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Vier Straftaten auf einen Streich

Mit 3,1 Promille auf dem Motorroller unterwegs Vier Straftaten auf einen Streich

Mit 3,1 Promille Alkohol im Blut sich am frühen Nachmittag um 14.10 Uhr auf einen Motorroller zu setzen und loszufahren, gehört nicht gerade zu den besten Ideen, die ein Mensch haben kann.

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Kirchhain/Neustadt. „Das ist fast schon ein geplanter Suizid“, sagte Strafrichter Joachim Filmer an die Adresse eines Angeklagten, der am 26. November 2014 in Neustadt genau dieses Kunststück fertig gebracht hatte. Mit einem solchen Promillewert landen ungeübte Trinker, wenn sie diesen überhaupt erreichen, auf der Intensivstation oder im Leichenschauhaus.

Der 46-Jährige kam mit dieser Alkohol-Konzentration im Blut immerhin noch bis in die Neustädter Karl-Braun-Straße, wo das Unheil seinen Lauf nahm. Am rechten Straßenrand parkte ein Auto. Beim Versuch, diesem auszuweichen, geriet der volltrunkene Rollerfahrer auf die Gegenfahrbahn und kollidierte mit einem Fahrzeug eines Krankentransportunternehmens, obwohl dessen Fahrer noch auf den Grünstreifen ausgewichen war. Der bis heute nicht regulierte Schaden an dem Auto: 2498,11 Euro.

Flucht vom Unfallort

Selbstverständlich besaß der Rollerfahrer keinen Führerschein und der Roller keinen Versicherungsschutz. Denn das angebrachte Versicherungszeichen gehörte zu einem Mofa-Roller, der ebenfalls im Besitz des Angeklagten war.

Die Zwischensumme: Fahrlässige Straßenverkehrsgefährdung durch eine Trunkenheitsfahrt, Fahren ohne Führerschein und Urkundenfälschung. Aber das sollte noch nicht alles sein. Als der Fahrer des Autos ankündigte, die Polizei rufen zu müssen, gab der glücklicherweise nur leicht verletzte Angeklagte Fersengeld.

„Es entspricht alles den Tatsachen“, kommentierte der Neustädter die Anklagepunkte. „Ich habe noch eine Vollbremsung gemacht. Dabei blockierte das Hinterrad, der Roller rutschte weg und krachte in das Auto“, schilderte der Angeklagte die Unfallsituation.

Und der Hartz-IV-Empfänger erzählt, wie es zu der Alkoholfahrt kam. 26. November. Erst in zwei Tagen gibt es wieder Geld vom Amt. Ein Kumpel am Telefon ist bereit, dem Angeklagten Geld zu leihen. Aber es muss schnell gehen, der Kumpel will weg. Deshalb wählt der Angeklagte den schnelleren Roller, auch wenn er seit Jahrzehnten keinen Führerschein mehr hat.

„Haben Sie einAlkoholproblem?“ „Ja!“

Nach dem Unfall bestand der Mann bei der Polizei den Fingertest mit Glanz und Gloria, was Richter Joachim Filmer zu der naheliegenden Frage veranlasste. „Haben Sie ein Alkoholproblem?“ „Ja!“ entgegnet der Angeklagte wie aus der Pistole geschossen. Er wisse, dass er einen Entzug und eine Therapie machen müsse, habe auch schon erste Schritte in diese Richtung eingeleitet. Und die beiden Motorroller besitze er auch nicht mehr. Die habe er zur Verschrottung gegeben.

Die Alkoholiker-Karriere des aus den neuen Bundesländern stammenden Mannes lässt sich aus dessen umfangreichen Vorstrafenregister ablesen. 1987 wurde er erstmals in der DDR wegen Fahrens ohne Führerschein unter Alkoholeinfluss zu einer achtmonatigen Freiheitsstrafe ohne Bewährung verurteilt. Im gleichen Jahr folgte eine sechsmonatige Freiheitsstrafe wegen Diebstahls, die er ebenfalls voll verbüßte. 1988 kamen wegen eines Verkehrsdelikts ein Jahr und vier Monate und 1990 wegen Diebstahls vier Monate dazu, die er komplett verbüßte, so dass er bis zur Wiedervereinigung bereits 32 Monate im DDR-Strafvollzug verbracht hatte.

Nach der Wiedervereinigung folgten fünf weitere Trunkenheitsfahrten ohne Führerschein, die zusammen mit zwei Jahren Haft geahndet wurden. Die letzte einschlägige Vorstrafe stammt allerdings schon aus dem Jahr 2004.

Dies bewertete Staatsanwalt Dr. Kurt Sippel neben dem Geständnis als strafmildernd. Deshalb beantragte er wegen fahrlässiger Straßenverkehrsgefährdung, Fahrens ohne Führerschein, Urkundenfälschung und Fahrens Unfallflucht eine Gesamtgeldstrafe in Höhe von 95 Tagessätzen à 15 Euro. Richter Joachim Filmer folgte im Urteil diesem Antrag. Der Richter sprach von einem Ausmaß an Verantwortungslosigkeit, das seinesgleichen suche. „Sie hätten tot unter dem Auto liegen können“, sagte der Richter. Das Urteil erlangte sofort Rechtskraft.

von Matthias Mayer

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