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Volker Bescht : Mehr Bildung bleibt das wichtigste Ziel

Deutscher Aufbauhelfer sieht Fortschritte in Afghanistan Volker Bescht : Mehr Bildung bleibt das wichtigste Ziel

Vor mittlerweile mehr als acht Monaten wechselte Volker Bescht die Aufgabe: vom stellvertretenden Divisionskommandeur zum zivilen Aufbauhelfer in Afghanistan.

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Volker Bescht (Mitte) verhandelt mit Dorfältesten in Uruzgan, einer Provinz im Südosten von Afghanistan, über ein Projekt.

Quelle: Privatfoto

Kabul. Die OP sprach mit dem früheren Brigadegeneral über seine Arbeit und die Entwicklung im Land aus der Sicht eines Aufbauhelfers.

OP: Sie arbeiten als Regionalmanager, welche Projekte betreuen Sie?

Volker Bescht: Ich bin in Afghanistan für die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ IS) für Projekte zuständig, die durch die Weltbank, den Global Fund, die EU oder auch von anderen Nationen wie Australien oder den Niederlanden finanziert werden. Hieran arbeiten etwa 200 internationale und nationale afghanische Mitarbeiter.

OP: Auf was konzentrieren sich diese Projekte?

Bescht: Zum Beispiel arbeiten wir im Auftrag der Weltbank an der Förderung der mittelständischen Wirtschaft und schaffen damit weitere Arbeitsplätze. Derzeit profitieren mehr als 350 mittelständische Betriebe von unserem Programm. Ein anderes Beispiel ist unsere Arbeit im Finanzministerium. Dort ziehen wir neue Strukturen gepaart mit moderner IT-Technik ein, die den bargeldlosen Zahlungsverkehr stärken und damit Korruptionsmöglichkeiten reduzieren.

OP: Wer das Geschehen vor und während der Präsidentenwahl in Afghanistan beobachtete, hatte das Gefühl, dass der terroristische Druck der Taliban dazu geführt hat, dass die Bevölkerung eher bereit ist, zur Wahl zu gehen als ihr fern zu bleiben. Trifft das aus Ihrer Wahrnehmung heraus zu?

Bescht: Die Sicherheitslage ist zwar angespannt, dennoch laufen unsere Projekte unverändert weiter. Auch nach unserer Wahrnehmung sehnt sich die Bevölkerung nach Frieden und nach stabilen Verhältnissen. Diese erhoffen sie sich von einer gewählten Regierung und ich habe von vielen unserer afghanischen Mitarbeiter im Vorfeld gehört, dass sie und ihre Familien auf jeden Fall an der Wahl teilnehmen wollten.

OP: Wie stark ist die Demokratie wirklich in der afghanischen Bevölkerung angekommen?

Bescht: Freie Wahlen gehören in Afghanistan sicherlich noch nicht so zum täglichen Leben wie in Deutschland. Das Ganze ist aber nicht ein einzelnes Ereignis des 5. April 2014, sondern ein beginnender demokratischer Prozess, den wir begleiten und auch mit unseren Projekten, wie zum Beispiel der Einführung moderner IT-gestützter Methoden in der statistischen Erfassung, unterstützen.

OP: Gibt es dabei regionale Unterschiede im Land?

Bescht: Sicherlich. In Afghanistan denkt man oft noch in Volksgruppen, auf dem Lande noch stärker als in den Städten. Aber es beginnt auch ein Nationalgefühl zu keimen, das hat man gespürt, als Afghanistan den Asien-Cup im Fußball gewonnen hat. Die Mannschaft setzte sich aus allen Landesteilen und aus unterschiedlichen ethnischen Gruppen und Volksstämmen zusammen, die sich nicht in einer gemeinsamen Sprache unterhalten konnten, aber das hat plötzlich keine Rolle mehr gespielt. Es gab nur noch das Gefühl, ein gemeinsames Volk, ja eine Nation zu sein!

OP: US-Präsident Barack Obama hat den Verlauf der Wahl als Meilenstein bezeichnet, war sie das auch aus Ihrer Sicht?

Bescht: Hier herrscht natürlich große Erleichterung, dass es über die Erschießung der deutschen Journalistin hinaus doch ohne größere Zwischenfälle verlaufen ist. Es ist uns auch eine Freude zu erleben, wie zufrieden und stolz unsere afghanischen Partner und Mitarbeiter auf diesen ersten gelungenen Schritt in Richtung Demokratie sind. Die erheblichen Anstrengungen der Weltgemeinschaft zeigen auch hier erste erfreuliche Ergebnisse.

OP: Was kann der Wechsel an der Spitze für die Arbeit der internationalen Hilfsorganisationen je nach Ausgang bedeuten?

Bescht: Für die Menschen in Afghanistan ist es wichtig, dass sich das Land weiter in Richtung Frieden und Wohlstand bewegt. Wir wollen im Auftrag der Bundesregierung auch weiterhin unseren Beitrag dazu leisten. Zum Beispiel sind wir dabei, im Ministerium für Bergbau Kapazitäten zur Gewinnung von Rohstoffen aufzubauen, Laboratorien einzurichten, aber auch Feldmissionen anzuleiten.

OP: Was ist nötig, um Erreichtes zumindest zu sichern?

Bescht: Bildung ist wichtig, wir fördern zum Beispiel Schulen und Universitäten. Gleichzeitig gilt es, Arbeitsplätze zu schaffen und mit dem Rohstoffreichtum Afghanistan zu wirtschaftlicher Stärke zu verhelfen. Auch in dieser Richtung sind unsere Projekte angelegt. Wir arbeiten daran, dass sich die internationalen Helfer nach und nach ersetzbar machen, deshalb bilden wir gezielt afghanische Fachleute in den verschiedensten Bereichen von… bis… aus.

OP: Wie eng verzahnt ist die Arbeit der GIZ mit den internationalen Bündnistruppen?

Bescht: Wir sind bereits jetzt auch in Regionen tätig, in denen keine internationalen Truppen mehr präsent sind. Die Sicherheit wird aber im Wesentlichen dadurch geschaffen, dass wir in enger Verzahnung mit der Bevölkerung arbeiten und afghanische Mitarbeiter in die Projekte integriert haben. Wir genießen in der Bevölkerung eine hohe Akzeptanz. Das ist unser bester Schutz.

OP: Welche Konsequenzen erwarten Sie, wenn es nicht zu einer internationalen Nachfolge-mission kommt - was auch bei einem Machtwechsel im Präsidentenamt nicht auszuschließen wäre?

Bescht: Dazu ist es derzeit schwer, eine Einschätzung abzugeben. Wir hoffen alle, dass dieser Fall nicht eintrifft.

OP: Der Tod der deutschen Kriegsfotografin Anja Niedringhaus hat gezeigt, dass es unverändert gefährlich ist, in Afghanistan zu arbeiten. Wie groß ist das Risiko, dass Aufbauhelfer wie Sie täglich eingehen?

Bescht: Letztlich kann man hier kein Risiko ganz ausschließen, wir haben aber ein sehr gut funktionierendes Risk Management Team (RMO), das uns berät und darüber hinaus gilt es eben, sich hier nicht zu exponieren, sondern ohne viel Aufhebens unsere Projekte zu verfolgen, die doch sehr hohe Akzeptanz und Anerkennung im Land und bei der Bevölkerung finden.

OP: Sie haben bei Ihrem Abschied von der Bundeswehr Ihr Engagement bei der GIZ in Afghanistan damit begründet, dass Sie dazu beitragen wollen, dass die deutschen Opfer nicht umsonst waren. Was sagen Sie jetzt, mitten im Geschehen?

Bescht: Ich bin jetzt seit acht Monaten in der neuen Funktion und kann meine Aussagen nur noch einmal unterstreichen. Wir alle sind hier, um einen Beitrag zu leisten, dass dieses Land stabilisiert wird und nicht in den Zustand vor 2002 zurückfällt. Schon jetzt gehen Millionen mehr Kinder in die Schulen als 2002, darunter viele Mädchen. Die Wirtschaft wächst. Und die Gesundheitsversorgung hat sich verbessert, genauso wie der Zugang zu Strom und Trinkwasser. Für weitere Verbesserung arbeiten wir jeden Tag in diesem Land und die Erfolge, auch die gelungene Wahl, bestätigen uns nicht nur, sondern geben uns durchaus auch viel Zufriedenheit und Zuversicht.

von Michael Rinde

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