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Unterwegs durch Matsch und Schlamm

Bundeswehr nutzt Übungsplatz wieder Unterwegs durch Matsch und Schlamm

Der Standortübungsplatz Kirtorf erwacht langsam aus seinem jahrelangen Dornröschenschlaf - auch wenn Teile des Geländes noch jahrelang gesperrt bleiben müssen.

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Nach jahrelanger Pause war auf dem Übungsplatz wieder Panzerbetrieb.

Quelle: Michael Rinde

Stadtallendorf. Ein Bergepanzer lässt sich im Gelände rangieren wie ein Kleinwagen. Passgenau setzt Hauptmann Christopher Klas das 40-Tonnen-Ungetüm auf Ketten zurück, um zu wenden. Vor dem Panzer taucht eine der Geländestrecken auf, auf der seit Jahren kein Kettenfahrzeug mehr unterwegs gewesen ist. Dass dort in der Vergangenheit angesichts der einst in Stadtallendorf stationierten Panzerbataillone häufiger geübt wurde, ist noch zu erkennen.

Es geht laut zu bei dieser Fahrt über feste Wege, über die alten Panzerstrecken und auch mal zwischen abgestorbenem Gehölz hindurch. Der 830-PS-Motor des Bergepanzers, Baujahr 1977, brummt beständig. Hauptmann Klas sitzt auf dem Fahrerplatz, eine Schutzbrille auf dem Kopf. Die braucht er auch. Schlamm spritzt immer wieder in die Höhe und mitunter auch ein Schwall braunen Wassers. Nur einmal gehen alle drei Insassen bei dieser Fahrt „unter Luke“, wie Klas sagt. Sprich, sie tauchen im Inneren des Bergepanzers ab. Klas schaut jetzt nur noch durch Sehschlitze. Ganz ruhig fährt er den Panzer durch das dichte Gestrüpp, von dem nichts stehen bleibt.

Die Bundeswehr in Stadtallendorf nutzt wieder Teile des Truppenübungsplatzes. Die OP war bei einer Fahrt mit dem Berge-Panzer quer durchs Gelände dabei.

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Dass ein Bergepanzer in Stadtallendorf zum Einsatz kommt, hatte zwei Gründe: Er diente dazu, die historischen Panzermodelle vom Eingang der Hessen-Kaserne an ihre neuen Standorte in der Herrenwaldkaserne zu ziehen. Und weil er nun einige Tage vor Ort war, ausgeliehen aus einem Bundeswehrdepot, war Ausbildungsbetrieb möglich. Klas gehört zum Stab der Division Schnelle Kräfte und ist dort in der Abteilung Materialerhalt eingesetzt. Klas war es übrigens, der nach dem Orkan Kyrill mit einem Bergepanzer Bäume von der Zufahrt zur Uniklinik Marburg räumte. Im Herbst fährt wieder ein besonderer Panzer über die alten, aufgeweichten Strecken, ein sogenannter Pflegepanzer. Er fährt die alten Panzerspuren wieder ein, zum Vorteil für seltene Tierarten wie den berühmten Kammmolch. Es ist eine Biotop-Pflege der besonderen Art, bewährt auf anderen Übungsplätzen wie zum Beispiel Baumholder.

Übungsplatz ist heute FFH-Gebiet

Der „Kirtorfer Platz“ liegt im Flora-Fauna-Habitat-Schutzgebiet Herrenwald, das allerdings erst Jahrzehnte nach dem 1958 geschaffenen Übungsplatz entstand. Und auf ihm liegt tonnenweise Munition aus dem Zweiten Weltkrieg (siehe Kasten). In abgesperrten Teilen des Platzes weisen Schilder eindringlich darauf hin, dass dort „Gefahr für Leib und Leben“ besteht. Zeitweise war der Standortübungsplatz komplett gesperrt.

Inzwischen ist der Kirtorfer Platz und dessen Sanierung Teil eines Gesamtkonzeptes des Bundes zur Rüstungsaltlastensanierung in Stadtallendorf. Es geht um frühere Füllstellen und belasteten Boden auf Bundeswehr-Flächen des früheren Wasag-Werkes. Beim Standortübungsplatz steht die einst dort gesprengte Munition und deren Reste im Vordergrund. Diese Munitionsreste werden für den Bund eine teure Verpflichtung: Rund 56 Millionen Euro sind in jenem Gesamtkonzept eingeplant. „Knapp die Hälfte davon für den Übungsplatz“, sagt Volker Gebhardt. Er ist Bereichsleiter Bundesbau beim Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen (früher Baumanagement/Staatsbauamt). Wann der Platz saniert wird, ist noch nicht vorherzusagen. Gebhardt erwartet den endgültigen Planungsauftrag in Kürze.

Denn: Die Division Schnelle Kräfte als Fallschirmjäger-Verband hat wieder Verwendung zumindest für Teile des Geländes. So ist auf einer unbelasteten Wiesenfläche eine Absprungzone für Fallschirmjäger vorgesehen und auch grundsätzlich genehmigt worden, wie Kasernenkommandant Oberstleutnant Friedrich-Wilhelm Luchtenberg erläutert. Seit die Division ihren Standort in Stadtallendorf hat, bemüht sie sich intensiv um den Platz und seine Reaktivierung. Angesichts der ökologischen Besonderheiten passiert das in enger Absprache mit den Naturschutzbehörden, zunächst den bundeswehreigenen, aber auch mit der des Regierungspräsidiums Gießen. Eine Fläche des Platzes, die die Bundeswehr definitiv nicht mehr braucht, forstet sie wieder auf. Noch eine andere Einheit, die 4. Kompanie des Instandsetzungsbataillons 7, nutzt den Platz für die Ausbildung mit ihren immer mehr werdenden Fahrzeugen. „Wir sind froh, dass wir den Platz haben“, sagt Kompaniechef Dr. David Bender.Nach seiner Übungsfahrt muss der Bergepanzer von Schlamm, Wasser und Grasresten ­befreit werden. Das passiert in der Panzerwaschanlage des Platzes, die seit 1962 in Betrieb ist. „Seitdem wurden gerade einmal zwei Pumpen erneuert“, erzählt ein Techniker, der die Anlage mit ihren Hochdruckdüsen und einer Wasserstrecke bedient.

Hintergrund: Der Kirtorfer Platz
Der Standortübungsplatz, insgesamt 524 Hektar groß, entstand 1958. Auf ihm befand sich vorher von 1938 bis 1945 ein Feldflugplatz der Luftwaffe. Allein auf Flächen des früheren Feldflugplatzes vernichteten US-Streitkräfte 15000 Tonnen Munition, vor allem aus den Allendorfer Rüstungswerken. Es dürften noch einige tausend Tonnen mehr gewesen sein. Denn im Raum des heutigen Stadtallendorf wurden nach Aktenlage bis 1956 insgesamt 24000 Tonnen Munition auf vier Flächen vernichtet, ein unbekannter Teil davon auch auf dem Standortübungsplatz. Seit Nutzung des Platzes durch die Bundeswehr gab es etliche Kampfmittelräumungen und Untersuchungen, um ein Sanierungskonzept zu entwickeln.

von Michael Rinde

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