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Über die Flüchtlingshilfe zum VfL

Sport und Integration Über die Flüchtlingshilfe zum VfL

Vor rund anderthalb Jahren gingen viele Neustädter davon aus, dass die Erstaufnahmeeinrichtung nur eine Belastung ist. Inzwischen ist klar: Sie ist ein Segen für die Stadtkasse - und es gibt noch ganz andere Vorteile.

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Matthias Bunzel (großes Bild, rechts) ist vom Coach einer Gruppe Syrer zum Trainer des VfL „aufgestiegen“. Am Wochenende war er mit den Flüchtlingen auf Einladung der MT Melsungen beim Bundesligaspiel gegen den Bergischen HC.Fotos: Lerchbacher, privat

Neustadt. Mit großem Engagement setzen sich die Neustädter für ihre neuen Mitmenschen ein - sowohl die Flüchtlinge, die in der Erstaufnahmeeinrichtung leben, als auch jene, die direkt in der Stadt unterkommen. Die Bemühungen, sie zu integrieren, sind groß - und die Flüchtlinge wissen das zu schätzen. Einen riesigen Beitrag leistet auch die Gemeinwesenarbeit des bsj, die verschiedene Angebote macht und hilft, das Leben in der neuen, fremden Heimat zu strukturieren und sich wohlzufühlen.

Ein Vorteil für die Stadt ist, dass Dank der Flüchtlinge jede Menge Geld nach Neustadt gespült wird, beispielsweise einer massiven Förderung beim Bau des Kunstrasenplatzes oder bei der geplanten Sanierung des Hauses der Begegnung oder des Schwimmbads. Es entstehen aber auch noch Freundschaften - und es gibt noch ganz andere Synergieeffekte, wie sich derzeit beim VfL Neustadt zeigt. Die Vereine sind ganz vorne dabei, wenn es darum geht, Flüchtlinge zu integrieren. Sport funktioniert schließlich größtenteils auch ohne Sprache.

Das stellt auch Matthias Bunzel heraus, der bei der Gemeinwesenarbeit vornehmlich für den Sport zuständig ist. Zu Beginn seiner Zeit in Neustadt habe er Aktivitäten nach dem Gieskannenprinzip angeboten, erinnert er sich - sein Steckenpferd ist allerdings das Handballspielen. Als Aktiver spielte er auf der Position Rückraum Mitte, nach einer Knieverletzung konzentrierte er sich dann auf das Amt des Coaches und sammelte in der Jugend-Oberliga Erfahrung am Spielfeldrand.

Und so ging er eines Tages auf Thomas Blattner zu, der das Team des VfL Neustadt trainierte. Die beiden verständigten sich darauf, dass eine Gruppe Syrer mittrainieren darf. „Der Niveauunterschied war jedoch gewaltig“, erinnert sich Bunzel, der daraufhin eine speziell auf die Flüchtlinge ausgerichtetes Anfängetraining vor den VfL-Handballern einrichtete.

Die Resonanz war gut, und die langjährigen Handballer beobachteten das Treiben vor ihrem Training. Er habe festgestellt, dass Bunzel sehr genau wisse, was er vermittle, berichtet Blattner, der den 35-Jährigen daraufhin ansprach, ob er nicht das Traineramt beim VfL - das er selber nur notgedrungen bekleidete - von ihm übernehmen wolle. „Wir machten ein Probetraining, und beide Seiten waren recht zufrieden.“ Und so leitet Bunzel nunmehr jeden Dienstag ab 19 Uhr zunächst das Training der syrischen Gruppe, das dann ins VfL-Training übergeht.

„Da sind sichtbare Talente dabei“, stellt Blattner heraus. Der VfL kann also hoffen, in der Gruppe nicht nur einen neuen Trainer gefunden zu haben, sondern bald auch das ein oder andere neue Mannschaftsmitglied zu finden.

In der Jugendspielgemeinschaft mit Kirchhain dürfte das ein bisschen schneller gehen: Schon jetzt nimmt Ismail Banoah regelmäßig am Training teil. Seit einem Jahr lebt er in Deutschland - und der Sport habe ihm gefehlt, betont der junge Mann, der in Syrien zwei Jahre lang Handball spielte. Dass er nun endlich wieder aktiv ist, bezeichnet er quasi als Segen - und vor allem hilft es beim Überwinden von Barrieren. Geht es um Handball, blüht er auf: Spezifische Begriffe wie Einläufer, Wechsel oder Kreis gehen im nahezu akzentfrei über die Lippen.

Am vergangenen Wochenende wurde die syrische Handballgruppe dann sogar von der MT Melsungen eingeladen, ihr Spiel in der Bundesliga gegen den Bergischen HC zu verfolgen. Er finde es klasse, dass ein Bundesligaverein sich in dieser Form engagiere, freut sich Bunzel. Und die Aktion fruchtete: Begeistert von dem, was sie in der Kasseler Halle zu sehen bekommen hatten, wollten sich einige Flüchtlinge dann auch gleich selber am Handball versuchen und kamen in die Trainingsgruppe.

Ob sie wirklich dabei bleiben, steht natürlich in den Sternen. Manche nehmen auch einfach teil, um aktiv zu sein, sich zu vergnügen oder Freunde zu finden. Said Karaji ist zum Beispiel eigentlich leidenschaftlicher Fußballer und will eines Tages auch im Verein spielen. Aufs dienstägliche Handball mag er aber nicht verzichten: Er möge Sport, lerne gerne etwas neues und habe großen Spaß daran, in netter Runde aktiv zu sein.

Und der VfL? Hat mit dem neuen Fachmann am Spielfeldrand schon neue, große Ziele, wie Blattner verrät: „Wir wollen nicht mehr nur eine Schoppenmannschaft sein, sondern uns ein bisschen nach oben orientieren.“

von Florian Lerchbacher

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