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Verteilen könnte eine Lösung sein

Konferenz Verteilen könnte eine Lösung sein

Sei es der örtliche Fußballverein, die Feuerwehr oder sogar die Partei auf Kommunalebene - sie alle haben immer mehr Schwierigkeiten, Ehrenämter zu besetzen. Aber warum eigentlich?

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Es diskutierten unter anderem Karina Gottschalk (Kreisjugendfeuerwehrwartin, von links), Birgit Gruß (Vorsitzende der Kirchhainer Kolpingfamilie), Moderatorin Patricia Ortmann und Aysel Söhret (Verein für Interkulturelle Bildung in Stadtallendorf).

Stadtallendorf. Die Geschichte von Herbert Balzer steht gewissermaßen sinnbildlich für die Problematik, mit der sich in diesen Wochen und Monaten zahlreiche Vereine und Institutionen konfrontiert sehen. Seit inzwischen 21 Jahren leitet Balzer mit höchstem Engagement die Geschicke des Männer- und Gemischten Chors in Erksdorf, hat dort eine ganze Generation von Sängern geprägt. Anfang des Jahres hatte Balzer aber schließlich genug - eigentlich: Auf der Jahreshauptversammlung wollte sich der 68-Jährige ursprünglich nicht mehr zur Vorstandswahl aufstellen lassen. Das Problem war nur: Es fand sich kein anderer. Also erklärte sich das Urgestein doch noch einmal bereit, die verantwortungsvolle Aufgabe als Vorsitzender für zwei Jahre zu übernehmen.

Als einer von rund 130 Gästen der Ehrenamtskonferenz, die der Landkreis Marburg-Biedenkopf - Fachdienst Bürgerbeteiligung, Ideen- und Beschwerdemanagement - in der Stadthalle Stadtallendorf veranstaltete, lauschte Balzer aufmerksam den Diskussionen, die Vereinsvertreter und Betroffene miteinander führten. Woran liegt es, dass scheinbar immer weniger Menschen bereit sind, einen freiwilligen und ebenso wichtigen Posten in der Gesellschaft zu übernehmen? Und vor allem: Auf welche Weise können die Vereine diesem Trend entgegensteuern?

Antworten auf diese zentralen Fragen gab in erster Linie Stephan Würz, Geschäftsführer der Landesehrenamtsagentur in Hessen. Zum Erstaunen der Zuhörer zeigte er auf, dass zurückgehendes Engagement in absoluten Zahlen gar nicht erkennbar ist. „Im Verlauf der vergangenen zehn Jahre sind es nicht weniger Ehrenamtliche geworden. Aber hinter den Kulissen hat sich etwas verändert, weil sich die Gesellschaft entwickelt“, sagte Würz. Das bedeutet: Menschen sind seltener bereit, sich bedingungslos für eine Aufgabe aufzuopfern. Sie wägen in der heutigen Zeit häufiger das persönliche Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag ab. Und das wiederum birgt in der Konsequenz den Effekt, dass sich eben diese Ehrenamtler nicht lange an ihren Posten binden. „Zwischen 50 und 70 Prozent aller Vereine in Hessen haben Probleme, ihre Vorstandspositionen zu besetzen“, erläuterte Würz.

Gleichzeitig hielt der Referent einige Tipps bereit, wie die Betroffenen dieser Entwicklung Einhalt gebieten könnten. Dabei stünde in erster Linie im Mittelpunkt, die Aktivsten in der Vorstandsarbeit zu entlasten, Strukturen zu ändern und so Verantwortung auf mehrere, möglichst viele Schultern zu verteilen. Öffentlichkeitsarbeit habe zudem eine enorme Bedeutung, so Würz.

Als konkrete Möglichkeit stellte er das Projekt der „Zeitspende“ vor. Statt regelmäßiger finanzieller Unterstützung sollten Mitglieder und Gönner doch schlicht einen Teil ihrer Freizeit investieren, in der sie dem Verein aktiv - und in welcher Rolle auch immer - tatkräftig zur Verfügung stehen.

Und so hatte auch Herbert Balzer einige Anregungen für die eigene Arbeit mitnehmen können. „Wir sollten in Erksdorf mehr auf uns aufmerksam machen und für Interesse sorgen“, resümierte der MGC-Vorsitzen­de. Er selbst ist davon überzeugt, dass auf allen Ebenen im Verein ein Umdenken stattfinden muss. „Wir müssen einfach mit der Zeit gehen.“ Einen Nachfolger für sein Amt hat Balzer immer noch nicht gefunden. Aber vielleicht zeigen die neuen Ideen und der rege Austausch mit anderen schon bald neue Perspektiven auf.

von Yanik Schick

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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