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Viele Worte um fast nichts

Spätes Geständnis Viele Worte um fast nichts

Wer vom Schwarzfahren nicht lassen kann, landet vor Gericht. Wegen der erdrückenden Beweislage sind diese Verhandlungen meist sehr kurz. Bei einem jetzt in Kirchhain verhandelten Fall war dies anders.

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Kirchhain. Geschuldet war dies dem ungebremsten Mitteilungsbedürfnis des 24-jährigen Angeklagten. Schon die obligatorische Feststellung der Personalien und der persönlichen Lebensverhältnisse lief zeitlich etwas aus dem Ruder. Und nach dem Verlesen des Anklagesatzes gab es für den zurzeit arbeitslose Facharbeiter aus dem Ostkreis kein Halten mehr.

Die Staatsanwaltschaft warf dem Angeklagten vor, am 22. Juni 2014 um 16.25 Uhr im Regionalexpress zwischen Frankfurt und Marburg kurz vor Gießen einem Zugbegleiter der Deutschen Bahn ein Jobticket als Fahrkarte gezeigt zu haben, das er zuvor manipuliert habe. Deshalb hatte ihn die Staatsanwaltschaft wegen versuchten Betrugs in Tateinheit mit Urkundenfälschung angeklagt.

Der Angeklagte räumte gegenüber dem unter Vorsitz von Amtsgerichtsdirektor Edgar Krug tagenden Gericht ein, am fraglichen Tag nach einem Besuch bei seiner Freundin in Rheinland-Pfalz den Zug genutzt zu haben und zweimal kontrolliert worden zu sein. Bei der zweiten Kontrolle bei Bürgeln durch eine Zugbegleiterin habe er keine Fahrkarte vorzeigen können, da sein Jobticket bei der ersten Kontrolle eingezogen worden sei. Energisch bestritt er indes den Kernvorwurf, das vom Kreisjobcenter ausgefüllte und nur für die Tarifzone 300 (Ostkreis) geltende Jobticket so verändert zu haben, dass das Papier einen Geltungsbereich bis Mainz aufwies.

„Es stimmt nicht, dass ich mein Jobticket selbst unterschrieben habe, und ich habe auch keinen Anlass, mein Jobticket zu verfälschen. Ich ziehe mir immer eine Anschlusskarte“, hub er seine Verteidigungsrede an. Dann folgte eine lange Ode, in der vom Fußball-WM-Spiel zwischen Deutschland und Ghana die Rede war, vom zweifellos vorhandenen Ärgernis, dass Fahrgäste in RMV-Zügen weder an Tarif- noch an Verbund-Grenze Anschlussfahrkarten ziehen können, sie stattdessen aussteigen, um am Automaten eine Anschlusskarte zu lösen. Mit dem Ergebnis, dass es mit dem nächsten Zug erst nach einer oder zwei Stunden Wartezeit weiter gehe. Zudem reportierte er über Züge, in denen gerüchteweise oder ganz sicher inzwischen nachgelöst werden könne. Diese Gedanken wiederholte der Angeklagte im Stile eines Oratoriensängers immer wieder - auch wenn sie nichts zur Sache beitrugen.

Irgendwann platzte Staatsanwalt Dr. Kurt Sippel der Kragen: „Warum soll Ihnen das Kreisjobcenter ein Jobticket bis nach Mainz ausstellen, wenn Sie dort gar nicht arbeiten? Sagen sie jetzt, dass sie daran rumgemalt haben. Und fertig!“ Und Richter Edgar Krug hielt dem Angeklagten vor, durch geradezu dilettantische Übermalungen aus der Tarifzone 300 die Tarifzone 6500 und aus der Preisstufe 3 die Preisstufe 7 gemacht zu haben. Eine solche Schmiererei werde niemals in einer Behörde fabriziert, sagte er.

Wirkungstreffer. Von der einen zur anderen Sekunde knickte der Angeklagte ein und gestand den Anklagevorwurf. Er entschuldigte sich bei Gericht und Staatsanwaltschaft für seine falschen Angaben, deren Gründe er in ihm eigenen Wortgewalt darlegte. Auch bei dem als Zeugen geladenen Zugbegleiter entschuldigte er sich. Was sich in fünf Sekunden erledigen lässt, schaffte er in fünf Minuten.

Dafür fasste sich der mit zwei einschlägigen Vorstrafen belastete Angeklagte kurz, nachdem ihm das Gericht wegen versuchten Betrugs in Tateinheit mit Urkundenfälschung auf Antrag der Staatsanwaltschaft zu einer Geldstrafe in Höhe von 45 Tagessätzen à 20 Euro verurteilt hatte: „Ich danke vielmals.“ Das Urteil ist rechtskräftig.

von Matthias Mayer

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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