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Türkisches Reisebüro nahm 83 Landsleute aus

Aus dem Landgericht Türkisches Reisebüro nahm 83 Landsleute aus

Eine Karre reichte gestern früh nicht, um alle Akten in den Schwurgerichtssaal zu bringen. Der Staatsanwaltschaft wurden die Prozessunterlagen auf einer Sackkarre nachgeliefert.

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Die eigentlich schönste Zeit des Jahres endete für Kunden des angeklagten Trios im Chaos.

Quelle: Rainer Sturm / pixelio.de

Ostkreis. Die mächtigen Papierberge verrieten etwas von der ungewöhnlichen Dimension des Falles, mit dem sich die 1. große Strafkammer des Marburger Landgerichts seit gestern in voller Besetzung - drei Berufsrichter, zwei Schöffinnen, eine Ersatzschöffin - zu befassen hat. Das ganze Ausmaß brachte die Verlesung der Anklageschrift ans Tageslicht: Staatsanwalt Sebastian Brieden brauchte 62 Minuten, um die 26 Seiten vorzutragen, die mit zahllosen türkischen Namen geprellter Kunden gespickt war.

Die 83 angeklagten Betrugsfälle ereigneten sich zwischen Dezember 2011 und dem 22. Oktober 2012 im türkischen Milieu des Ostkreises. Die drei Angeklagten aus dem Ostkreis, zwei 24 und 29 Jahre alte Brüder sowie deren 36-jährige Schwägerin, hatten ein Reisebüro geerbt, das vornehmlich Reisen und Flüge in die Türkei vermittelte. Als der Familienbetrieb im Herbst 2011 in eine finanzielle Schieflage geriet, ging das Trio laut Anklage dazu über, Kundengelder zu veruntreuen und nicht an Reiseveranstalter oder Airlines weiterzugeben.

Die Anklage unterscheidet drei Tatkomplexe mit drei Vorgehensweisen:

Das Trio buchte und bezahlte nur den Hinflug, so dass ihre Kunden vor Ort die Rückflüge selbst organisieren und ein zweites Mal bezahlen mussten. Das kostete die Geschädigten in Einzelfällen mehrere Tausend Euro. Ein Landsmann der Angeklagten musste aus Geldnot die Türkei sogar auf dem Landweg verlassen. Eine Familie legte mit dem Taxi 1000 Kilometer zurück, um auf dem Flughafen zweimal vergeblich nach den vom Reisebüro versprochenen Rückflug-Tickets nachzufragen. Böse erwischte es ein Brautpaar, für das die Angeklagte statt der bezahlten zweiwöchigen Flitterwochen nur einen Tag unter türkischer Sonne gebucht hatte - und dies in einem anderen Ort. Schließlich wurden laut Anklage auch mehrere Hin- und Rückflüge weder bezahlt noch gebucht. Zu diesem Tatkomplex zählt die Anklage 45 Fälle.

Ab Juli 2012 erleichterte das Trio laut Anklage einen Frankfurter Reiseveranstalter um 130000 Euro. 17-mal faxte es manipulierte Einzahlungsbelege nach Frankfurt. Nachdem der Schwindel aufflog, sicherte die Schwägerin die Schuld durch Abtretung ihres Immobilienvermögens im Wert von 200000 Euro ab.

Zwischen dem 25. Juli und Mitte August kauften die Angeklagten in verschiedenen Reisebüros für ihre Kunden große Mengen von Flügen mittels Lastschrifverfahren - stets kurz vor den Abflugterminen, so dass die geplatzten Abbuchungen erst nach den Flügen auffielen. Allein in einem Marburger Büro kauften sie 41 Flüge.

Aus Überforderung zum Verbrecher geworden

Das Brüderpaar zeigte sich geständig, wobei beide die Hauptschuld auf sich nahmen. Allerdings bestritten sie, als Bande agiert zu haben.Der Jüngere nahm seine Anschuldigungen gegenüber seiner Schwägerin zurück. Er habe diese im Ermittlungsverfahren zu Unrecht belastet, um seine Freiheit zu retten. Er sei überzeugt gewesen, dass eine Frau und Mutter eines kranken Kindes nicht eingesperrt werde.

Der Anwalt des älteren Bruders bezeichnete seinen Mandanten als den Kopf des Trios, der ohne kaufmännische Vorbildung versucht habe, das Reisebüro nach Art seiner Vorgänger zu führen. Sein Mandant habe Reisen früh verkauft, aber erst spät bezahlt und gebucht. Das könne im Zeitalter heftiger Preisschwankungen nicht mehr funktionieren. Er habe verzweifelt versucht, die ausgetreten Löcher zu stopfen. Allein dem dienten die Betrügereien, der Kauf der Spielothek und der fingierte Überfall auf diese. Der Prozess wird am 16. September fortgesetzt.

von Matthias Mayer

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