde die Angelegenheit in die Länge gezogen und viele tausend Euro auf Staatskosten für mehrere Gutachten ausgegeben (...).“

Und dann bekommen auch Naturschützer von Richter-Plettenberg noch einen mit: „Ein übersteigerter Artenschutz steht jedenfalls nicht über allen anderen Dingen, die für Menschen in unserem Gemeinwesen wichtig sind. Es wird ebenfalls klar, dass die Naturschutzbehörden in Marburg-Biedenkopf, die im vorliegenden Fall Naturschutzbelange mit der ,Keule‘ durchsetzen wollten, gerne mal auf dem Holzweg sind und man ­deren Muskelspiel im Einzelfall gelassen betrachten kann.“

von Florian Lerchbacher

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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