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Viele Ängste und viele Fragen

Kieswerk geht im Sommer der Kies aus Viele Ängste und viele Fragen

200 Niederwälder waren zur Bürgerversammlung des Ortsbeirates gekommen, um sich über den Sachstand zur Genehmigung einer neuenAuskiesungsfläche zuinformieren.

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Sorgenvolle Gesichter im Dorfgemeinschaftshaus: Die meisten Niederwälder wollen keinen weiteren Baggersee vor ihrer Haustür. Foto: Klaus Böttcher

Niederwald. Ortsvorsteher Henning Welk hatte sich gewünscht, dass viele Bürger in das Dorfgemeinschaftshaus kommen und fand es schade, dass der Bürgermeister Jochen Kirchner nicht kommen wollte. Er wurde zweimal positiv überrascht. Es kamen so viele Bürger, dass der große Saal voll war und Kirchhains Bürgermeister war doch gekommen. Kirchner stellte zu Beginn klar, dass er nichts gegen die Niederwälder hätte.

Der Ortsbeirat hatte neben dem Bürgermeister Kirchner auch Thilo Orgis und Matthias Nörthen vom Kieswerk Herrmann sowie die Geschäftsführerin des Kreisbauernverbandes Anja Püchner auf das Podium eingeladen. Damit die vielen Fragen der Niederwälder sachkundig beantwortet werden konnten, saßen mit auf dem Podium Ralf Ukleja vom Regierungspräsidium und Konrad Weppler von der oberen Wasserbehörde.

Thilo Orgis vom Kieswerk skizzierte die Pläne des Unternehmens. Die Kies-Vorräte würden nur noch bis zum Sommer reichen, dann stehe die Firma mit den acht Beschäftigten vor dem Aus. Zehn Transportbetonwerke seien vom Niederwälder Kies abhängig; im Jahresmittel wurden in den vergangenen Jahren 300000 bis 350000 Tonnen gefördert. Die Firma habe auf eine großflächige Auskiesung im Ohmrückhaltebecken gesetzt, sich dabei aber verspekuliert, denn das Regierungspräsidium habe die Genehmigung von der Vorlage von Gutachten abhängig gemacht, deren Erstellung mehrere Jahre in Anspruch nähmen. Mit einer Genehmigung sei nicht vor 2018 zu rechnen. Deshalb wolle sich die Firma die Auskiesung einer 15 Hektar großen Fläche nördlich des jetzigen Kiessees genehmigen lassen. Dieser See würde bis auf 200 Meter an die Niederwälder Bebauungsgrenze heranreichen.

Bauernverband klagt:Ackerland geht verloren

Bei den 15 Hektar Land handele es sich um wertvolle Ackerfläche, verdeutlichte Anja Püchner vom Bauernverband in ihrem kurzen Statement. In Niederwald und rundherum sei die Landwirtschaft stark vertreten und das Ackerland werde benötigt. Bis zur endgültigen Rekultivierung würden Jahrzehnte vergehen - mit ungewissem Ausgang für die Bodenqualität.

Danach entwickelte sich eine schier endlose Fragestunde, so dass mehr als drei Stunden ins Land strichen. Es wurde teils sachlich und ruhig gefragt oder argumentiert, aber vielfach waren Emotionen im Spiel. Einige Niederwälder redeten sich ihren Frust von der Seele. „Baggersee ist gut, aber wir wollen nicht auf einer Insel leben. Wer gibt mir Garantie für mein Haus“, meinte eine Bürgerin. „Was war erst da? Häuser oder Wasser?“ fragte ein aufgebrachter Bürger. Eine andere Stimme: „Über 80 Prozent der Niederwälder wollen gar nichts, auch kein 15 Hektar großes neues Gebiet.“ Der Beifall und Jubel, der bei derartigen Sätzen aufbrandete, dokumentierte die Vorbehalte der meisten Niederwälder Bürger gegenüber diesem Projekt.

Sie sorgen sich um Setzungsschäden an ihren Häusern, haben wegen der nicht eingezäunten Wasserflächen Angst um ihre Kinder, fürchten weitere Lärmbelästigungen oder gar Klimaveränderungen durch Nebel über den Wasserflächen. Die in den Augen der Bürger nur halbherzige Rekultivierung und die Standsicherheit des Dammes im Rückhaltebecken waren weitere Kritikpunkte, die aufzuklären sich die Fachleute auf dem Podium nach Kräften bemühten.

Und was unternimmt die Stadt? Bürgermeister Kirchner erklärte, Kirchhain sei nicht Genehmigungsbehörde und könne den Planungs- und Genehmigungsprozess nur mit Stellungnahmen begleiten. Ralf Ukleja vom Regierungspräsidium wies darauf hin, dass alle Pläne offengelegt und die Bürger mit ihren Einwänden Einfluss nehmen könnten. Zur Genehmigung des beantragten neuen Gebietes sagte er, es dauert im günstigsten Fall ein halbes Jahr, in der Praxis aber mit Sicherheit länger. Matthias Nörthen vom Kieswerk skizzierte eine mögliche Stilllegung des Betriebes für ein Jahr als schlimmstes Ereignis und wiederholte: „Mit dem abschlägigen Bescheid für unser Vorhaben im Rückhaltebecken haben wir nicht gerechnet.“

von Klaus Böttcher

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