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Tragischer Held des „Wembley-Tors“

Wolfgang Weber Tragischer Held des „Wembley-Tors“

Das bedeutendste Spiel seiner Karriere endete mit einer Niederlage. Dennoch ist Wolfgang Weber gerade wegen des Finales der Fußball-WM 1966 in Erinnerung geblieben - das „Wembley-Tor“ ist bis heute unvergessen.

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Ein kleiner Einspielfilm zeigt den Gästen im Haus der Begegnung das „Wembley-Tor“. Wolfgang Weber (kleines Bild) berichtete von seinen persönlichen Erinnerungen daran.Fotos: Peter Gassner

Neustadt. Wolfgang Weber hatte die beste Sicht auf jenes Tor, über das sich deutsche und englische Fußballfans noch bis heute streiten. Der Verteidiger aus Köln war es, der den Ball im Anschluss an den Lattentreffer mit dem Kopf ins Aus beförderte - und damit vermeintlich den Führungstreffer für England verhinderte. Schiedsrichter Gottfried Dienst (Schweiz) und Linienrichter Tofiq Bahramov (Sowjetunion) sahen das jedoch anders. Sie entschieden auf Tor für die Engländer - das Mutterland des Fußballs lag in der Verlängerung des WM-Finales 1966 mit 3:2 in Führung und gewann am Ende mit 4:2. Webers Ausgleich zum 2:2 in der letzten Minute der regulären Spielzeit war vergeblich gewesen.

„Ich dachte zu 100 Prozent, dass der Ball nicht drin war und ich geklärt hatte“, bekräftigte Weber das, was deutsche Fans ohnehin schon immer wussten, bei einer Gedenkveranstaltung 50 Jahre nach dem „Wembley-Tor“ in Neustadt. „Hätte ich gewusst, was kommt, hätte ich den Ball vielleicht im Spiel gehalten. Dann hätten die Schiedsrichter keine Zeit zum Nachdenken gehabt“, erinnerte sich Weber an die dramatischen Szenen im Londoner Wembley-Stadion. Mit vielen Scherzen und lockeren Sprüchen gegenüber Bürgermeister Thomas Groll unterhielt der 53-malige Nationalspieler die rund 100 Gäste im Neustädter Haus der Begegnung.

Alternativen: Fallrückzieher oder selbst reinköpfen

„Mein Sohn macht mir heute noch Vorwürfe“, verriet der 72-Jährige mit einem Augenzwinkern. „Seiner Meinung nach hätte ich den Ball stoppen und per Fallrückzieher einen Konter einleiten können“. Wenn denn aber das umstrittene (Nicht-)Tor schon zählen musste, „dann hätte ich den Ball auch selbst reinköpfen können. Dann wäre ich zweifacher Torschütze gewesen“, scherzte Weber. Er hob bei allem Ärger über den Verlauf der Partie allerdings auch hervor, dass die Engländer „ein würdiger Weltmeister“ gewesen seien. Mit der Leistung des DFB-Teams könne man auch ohne den Titel zufrieden sein. „Wir haben unser Land bei der WM gut vertreten und mit diesem Spiel viele Freunde für Deutschland gewonnen.“ Zudem konnte er sogar noch seine eigene Mutter eifersüchtig machen: „Sie hätte der Queen auch sehr gerne die Hand geschüttelt“, berichtete der Alt-Star.

Anekdoten hatte der Kölner aber nicht nur von der Weltmeisterschaft 1966, sondern aus seiner gesamten Karriere zu berichten. So zum Beispiel über den legendären Bundestrainer Sepp Herberger, unter dem Weber seine drei ersten Länderspiele machte. „Er ist damals in unsere Hotelzimmer gekommen und hat uns angedroht, regelmäßig zu prüfen was wir tun. Er hat danach nie wieder kontrolliert, aber wir jungen Spieler haben daraufhin keinen Unsinn gemacht. Herberger war ein Fuchs“, erinnerte er sich.

Seine gesamte Profi-Karriere über spielte Weber nur für den 1. FC Köln. „Ich habe mich dort wohlgefühlt und Freunde gehabt. Ich hatte nie einen Grund, zu wechseln“. Einmal wäre es aber doch fast passiert - die Kölner schafften 1969 erst am letzten Spieltag den Klassenerhalt. „Hennes Weisweiler wollte mich im Fall eines Abstiegs nach Mönchengladbach holen - aber dazu ist es ja glücklicherweise nicht gekommen“, so Weber.

Das spektakulärste Spiel für die Kölner machte der Abwehrmann im Europapokal-Viertelfiale 1965 gegen den FC Liverpool. Die Vereine hatten sich zweimal 0:0 getrennt, Elfmeterschießen gab es damals noch nicht. Ein Entscheidungsspiel wurde in Rotterdam angesetzt. Weber verletzte sich bereits nach 20 Minuten - wie sich später herausstellte ein Wadenbeinbruch. Da Auswechslungen zu dieser Zeit nicht erlaubt waren, spielte Weber bis zum Ende durch. Nach Verlängerung stand es schließlich 2:2 - ein Münzwurf musste entscheiden. Heute unvorstellbar, doch noch kurioser: Die Münze blieb beim ersten Wurf senkrecht stehen. Erst der zweite Wurf entschied letztlich für Liverpool.

„Die beiden Ereignisse, mit denen ich bis heute verbunden werde, waren zwei Niederlagen“, bedauerte Weber. Auch bei der WM 1974 mit dem Titelgewinn in Deutschland nicht mehr dabei gewesen zu sein, ärgerte ihn. Dennoch blickt er positiv auf seine Zeit im Fußball zurück: „Solange man ein Ziel hat, sollte man es verfolgen. Aber nachher muss man auch akzeptieren, dass man nicht immer alles erreichen kann“.

von Peter Gassner

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