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Stahlträger verbiegen sich unter der Hitze

Großbrand in Tapetenfabrik Stahlträger verbiegen sich unter der Hitze

Während Feuerwehrleute verbissen versuchten, das Ausbreiten des Feuers auf weitere Gebäude der Marburger Tapetenfabrik zu verhindern, nahm die Polizei in Amöneburg den mutmaßlichen Brandstifter fest.

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Ab dem Mittag konnte die Feuerwehr den Brand in der Druckereihalle nur noch von außen bekämpfen, weil das Gebäude einzustürzen drohte.

Quelle: Matthias Pfaff/Feuerwehr

Kirchhain. Dichter dunkler Rauch stieg über dem Gelände der Marburger Tapetenfabrik (MT) in die Höhe. Im Keller des Gebäudes der Druckerei Schröder wüteten die Flammen unter Papier, Katalogen und Paletten. Der Keller hat nach Schätzung der Feuerwehr ein Ausmaß von rund 1400 Quadratmetern. „Die Brandbekämpfung im Keller ist extrem schwierig, schon allein wegen der hohen Hitze und der schlechten Zugänglichkeit“, erläutert Kreisbrandmeister Stephan Schienbein gegen 12.30 Uhr der Presse. Polizei-Fahrzeuge forderten zu diesem Zeitpunkt schon mit Lautsprecher-Durchsagen Schaulustige dazu auf, sich vom Brandrauch fernzuhalten.

 

Gleich zu Beginn des Großeinsatzes fuhren Messtrupps der Feuerwehr Marburg durch angrenzende Straßen. Per Rundfunk-Durchsage werden Anwohner aufgefordert, Fenster und Türen zu schließen.

Am Brandort selbst spitzte sich die Lage zwischenzeitlich weiter zu. Immer mehr Feuerwehren rückten an, immer mehr Atemschutz-Geräteträger waren nötig - und auch immer mehr Schlauchmaterial. Als Messtrupps in der Umgebung erhöhte Kohlenmonoxid-Konzentrationen und Salzsäuredämpfe feststellten, werden Wohnhäuser, die in Windrichtung gelegen waren und direkt angrenzten, evakuiert.

Die 16 Bewohner kamen im Feuerwehr-Stützpunkt unter und wurden dort vom Roten Kreuz betreut. Dort waren die Parkplätze mit den Wagen der Kirchhainer Ostermarkt-Besucher voll. Der Markt war nach Angaben von Polizei und Feuerwehr nicht beeinträchtigt.

Statiker schlagen Alarm: Einsturzgefahr

Statiker nahmen zeitgleich zur Evakuierung das brennende Gebäude in Augenschein und stellten akute Einsturzgefahr fest. Stützen im Keller hielten der Hitze zu diesem Zeitpunkt trotz Kühlung nicht mehr stand.

Für die Feuerwehrleute, die den Brand bekämpften, war das eine Hiobsbotschaft. Sie mussten sich fünf Meter weit vom Brandort zurückziehen. Nur dank aus der Ferne bedienten Wasserwerfern und über eine Drehleiter ließen sich die Flammen im Inneren weiterbekämpfen. „Wir haben den Brand erst im Versand stoppen können“, erläuterte später Kreisbrandinspektor Lars Schäfer gegenüber dieser Zeitung. Die Flammen im Keller hätten „wie ein Bunsenbrenner“ gewirkt. Das war am frühen Abend auch deutlich von außen zu erkennen: Verbogene Stahlträger in der Gebäudefassade bezeugten die große Hitze, die im Inneren geherrscht haben muss.

Zwischenzeitlich musste die Feuerwehr auch einen Brandort im Hochregal unter Kontrolle bringen, was allerdings sehr schnell gelang. Dort entstand nach ersten Angaben kein größerer Schaden.

Geschäftsführer spricht von „Katastrophe“

Bürgermeister Jochen Kirchner, später auch Landrat Robert Fischbach informierten sich am Ort des Geschehens. Ein Vertreter der obersten Brandschutz-Aufsicht aus dem Innenministerium traf ebenfalls in Kirchhain ein. Es dauerte bis zum Nachmittag, bis die Feuerwehr den Brand schließlich unter Kontrolle brachte, gelöscht waren die Flammen zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht.

Ullrich Eitel, geschäftsführender Gesellschafter der MT, kam von einem Termin im Ruhrgebiet nach Kirchhain. „Ich bin erschüttert über das, was ich hier sehe“, erklärte er am frühen Abend gegenüber dieser Zeitung. Die Druckerei Schröder sei eine hundertprozentige Tochtergesellschaft der MT. Sie fertige die Musterkarten für das Unternehmen. Die gesamte Musterabteilung sei betroffen.

Festnahme in einem Lebensmittelmarkt

„Sämtliche Logistik für unsere Produktion läuft durch das zerstörte Gebäude“, erläuterte Eitel zu den unmittelbaren Folgen des Großbrandes. Das alles sei für das Unternehmen „eine Katastrophe“. Auch halbfertige und fertige Ware sei verbrannt.

Was Eitel zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Die Polizei hatte am Mittag einen 21-jährigen Gießener festgenommen. Er war gegen 14 Uhr in einen Lebensmittelmarkt in Amöneburg eingebrochen. Dort hatte ihn der Marktleiter, der ihn überraschte, festgehalten, bis die Polizei eintraf. Bei der Polizei gab der Mann an, dass er das Feuer in der MT gelegt habe. Umfangreiche Ermittlungen bis zum Abend bestätigten die Aussagen des 21-Jährigen, wie Polizeisprecher Martin Ahlich erläuterte. „Die Kriminalpolizei hält ihn für dringend tatverdächtig“, sagte Ahlich. Zu den Hintergründen gab es gestern Abend noch keine weiteren Informationen.

Auch für die Polizei bedeutete der Brand einen Großeinsatz. Zahlreiche Zufahrtstraßen mussten gesperrt werden. Wegen einer Schlauchleitung war auch die Niederrheinische Straße in Höhe des Bahnüberganges dicht, Fahrzeuge wurden umgeleitet.

Die Schnelle Einsatzgruppe des Roten Kreuzes übernahm die Versorgung von Einsatzkräften wie Evakuierten. Ein Feuerwehrmann knickte während der Löscharbeiten um. Er musste ins Krankenhaus gebracht werden. Am Abend unterstützte auch das Technische Hilfswerk die Feuerwehr.

von Michael Rinde

Chronologie

11.38 Uhr: Der Brand im Keller des Druckereigebäudes wird entdeckt und die Feuerwehr alarmiert.

12.30 Uhr: Erste Verstärkungen aus Stadtallendorf und Marburg sowie sämtliche Stadtteil-Feuerwehren sind im Einsatz. Die Rauchgasmessungen laufen. Noch gibt es keine erhöhten Schadstoffwerte.

Circa 13.30 Uhr: Evakuierungen werden angeordnet. Statiker haben festgestellt, dass das Gebäude akut einsturzgefährdet ist. Zu dieser Zeit sind bereits 150 Feuerwehrleute im Einsatz. Das Feuer droht auf weitere Gebäude überzugreifen.

14 Uhr: Die Polizei nimmt einen 21-jährigen mutmaßlichen Brandstifter in Amöneburg fest.

15.15 Uhr: Das Feuer ist unter Kontrolle. Inzwischen sind 240 Einsatzkräfte von Feuerwehren aus dem Kreis, des Roten Kreuzes und der Polizei in Kirchhain im Einsatz.

Circa 19 Uhr: Noch immer sind rund 50 Feuerwehrleute damit beschäftigt, die letzten Glutnester zu löschen. Der Keller wird mit Löschschaum geflutet.

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Großbrand

Mit den Folgen des Brandes vom 24. März kämpft die Marburger Tapetenfabrik in Kirchhain nach wie vor: Das Tochterunternehmen Druckerei Schröder wird nicht neu entstehen, wohl aber ein Neubau mit Platz für Logistik.

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