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Staranwalt und Angeklagte bleiben fern

Notorischer Schwarzfahrerin drohen Verhaftung und eine Freiheitsstrafe ohne Bewährung Staranwalt und Angeklagte bleiben fern

Der Aktenberg, den Richter Joachim Filmer vor sich aufbaute, hatte die respektable Höhe von rund 40 Zentimetern. Er wäre diesen am jüngsten Sitzungstag gern losgeworden. Doch daraus wurde nichts.

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Ein Fahrgast wird in der Kasseler Tram kontrolliert. Eine junge Angeklagte will nicht in der Lage gewesen sein, in einer solchen Situation ihr Semesterticket vorzuzeigen. Archivfoto: Uwe Zucchi

Quelle: Uwe Zucchi

Kirchhain. Der Richter, Oberstaatsanwalt Holger Willanzheimer und gleich zwei Pflichtverteidiger warteten im Kirchhainer Amtsgericht vergeblich auf die junge Angeklagte. Diese hatte sich statt ins Gericht in eine Arztpraxis begeben, um sich die Verhandlungsunfähigkeit attestieren zu lassen. Der gewaltige Papierberg, die Anwesenheit eines Oberstaatsanwalts und gleich zweier Pflichtverteidiger ließen die Vermutung zu, dass hier ein Delikt aus dem Bereich der Schwerkriminalität verhandelt werden sollte. Tatsächlich ging es lediglich um das „Erschleichen von Leistungen“, wie Schwarzfahren im Paragrafen 265a des Strafgesetzbuchs genannt wird.Aber auch dieses vermeintliche Bagatelle-Delikt kann chronische Wiederholungstäter hinter schwedische Gardinen führen. Das Gesetz sieht Geldstrafen oder Freiheitsstrafen von bis zu einem Jahr vor. Und letztere droht möglicherweise der gerichtsbekannten Angeklagten. Schließlich ist sie einschlägig vorbestraft, und sie hat die angeklagten Taten während laufender Bewährung begangen. Und bei Bewährungsversagern ist die Strafgerichtsbarkeit nicht zimperlich, auch wenn Richter Joachim Filmer bei solchen Gelegenheiten immer wieder betont, wie ungern er unbelehrbare Ladendiebe und Schwarzfahrer ins Gefängnis steckt. Folgt man den Einlassungen der Angeklagten aus früheren Verfahren, ist sie nie schwarz gefahren. Genauer: Sie konnte gar nicht schwarz gefahren sein, weil sie als Studentin ein Semesterticket besitzt, das die unentgeltliche Benutzung von Bussen, Regionalbahnen und IC-Zügen zwischen Göttingen und Heidelberg erlaubt. Sie sei traumatisiert, blockiere beim Anblick einer Amtsperson und sei deshalb nicht in der Lage, vor einem Kontrolleur ihr Semester-Ticket zu zeigen. Abitur mit 1,0 oderMittlere Reife? Den angeforderten Nachweis, dass sie eine hochbegabte Studentin mit einer Abi-Durchschnittsnote von 1,0 ist, hat sie bis heute nicht erbracht. Gericht und ihre Anwälte warten noch immer auf die zugesagte Zusendung von Studienbescheinigungen. Gerichtsbekannt ist lediglich, dass die junge Frau vor Jahren die mittlere Reife erlangt hat. Kann der von der Angeklagten für die Hauptverhandlung annoncierte „Staranwalt aus Frankfurt“ die Dinge aufklären? Der Top-Advokat, den die Angeklagte auf Vermittlung einer großen Finanzdienstleistungsgesellschaft als Rechtsbeistand gewonnen haben will, zog es vor, in der Finanzmetropole zu bleiben - wenn es ihn je gegeben hat.Die abenteuerlichen Geschichten um die Angeklagten beflügeln die Phantasie: Lebt sie in einer Scheinwelt? Ist sie eine Hochstaplerin? Leidet sie an Wahrnehmungsstörungen? Ist sie eine notorische Lügnerin? Gutachterlich beschieden ist nur eins: Die Frau ist vollkommen schuldfähig. Die beiden Pflichtverteidiger zeigten sich ratlos, und sie erhoben keinen Einspruch, als das Gericht ankündigte, auf Antrag der Staatsanwaltschaft einen Haftbefehl zu erlassen, sollte das ärztliche Attest keine stichhaltigen Nachweise für eine Verhandlungsunfähigkeit beinhalten. Oberstaatsanwalt Holger Willanzheimer versicherte, diesen Antrag im Bedarfsfall zu stellen. Jochim Filmer klärte die Angeklagte in einem Handy-Telefonat über diesen Sachverhalt auf. Diese blieb trotz der drohenden Verhaftung bei ihrer Haltung. Diese kann sie unter Umständen direkt ins Gefängnis bringen - bis zum nächsten Verhandlungstermin. Der hat es in sich. Zu Verhandlungen stehen vier miteinander zu verbindende Verfahren mit zusammen 22 Schwarzfahrten an. Am Ende dieser Hauptversammlung kann durchaus eine Freiheitsstrafe ohne Bewährung stehen - es sei denn die Angeklagte traut sich, der Amtsperson Joachim Filmer ein Semesterticket oder eine Studienbescheinigung vorzulegen.

von Matthias Mayer

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