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Streit um Drogen, Tabakdose und Geld

Gerichtsprozess Streit um Drogen, Tabakdose und Geld

Die erste Strafkammer am Landgericht Marburg verhandelt gegen zwei Brüder, die in hunderten Fällen Marihuana verkauft haben sollen. Außerdem geht es um einen Überfall in Stadtallendorf

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Der Spielplatz in der Mozartstraße war Tatort für den Überfall, bei dem die Brüder ihr Gegenüber mit Messern bedroht haben sollen. Foto: Yanik Schick

Stadtallendorf. Derzeit sind insgesamt drei Verhandlungstage von der Kammer unter Vorsitz von Richter Gernot Christ angesetzt. Ungleicher könnte das angeklagte Brüderpaar kaum sein. Der eine, 36 Jahre alt, strahlt Dominanz aus, wirkt impulsiv, spricht deutlich ins Mikrofon. Der andere ist zwar sechs Jahre älter, dafür aber - und das ist erstaunlich - viel reservierter, wirkt auf Zuhörer sogar ein wenig naiv.

Die Staatsanwaltschaft attestiert dem Mann eine paranoide Schizophrenie. In der Vergangenheit haben beide Angeklagte die Drogenszene Stadtallendorfs aufgemischt, zumindest was den Verkauf von Marihuana anbetrifft. So sehen das Polizei und Staatsanwaltschaft zumindest.

Die Kompetenzen waren dabei aus Sicht der Ermittlungsbehörden in der Regel klar verteilt: der jüngere Brüder beschaffte die Drogen und lagerte sie. Er zog meist die Fäden im Hintergrund. Der ältere galt im Milieu laut Polizei als „Knecht“ seines Bruders, lieferte das Marihuana mit dem Fahrrad regelmäßig zu den Kunden, unter denen wohl auch Minderjährige waren.

Einer der Konsumenten, ein 19-jähriger Stadtallendorfer, hatte es sich im zurückliegenden Sommer mit den Brüdern offenbar verscherzt.

Eine Tabakdose soll er ihnen gestohlen haben, erklärte der 42-jährige Angeklagte. Außerdem sei er bei den beiden ohnehin noch mit knapp 60 Euro in der Kreide gewesen - wegen des Marihuanas, versteht sich. Grund genug für den jüngeren Bruder, sich in der Sache einzuschalten. „Ich wollte nur reden“, betonte der Angeklagte. Nach dem Ende seiner Schicht war er laut eigener Aussage nachmittags zum Spielplatz in die Mozartstraße gegangen, traf dort den ausgemachten Schuldner und vermeintlichen Dieb in Begleitung eines 16-jährigen Freundes an.

Sofort sei er allerdings selbst mit einem Messer bedroht worden, beteuerte der Angeklagte vor Gericht. Also trat er den Rückzug an. Vorerst. Aber nur, um wenige Minuten später mit seinem Bruder und - wie die Anklage behauptet - zwei 30 Zentimeter langen Küchenmessern zurückzukehren. Die Staatsanwaltschaft wirft den Beschuldigten vor, die Klingen jeweils an die Hälse ihrer Kontrahenten gedrückt und sie bedroht zu haben. Der ältere Angeklagte gestand bereits, dass er dem Tabakdosen-Dieb noch dazu dreimal mit der Faust ins Gesicht geschlagen hatte.

Laut Anklageschrift nahmen die Brüder den Opfern am Ende unter anderem ein Smartphone, ein Metallfeuerzeug und 30 Euro ab. Zusätzlich zum unerlaubten Handeltreiben mit Betäubungsmitteln erhebt sich damit auch der Vorwurf der besonders schweren räuberischen Erpressung.

Die Angeklagten bestreiten beide Taten grundsätzlich nicht. Sie betonen jedoch unisono, die Küchenmesser beim Überfall nicht direkt an die Hälse, sondern etwas von den Körpern der Opfer entfernt gehalten zu haben. Beide sind selbst regelmäßige Marihuana-Konsumenten. In der Wohnung des jüngeren Bruders ist bei Hausdurchsuchungen in den Jahren 2014 und 2015 jeweils Cannabis ­sichergestellt worden.

Der 36-Jährige streitet bisher in fast allen angeklagten Fällen ab, die Drogen direkt an den Endverbraucher gebracht zu haben. „Ich habe nie gewusst, dass ich auch an Minderjährige verkaufe“, sagte der 36-Jährige, „ich habe meinem Bruder immer gesagt, dass er das nicht machen soll“.

Staatsanwalt Sebastian Brieden hält diese Aussage für unglaubwürdig: „Hier sind sechs, sieben, acht Leute, die bei der Polizei klar gesagt haben, dass er an sie verkauft hat“, berichtete er. Viele davon sollen beim nächsten Verhandlungstag am 14. April gehört werden, darunter dann auch die beiden Opfer. Staatsanwalt Brieden riet zu einem umfassenden Geständnis: „Glauben Sie wirklich, Sie kommen damit durch?“

Die Verhandlung wird am 14. April ab 9 Uhr im Saal 101 fortgesetzt.

von Yanik Schick

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