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Um 4.55 Uhr betrunken am Lenker

Aus dem Amtsgericht Um 4.55 Uhr betrunken am Lenker

Am Anfang stand ein Fehltritt, doch der zog gleich mehrere Straftaten nach sich. Deren juristische Aufarbeitung vor dem Amtsgericht brachte einem Stadtallendorfer eine Gesamtgeldstrafe in Höhe von 90 Tagessätzen á 20 Euro.

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Kirchhain / Stadtallendorf. Das unter Vorsitz von Amtsgerichtsdirektor Edgar Krug tagende Gericht verurteilte den Mann wegen Fahrens ohne Führerschein in zwei Fällen, einer fahrlässigen Trunkenheitsfahrt im Zustand absoluter Fahruntüchtigkeit in Tateinheit mit einem Verstoß gegen das Pflichtversicherungsgesetz sowie wegen Verwahrungsbruchs. Das Gericht legte fest, dass der Angeklagte seinen vor einem Jahr sichergestellten Führerschein erst in sechs Monaten neu Beantragen kann.

Am Ende der zum Teil turbulenten Hauptverhandlung waren sich alle Verfahrensbeteiligten wieder einig. Angeklagter, Verteidigung und Staatsanwaltschaft erklärten Rechtsmittelverzicht, so dass das Urteil sofort Rechtskraft erlangte.

Nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme nahm das Unheil für den Angeklagten in den frühen Morgenstunden des 18. August 2013 seinen Lauf. Von einem fünfstündigen Junggesellenabschied in Westhessen in Begleitung eines Freundes zurückgekehrt, geriet er mit diesem und mit seiner Frau in Streit. Er verließ die Wohnung die Wohnung und lief zu einer rund 500 Meter entfernten Garage, in der er einen Motorroller der 125-ccm-Klasse abgestellt hatte, für den er keinen Führererschein besaß. Den defekten Roller hatte der Mann günstig erworben mit dem Ziel, den Schaden zu beheben und das Fahrzeug mit Gewinn zu verkaufen.

Was ihn bewog, sich morgens um 4.55 Uhr auf den Roller zu setzen und in Richtung seiner Wohnung zu fahren, vermochte der derzeit arbeitsunfähige Mann nicht schlüssig zu erklären. Weit kam er nicht. An der ersten Kreuzung fiel er einer Polizeistreife auf. Die fuhr hinter dem Zweiradfahrer her, weil dieser 1. keinen Helm trug und 2. beim Anblick der Polizei abrupt wendete. Die Flucht endete wenige Augenblicke später, als der Roller-Fahrer auf einem Schotterstück stürzte und sich Schürfwunden zuzog.

Fortan ratterte es nur so auf dem Straftaten-Konto der Angeklagten.

  • Straftat Nummer eins: Der Roller war nicht zugelassen, folglich auch nicht haftpflichtversichert.
  • Straftat Nummer zwei: Der Fahrer besaß keinen gültigen Führerschein für diesen Roller.
  • Straftat Nummer drei: Die Blutentnahme ergab einen Promillewert von mindestens 1,63 Promille - deutlich über dem Grenzwert von 1,0 Promille, ab dem Alkoholfahrten immer als Straftat gelten.
  • Straftat Nummer vier: In einem unbeobachteten Augenblick mopste der Angeklagte auf der Polizeiwache die auf einem Schreibtisch liegende Kanüle mit seiner Blutprobe und ließ sie in seiner Hosentasche verschwinden. Juristen nennen das Verwahrungsbruch. Erst auf erheblichen Druck der Polizeibeamten rückte der Mann das Beweisstück wieder raus.
  • Straftat Nummer fünf: In der Jackentasche des Mannes fand sich ein in Deutschland nicht zugelassener polnischer Böller. Diesen Anklagepunkt stellte das Gericht auf Antrag der Staatsanwaltschaft ein, weil er für die Gesamtschau der Verhandlung nicht erheblich war.

Doch damit nicht genug: Noch am gleichem Tag wurde der nur für Pkw und Leichtkrafträder gültige Führerschein des Angeklagten sichergestellt. Gleichwohl fuhr der Stadtallendorfer mit seinem Auto am 28. Januar dieses Jahres durch die Innenstadt und wurde dabei von der Polizei erwischt. Er sei auf dem Weg zu einer Apotheke gewesen, um vorsorglich einen Ersatz für ein wichtiges Medikament zu besorgen. Rechtsanwalt Gerhard Bretthauer warb temperamentvoll für die von seinem Mandanten geschilderte Notfall-Situation, die Gericht und Staatsanwaltschaft nicht sahen. Es habe keine akute Gefahr bestanden. In dieser Situation hätte der der Angeklagte den Notdienst oder einen Verwandten bemühen können, erklärte Edgar Krug. Auch mit seiner Anregung, wegen der kurzen Fahrstrecke der Rollerfahrt die Anklagepunkte Fahren ohne Führerschein und Verstoß gegen das Pflichtversicherungsgesetz einzustellen, drang der Strafverteidiger nicht durch. „Dem stimme ich nicht zu, denn es gab eine Nachtat“, sagte Oberamtsanwalt Reinhard Hormel. Und Edgar Krug erklärte, dass sich der vorbestrafte Angeklagte quer durch das Strafgesetzbuch hangele. „Irgendwann ist Schluss mit dem hinwegsetzen über Gesetze“, sagte der Richter.

von Matthias Mayer

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