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Vergewaltigungsvorwurf: Der Bruder sieht rot

Aus dem Gericht Vergewaltigungsvorwurf: Der Bruder sieht rot

Weil er den Ex-Freund seiner Schwester mit einem Baseballschläger angriff und schwer verletzte musste sich ein junger Mann aus Neustadt vor dem Marburger Schöffengericht verantworten.

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Vor dem Marburger Schöffengericht musste sich ein Mann aus Neustadt verantworten .Er zertrümmerte einen Baseball-Schläger auf dem Kopf seines Opfers.

Quelle: dpa

Neustadt/Marburg. Rachegefühle gegen den vermeintlichen Vergewaltiger führten zu einem lebensbedrohlichen Fall von Selbstjustiz und schweren Verletzungen des Geschädigten. Dafür erhielten die geständigen Geschwister spürbare Bewährungsstrafen.
Nachdem ihm seine Schwester im September 2013 von einem angeblichen sexuellen Übergriff berichtete, rastete der angeklagte 24-Jährige aus, fasste gemeinsam mit der vier Jahre älteren Frau einen Racheplan gegen den Ex-Freund und vermeintlichen Täter.

Spät in der Nacht begab sich der Bruder, nach einem Gaststättenbesuch nicht unerheblich alkoholisiert, zur gemeinsamen Wohnung des ehemaligen Paares im Ostkreis. Seine Schwester öffnete für ihn  die Wohnungstür, schloss sich mit ihren beiden Kindern im Nachbarraum ein.

Der aufgebrachte Bruder stürzte sich auf den schlafenden und wehrlosen Ex-Freund. Mit einem mitgebrachten Baseballschläger schlug er dem Opfer mehrmals hart gegen den Kopf, wobei die stabile Waffe zerbrach. Im Anschluss schlug er weiter mit den Fäusten auf den am Boden liegenden Mann ein. Der Geschädigte erlitt schwere Verletzungen, darunter eine Nasenbein- und Jochbeinfraktur, eine Gehirnerschütterung, Platzwunden und Gesichtsprellungen und musste mehrere Tage im Krankenhaus behandelt werden.

„Ich habe vor Wut gekocht und bin einfach ausgerastet“

Vor dem Schöffengericht legte das Geschwisterpaar ein umfassendes Geständnis ab. „Das hat alles seine Richtigkeit“, gab der Bruder zu. Hintergrund der blutigen Racheaktion war die angebliche Vergewaltigung der Schwester durch den damaligen Lebensgefährten und Vater der beiden Kinder.

„Ich habe vor Wut gekocht und bin einfach ausgerastet“, erklärte der Angeklagte. Bereits einige Zeit vor der Tat soll es zu wiederholten Handgreiflichkeiten des Vaters gegen die junge Frau und die Kinder gekommen sein, wie seine Schwester ihm erzählte. Im Nachhinein bereue er sein Handeln. „Es war ein großer Fehler“, betonte der Mann. „Ich hätte ihn aufhalten sollen, dass es so extrem wird, wollten wir beide nicht“, beteuerte auch die Schwester. An den Attacken gegen den Ex beteiligte sie sich nicht, machte sich jedoch der Beihilfe schuldig. Ihr sei es darum gegangen, dass der angeblich gewalttätige Partner einmal am eigenen Leib erfährt „wie das so ist“.

Ob tatsächlich eine Vergewaltigung stattgefunden hatte, konnte vor Gericht nicht genau geklärt werden. Der Freund habe sie regelmäßig sexuell bedrängt, meistens ließ sie den Geschlechtsverkehr „aus Frust“ über sich ergehen, erklärte die Frau ungenau.

Neun Monate Bewährungsstrafe und 5 000 Euro Schmerzensgeld

Wiederholte körperliche Übergriffe bestritt der ehemalige Lebensgefährte. Vor einigen Jahren habe er der damaligen Freundin einmal im Streit an die Kehle gegriffen, „geschlagen habe ich sie nicht“, so der Nebenkläger. An die Tatnacht könne er sich kaum noch erinnern, wisse nur noch von „sehr harten Schlägen“ gegen den Kopf, die zu einer kurzzeitigen Amnesie führten. Seit dem Angriff leide er unter psychischen Beschwerden, Angstzuständen und Schlafstörungen und befindet sich in Therapie.

Die körperlichen Folgen der Tat wie die gefährlichen Schläge gegen den Kopf des Opfers betrachtete das Gericht als besonders strafschärfend. Ebenso, dass die Geschwister nicht gänzlich spontan handelten, sich kurz vor der Tat noch mit einem Bekannten sowie per SMS über das Vorhaben und gewisse Handlungen der geplanten „Abreibung“ austauschten. „Eine Bestrafung in die eigene Hand zu nehmen kann ganz grässlich schiefgehen, sie haben das Opfer in Lebensgefahr gebracht“, machte Staatsanwalt Oliver Rust deutlich. Auch wenn der aufgebrachte Hauptangeklagte seine Schwester beschützen wollte – „Selbstjustiz geht gar nicht“.

Das Schöffengericht folgte den Ausführungen der Staatsanwaltschaft und verurteilte den jungen Mann wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und neun Monaten. Zudem hat er dem Geschädigten insgesamt 5 000 Euro Schmerzensgeld zu zahlen. Seine Schwester wurde wegen Beihilfe zu fünf Monaten Bewährung verurteilt.

von Ina Tannert

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