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Virus versetzt Pferdebesitzer in Angst

Zwei Tiere gestorben Virus versetzt Pferdebesitzer in Angst

Die heimischen Pferdebesitzer sind alarmiert: Ein gefährlicher Virus hat bereits zwei Tieren das Leben gekostet. Experten raten zur Vorsicht, warnen aber vor Hysterie.

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Pferdebesitzer sollten derzeit mehrmals täglich Fieber messen. Steigt die Temperatur des Tieres über 38,5 Grad sollte ein Tierarzt informiert werden.

Quelle: Nadine Weigel

Kirchhain. Die Nerven liegen blank bei den heimischen Pferdebesitzern. Was bislang nur als Gerücht kursierte, ist nun offiziell: Im Landkreis Marburg-Biedenkopf sind mehrere Pferde eines Bestandes an einer hoch fieberhaften, stark ansteckenden Virusinfektion erkrankt. Zwei Tiere aus einem Stall  in Kirchhain mussten eingeschläfert werden. Drei weitere Pferde befinden sich in der Tierklinik und werden überwacht.  

„Die Erkrankung beginnt mit starkem Fieber von 39 bis 41,8 Grad“, erklärt Thomas Geilhof. Der Tierarzt aus dem Ebsdorfergrund behandelt einige der erkrankten Pferde. In seinen 25 Jahren als Veterinärmediziner hat er so etwas noch nicht erlebt. „Noch nie habe ich so hilflos neben einem Pferd gestanden“, sagt er im Gespräch mit der OP und erläutert den Krankheitsverlauf, der jedoch von Pferd zu Pferd völlig unterschiedlich aussehen kann: Die leichtere Verlaufsform sei ein schwankendes Fieber über mehrere Tage bis zur Ausheilung. „Im schlimmsten Fall treten Lähmungserscheinungen anfangs an der Schweifrübe, später dann in der Hinterhand auf. Auch Darm und Blasenlähmung wurden beobachtet“, informiert Geilhof. Die Lähmungen könnten gleich zu Anfang des Infektes auftreten. Bei einem der Pferde seien die Ausfallserscheinungen erst nach Abklingen des Fiebers gekommen. „Zwei Pferde waren nicht stabilisierbar und mussten eingeschläfert werden. Ein Pferd konnte trotz Lähmungserscheinungen wieder genesen“, so der Tierarzt.

Kontrolle ist wichtig

Um was für einen Virus es sich handelt, konnte bislang noch nicht eindeutig geklärt werden.  „Aufgrund des Krankheitsverlaufs gehen wir allerdings davon aus, dass es sich um ein equines Herpesvirus handelt“, sagt Prof. Kerstin Fey, Leiterin der Pferdeklinik Gießen. Endgültige Laborergebnisse lägen jedoch erst in ein bis zwei Wochen vor, so die Fachtierärztin. Die Besorgtheit der heimischen Pferdebesitzer sei nachvollziehbar, die Expertin warnt allerdings vor Panik.  „So lange nur ein Pferdebestand betroffen ist, gehen wir davon aus, dass sich die Verbreitung gut eindämmen lässt.“ Thomas Geilhof sieht das etwas anders. Auch er warnt zwar vor Hysterie, schätzt die Lage allerdings als „heftig“ ein.

Er bestätigt, ein Pferd aus einem anderen Bestand im Landkreis mit Fiebersymptomen in die Tierklinik überwiesen zu haben. „Da dieses Pferd aber eine Vorerkrankung hatte, kann nur ganz schwierig gesagt werden, ob es sich dabei um den
Virus handelt oder ob es eine andere Ursache gibt“, betont Geilhof.

Wichtig sei nun, zu kontrollieren: Die Leiterin der Tierklinik rät jedem Pferdebesitzer zwei Mal am Tag bei seinem Tier die Temperatur zu messen. „Wenn die Temperatur über 38,5 Grad steigt, sollte ein Tierarzt hinzugezogen werden“, so Fey. Landtierarzt Geilhof geht noch weiter. Er hält eine dreimalige Temperaturkontrolle am Tag für sinnvoll.

Einen wirkungsvollen Impfschutz gebe es nicht, sind sich die beiden Veterinärmediziner einig. „Es gibt zwar eine Herpes-Impfung, aber auch die bietet keinen definitiven Schutz“, erklärt Fey. Zudem sei das Impfmedikament momentan auf dem Markt ohnehin nicht verfügbar.  Ist ein Pferd erkrankt, könne man nur die Symptome bekämpfen, zum Beispiel durch fiebersenkende Medikamente oder Entzündungshemmer.

"Völlig übertrieben"

Oberste Priorität habe nun, eine Ausbreitung des über Tröpfchen übertragbaren Virus‘ zu verhindern, betont Thomas Geilhof. Deshalb rät er besorgten Pferdebesitzern zu Vorsichtsmaßnahmen im Stall. „Der Publikumsverkehr in den Ställen ist zu unterbinden und geeignete Desinfektionsmöglichkeiten sind zu etablieren. Das betrifft insbesondere Personengruppen wie Schmiede, Reitlehrer, Pferdebesucher sowie Reiter, die in mehreren Ställen aktiv sind“, sagt Geilhof.
Die Leiterin der Tierklinik in Gießen findet dies „völlig übertrieben“: „Unter normalen hygienischen Bedingungen ist die Gefahr einer Übertragung des Virus gering. Es kann unter Sonneneinstrahlung nicht lange überleben“, versucht die Expertin zu beruhigen.

Die Virusinfektion hat auch Auswirkungen auf die laufendeTurniersaison. So wird das traditionelle Pfingstreitturnier in Mengsberg am kommenden Wochenende nicht stattfinden, wie gestern bekannt wurde. „Wir begrüßen die Entscheidung des Veranstalters“, kommentiert Thorsten Engelbach, Vorsitzender des Kreisreiterbundes Marburg-Biedenkopf. „Es gibt viele Ställe im Landkreis, die als Vorsichtsmaßnahme keine fremden Reiter oder Pferde auf den Hof lassen und auch ihre Anlage bis auf Weiteres nicht verlassen.“

Geplant sei, das Turnier mit Kreismeisterschaft am 1. - 3. Oktober  nachzuholen.

von Nadine Weigel

 
Verhaltenstipps für Pferdebesitzer

Der Kreisreiterbund Marburg- Biedenkopf empfiehlt in Absprache mit Tierarzt Thomas Geilhof folgende Verhaltensregeln:

  • Fremde Pferde und Reiter sollten die eigene Anlage nicht mehr betreten.
  • Pferde sollten die Anlage nicht mehr verlassen und derzeit nicht an Turnieren und Wettkämpfen teilnehmen.
  • Reitschüler und weitere Besucher, die sich auch in anderen Ställen aufhalten, werden angewiesen, Kleidungsstücke vor dem Betreten der Stallungen zu wechseln.
  • Tiere dürften nicht mehr gestreichelt werden.
  • Besondere Sorgfalt gelte für Tierärzte, Hufschmiede und Reitlehrer, die zu verschiedenen Betrieben fahren. Sie könnten den Virus sehr leicht von einem Stall in den nächsten tragen. Deshalb sollten nicht notwendige Besuche bis auf weiteres verschoben werden.
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