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Türmer bringt Vergessenes zurück

Nachtwächter-Führung Türmer bringt Vergessenes zurück

Regen, Kälte und Dunkelheit - wen treibt es da schon vor die Tür? Am Samstagabend in Rauschenberg waren es Kinder, ihre Eltern und Großeltern, die durch Gewölbekeller zogen.

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Ludwig Pigulla (rechts) als Rauschenberger Türmer zeigte den Kindern mit einem Kienspan, wie
ärmere Leute früher ihre Zimmer beleuchteten. Foto: Sophie Kaufmann

Rauschenberg. „Hört, ihr Leut’, und lasst euch sagen, uns’re Glock’ hat acht geschlagen. Lasst uns durch die Stadt nun geh’n, leuchten, staunen und viel seh’n!“ Mit diesem Ruf eröffnete der Rauschenberger Türmer den knapp eineinhalb stündigen Rundgang durch seine Stadt. Zuvor weckten die Kinder, gemeinsam mit ihren Eltern und Großeltern den Rauschenberger Nachtwächter, gespielt von Ludwig Pigulla, aus seinem Rathausturm, aufgrund dessen er seinen Namen „Türmer“ hat. Er erklärte den Kindern zunächst die Aufgabe des Türmers, der hauptsächlich für das Läuten der Bürgerglocke im Rathaus zuständig war. Nicht nur zum Wecken, zum Mittag oder zum Feierabend rief sie die Bürger. „Wenn die Leute auf den Feldern waren oder den Heiligen Eichen und es brannte in der Stadt, dann rief die Bürgerglocke sie zum Alarm“, erklärte Pigulla.

Mit vielen kleinen Geschichten und großen Überraschungen führte er die Besucher durch enge Gassen, bergauf, bergab und durch urige Gewölbekeller. „Mama, weißt du, was das ist?“, hörte man die Kinder immer wieder fragen. Auch kleine Anekdoten waren versteckt, wie im einstigen Urnenkeller unter dem Rathaus. Dort fanden die jüngsten Rauschenberger Wahlurnen.

„Wir wollen mit dieser Führung Vergessenes wieder aufleben lassen“, erklärt Jörg Näther von der Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Rauschenberg. Er hatte gemeinsam mit Pigulla die Idee zu solch einer Führung, die die historischen Erlebnisse von früheren Generationen aufgreift und der heutigen Jugend und den Kindern näher bringt. Gemeinsam mit der Interessengemeinschaft Schlossberg und der Arbeitsgruppe Leerstand erarbeiteten Näther und Mitstreiter ein Konzept und bewältigten den hohen logistischen Aufwand.

Himbeersirup statt Cola

Die „Familienstadt mit Herz“, wie sich Rauschenberg selbst gerne nennt, begeisterte Jung und Alt mit ihrer vielseitigen Historie. Zu jeder der 16 Stationen wusste Pigulla etwas zu berichten. Ob es die Elle am Ritterhaus war, die früher als Maßstab für Tuchverkäufte galt, oder der „Kienspan“, ein Span aus Kiefernholz mit dem die ärmeren Leute abends ihre Stube beleuchteten. Gestaunt wurde mächtig. Ein bisschen Angst machte sich breit, als der Sensenmann zum Vorschein kam, weil er früher nahe dem Krafttor zum Friedhof sein Unwesen trieb. Doch gleich darauf kam das Lachen in die Gesichter der Kinder zurück, denn auch für Essen und Trinken hatten die Organisatoren gesorgt. „Früher gab es ja noch keine Cola, das war unser einziges süßes Getränk“, beschrieb Türmer Pigulla den „Rauschenberger Quatsch“. Er bestand aus Rauschenberger Wasser und Himbeersirup.

Kinder schauten sich an, wie man früher badete, wo das Löschwasser herkam, wie eng die Gassen waren und was passierte, wenn man Lügen erzählte.

Ein Nachttopf flog aus dem Fenster, ein „Drilles“ war auf dem heutigen Marktplatz originalgetreu von Werner Hampel gebaut und aufgestellt worden und zum Abschluss trompetete Gerhard Vaupel vom Rauschenberger Musikverein vom Rathausturm hinunter.

„Eine gelungene Vorbereitung auf die 750-Jahrfeier der Stadt“, freuten sich Näther, Pigulla und die weiteren Organisatoren.

von Sophie Kaufmann

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