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Die einmalige Chance

Stratosphärenflug Die einmalige Chance

Stellen Sie sich vor, jemand fragt, ob Sie schon mal bei der Entstehung eines Sterns beigewohnt haben. Mario Cimiotti kann diese Frage womöglich bald mit „Ja“ beantworten. Seine Reise beginnt an diesem Samstag.

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Mario Cimiotti an einem seiner Teleskope auf dem Balkon seines Hauses. Am Samstag bricht der Physiklehrer zu seiner ganz persönlichen „Nasa-Mission“ auf. Foto: Nadine Weigel

Quelle: Nadine Weigel

Stadtallendorf. Ein echter Astronaut. Wahnsinn! Die Schüler sind begeistert. „Fliegen Sie mit einer Rakete in den Weltraum?“, fragen sie Mario Cimiotti. Wer das Wort „Nasa“ hört, denkt 
automatisch an Menschen, die voluminöse weiße Anzüge tragen und schwerelos vor einem Hintergrund aus herabhängenden Kabeln und blinkenden Displays umherfliegen. Cimi­otti erklärt seinen Schülern dann mit ruhiger Stimme, dass seine „Nasa-Mission“ etwas anders 
abläuft. Keine Rakete, keine Schwerelosigkeit.

Und auch wenn der Physik­lehrer seinen Schülern an der Albert-Schweitzer-Schule die 
Illusion nehmen muss, ist er vor seiner Reise mindestens genauso aufgeregt und voller Vorfreude wie ein wirklicher Raumfahrer. Denn es ist eine einmalige Chance. Die Möglichkeit, den geliebten Sternen und Galaxien ein Stück näher zu kommen. In einer umgebauten Boing 747 über der Stratosphäre fliegend, wird Cimiotti ein Blick zuteil, den nicht viele Menschen hautnah erleben dürfen.

In Kindheitstagen sprang der Funke über

Angefangen hat die Passion für die Astronomie bereits in Kindheitstagen. Damals stand der kleine Mario neben seinem Vater Robert auf einer Lichtung und beobachtete die heimischen Vögel. Der Blick des Sohnes durch das Fernglas ging offenbar übers Ziel hinaus – die Faszination für Sterne war geboren.

Aber natürlich würde ein Fernglas für seine Entdeckungsreisen entlang des Himmels nicht ausreichen. Über die Jahre hat sich Cimiotti zahlreiche Teleskope angeschafft, die in seinem 
kleinen Arbeitszimmer stehen. Eine Gefahr für den Familienfrieden stellt das Hobby auch nicht dar: „Die Kinder schauen schon mal durch, aber die meiste Zeit bin ich allein. Es stört 
ja auch keinen, wenn ich hier mal zwei Stunden bin, anstatt Fernseh zu schauen oder so“, sagt der fünffache Familienvater.

Nun bereitet sich Cimiotti auf seinen großen Tag vor. Diesen Samstag ist es so weit. Dann geht es zunächst mit dem Flieger nach Los Angeles. Im kalifornischen Palmdale angekommen, beginnen die Vorbereitungen am Armstrong Flight Research Center (AFRC). Von hier aus steigt das fliegende Observatorium an drei bis vier Nächten auf. In 12 bis 14 Kilometern Höhe macht das 2,7 Meter große Teleskop an Bord der umgebauten Boing die besonderen Aufnahmen.

Vorbereitungen begannen bereits 2016

Die Albert-Schweitzer-Schule in Alsfeld, an der der Familienvater unter anderem als Studiendirektor tätig ist und auch einen Astronomie-Schwerpunkt betreibt, hat den Physik-Fachmann für seinen Trip in die USA freigestellt. Im Gegenzug wird Cimiotti seine Erfahrungen in den Unterricht einbinden.

Nun will er aber erst einmal die Wissenschaft direkt erleben. Die Vorbereitungen dafür begannen bereits Anfang 2016 mit einem ersten Seminar am DSI (Deutsches Sofia Institut) in Stuttgart. Wer jetzt an Tests in einer rasende Zentrifuge denkt, wird jedoch enttäuscht. Das Attribut „körperlich gesund“ reicht aus: „Es ist ja nicht viel anders als ein normaler Flug auch“, sagt 
Cimiotti. Medizinisch sei die Unternehmung also unbedenklich.

Oberhalb der Wettergrenze herrscht freie Sicht

Ein großer Teil der Technik, die in der Boing verbaut ist, stammt von deutschen Firmen. Zur Vorbereitung für Cimiotti zählte auch die Unterweisung in die Gerätschaften. Ingenieure und Wissenschaftler beginnen schon während des Fluges über der Troposhäre mit der Auswertung, die die Messinstrumente liefern. In dieser Höhe gäbe es keine störenden Partikel mehr, die das Bild die Wärmekameras an Bord beeinflussen, erklärt Cimiotti.

Oberhalb der Wettergrenze beobachtet das Teleskop astronomische Gebilde Milliarden Lichtjahre entfernt. Während der teilweise zehnstündigen Flüge erlangen die Wissenschaftler unter anderem Erkenntnisse über neue Moleküle bei der Sternenentwicklung. Durch Sofia-Flüge konnte unter anderem nachgewiesen werden, dass Pluto eine Atmosphäre besitzt, erklärt Cimiotti die Tragweite des amerikanisch-deutschen Gemeinschaftsprojekts.

Wenn in der kommenden Woche alles nach Plan läuft, dann beobachtet Cimiotti an zwei Flugtagen unter anderem die Sternentstehung im Orionnebel, in der Whirlpoolgalaxie und in einem Nebel im Sternbild Kassiopeia. Mit dabei sind noch drei weitere Lehrer aus Deutschland, die sich ebenso wie der Stadtallendorfer auf den Mitflug beworben hatten. Seit 2010 sind etwa 20 Deutsche mit Sofia gereist – Cimiotti freut sich aber, als wäre er der Allererste überhaupt.

Hintergrund
Sofia ist ein in der Stratosphäre fliegendes astro­nomisches Observatorium, das Infrarotstrahlung astronomischer Objekte ablichtet und analysiert, die durch die Erdatmosphäre nicht bis zum Erdboden gelangt. Es besteht aus einer stark modifizierten Boeing 747 (Caprio) mit einem großen Spiegelteleskop, die am Astrong Flight Research Center in Palmdale, Kalifornien, beheimatet ist und bilateral von Nasa und dem deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) 
betrieben wird. Letztere finanziert auch den Mitflug 
Cimiottis, den das Deutsche Sofia Institut an der Universität Stuttgart betreut.

von Dennis Siepmann

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