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Vom Elend eines kranken Junkies

Gericht Vom Elend eines kranken Junkies

Der Angeklagte ist erst 32 Jahre und schon schwer krank. Nur mühsam schleppte sich der deutlich jünger aussehende Neustädter auf die Anklagebank des Kirchhainer Amtsgerichts.

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Eine Apothekerin hält in Bremen eine Dose und einen Löffel mit Methadon in der Hand. Der Drogenersatzstoff hat zuletzt einen Neustädter von weiterer Beschaffungskriminalität abgehalten.
Foto: David Hecker

Quelle: David Hecker

Kirchhain/Neustadt. Dort war der arbeitslose Hartz-IV-Bezieher gelandet, weil er zweimal mit dem Auto seiner Mutter gefahren war, obwohl er seit dem 10. Juli 2012 keinen Führerschein mehr hat.

Laut Anklagesatz war der Mann am 19. August 2014 um 13.52 Uhr auf der Bundesstraße 454 in Stadtallendorf auf der Höhe des Restaurants Zum Bärenschießen geblitzt worden, weil er zu schnell unterwegs war. Am 25. September geriet er um 8.30 Uhr in Wasenberg in eine Polizeikontrolle. In beiden Fällen konnte der Neustädter keinen Führerschein vorweisen.

Die Anklage zu dem Wasenberger Fall war erst kurz vor der Hauptverhandlung beim Amtsgerichtdirektor Edgar Krug eingegangen. Auf seinen Vorschlag hin wurde das Wasenberger Verfahren mit dem Stadtallendorfer Fall mit Zustimmung der Staatsanwaltschaft und des Angeklagten miteinander verbunden.

Ein Routinefall, bei dem es wegen der eindeutigen Beweislage weder viel zu leugnen noch zu gestehen gibt. Und das Strafmaß steht eigentlich auch schon vorher fest. Wenn es sich nicht gerade um einen notorischen Wiederholungstäter handelt, kommt ein Angeklagter wegen vorsätzlichen Fahrens ohne Führerschein in zwei Fällen meist mit einer Geldstrafe davon.

Beim Angeklagten lag der Fall jedoch ganz anders. Er musste mit einer Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe ohne Bewährung rechnen, weil er eine schwere Hypothek mit in die Hauptverhandlung gebracht hatte: 14 Verurteilungen zwischen 1997 und 2013. Neun Jahre und vier Monate, damit fast ein Drittel seinen Lebens, hat er in Gefängnissen verbracht. Das Besondere: Alle Freiheitsstrafen wurden voll verbüßt. Bewährungschancen und Strafaussetzungen vermochte der Angeklagte nicht zu nutzen. Die Sucht wär stärker als der Wille, in Freiheit zu leben.

Seine seit 1999 bestehende Heroin-Abhängigkeit habe ihn in die Beschaffungskriminalität gedrängt, nannte der Angeklagte den Grund für seine zahlreichen Diebstähle, Einbrüche, gewerbsmäßigen Diebstähle, gewerbsmäßige Hehlerei und Computerbetrügereien. Seit Sommer 2013 sei er in einem Methadon-Programm. Und seit diesem Zeitpunkt habe er auch keine Eigentumsdelikte mehr begangen, erklärte er vor dem Gericht.

In der Sache zeigte er sich geständig. „Was soll ich dazu sagen? Ich bin fotografiert worden. Die Vorwürfe stimmen“, erklärte er zu dem Stadtallendorfer Vorfall. Seine Mutter habe am fraglichen Tag Nachtschicht gehabt und er sei mit deren Auto zum Hausarzt nach Treysa gefahren. Auf dem Rückweg habe er einen inzwischen gestorbenen Mitpatienten nach Stadtallendorf gefahren.

Methadon geholt,von der Polizei gestoppt

An den Wasenberger Vorfall konnte sich der Angeklagte erst auf Vorhalt des Gerichts erinnern. Er sei morgens mit drei Bekannten aus Neustadt nach Treysa gefahren, um Methadon aus einer Apotheke abzuholen. Auf dem Rückweg sei er auf der Treysaer Straße in Wasenberg in eine Polizeikontrolle geraten. Seine Fahrt begründete er mit seinem Suchtdruck und dem Umstand, dass er wegen eines Leidens nicht gut zu Fuß sei. Der Weg vom Treysaer Bahnhof zur Apotheke sei für ihn zu beschwerlich.

Wie war mit dem einschlägig vorbestraften Angeklagten umzugehen? Die Staatsanwaltschaft entschied sich für den milden Weg. Sie führte zu Gunsten des Angeklagten das glaubwürdige und strafmildernde Geständnis und dessen seit 2013 straffreies Leben an. Gegen den Angeklagten sprächen das besorgniserregende Vorstrafen-Register und die die hohe Rückfall-Geschwindigkeit seit der letzten einschlägigen Verurteilung 2013.

Im Strafvollzug droht ein Rückfall

Die Staatsanwaltschaft beantragte deshalb für beide Taten eine je viermonatige Freiheitsstrafe, aus der eine sechsmonatige Gesamtstrafe zu bilden sei. „Wer trotz Methadon in die Sucht zurückfällt, wird wieder auffällig. Das ist bei Ihnen nicht passiert. Deshalb kann Ihre Freiheitsstrafe auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden“, sagte der Vertreter der Staatsanwaltschaft. Die Bewährungsauflagen: Der Angeklagte darf das Methadon-Programm nicht ohne ärztliche Weisung beenden, wird unter die Aufsicht eines Bewährungshelfers unterstellt und muss 50 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. Der Führerschein darf dem Angeklagten nicht vor Ablauf eines weiteren Jahres neu erteilt werden.

Edgar Krug folgte im Urteil dem Antrag der Staatsanwaltschaft, verzichtete aber unter Hinweis auf dessen schlechten Gesundheitszustand auf die Arbeitsauflage. Die Bewährungschance für den mehrfachen Bewährungsversager begründete der Richter mit der Stabilisierung, die der Angeklagte durch das Methadon-Programm erfahren habe. Im Strafvollzug gebe es kein Methadon; dort drohe dem Angeklagten ein Rückfall ins alte Drogenelend.

Das Urteil wurde sofort rechtskräftig.

von Matthias Mayer

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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