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„Ohne meinen Hund wäre ich nicht hier“

Großes Theater, kleine Kulisse „Ohne meinen Hund wäre ich nicht hier“

Die 25. Stadtallendorfer Kunst- und Kulturtage begannen mit einem eindringlichen Theaterstück. Leider war die Besucherresonanz eher dürftig.

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Der Therapeut kommt dazu: Szene mit (von links) Michael Bideller, Oliver Hermann, Markus Voigt und Mignon Remé. Auf dem Podium (kleines Foto von links): Oberst i. G. Sascha Zierold, Hellmut Königshaus, Oliver Hermann und Dr. Philipp-Christian Wachs.

Quelle: Klaus Böttcher

Stadtallendorf. Die vier Akteure des Hamburger Axensprung-Theaters hätten für ihre großartige schauspielerische Leistung eine große Kulisse verdient. Leider kamen zu der vom Förderverein Stab Division Schnelle Kräfte und dem Mitveranstalter der Karl-Hermann-Flach-Stiftung nur knapp 100 Besucher.

Zu Beginn eröffnete der Erste Stadtrat Otmar Bonacker die 25. Kunst- und Kulturtage. Er wies auf die Vielfalt der 35 Veranstaltungen hin, und stellte besonders das Kindereuropafest im Heinz-Lang-Park heraus. Eine Neuheit, die den bunten Strauß der Veranstaltungen noch bereichere.

In der 90-minütigen Szenen-Collage „Kampfeinsatz - Stell dir vor, es ist Krieg und du gehst hin“ ging es um einen aus dem Afghanistan-Einsatz heimgekehrten Soldaten, der traumatisiert ist und zu Hause nicht mehr zurecht kommt. „Ein halbes Jahr volle Pulle, wenn du dann nach Hause kommst, fliegst du auseinander“, sagt Oliver Hermann in der Rolle des Oberstleutnant Andre Torgau. Sprach- und reaktionslos durchlebt er immer wieder das, was er im Einsatz mitmachte.

Nachts wacht er schweißgebadet auf. „Was haben sie mit dir gemacht“, fragt seine Frau (gespielt von Mignon Remé) mit zunehmender Ratlosigkeit. Sie existiert für ihn nicht, es gibt kein normales Zusammenleben, keinen Sex. „Red mit mir“, fordert sie ihn immer wieder auf - vergeblich.

Therapeutische Hilfe lehnt der Oberstleutnant zunächst ab, woran der sehr burschikose Oberstabsarzt (gespielt von Markus Voigt) nicht ganz schuldlos ist. Schließlich schafft es der Therapeut (gespielt von Michael Bideller) an den Soldaten heranzukommen. „Sie sind eine tickende Zeitbombe“, sagt ihm dieser.

"Einsätze haben mir meinen Mann kaputt gemacht"

Nicht ohne Grund, denn er hat seine Frau im Schlaf schon gewürgt und seinen Sohn geschlagen. Einziger Ruhepol im Leben des Traumatisierten ist sein Hund. „Ohne meinen Hund wäre ich nicht hier“, erzählt er dem Therapeuten. „Der bescheinigt ihm: „Bei all dem Erlebten sind sie moralisch ein Mensch geblieben.“ Schließlich kommt es zur Trennung des Paares und er bewirbt sich bei der Bundeswehr als Lotse für traumatisierte Heimkehrer.

Fazit der Ehefrau: „An die Familie denkt keiner. Diese Einsätze haben mir meinen Mann kaputt gemacht.“ Er fragt sich am Schluss: „War es das wert?“

Die aufwühlenden Szenen werden auf einer großen Leinwand durch beeindruckende Filmaufnahmen und Musik begleitet. Markus Voigt begleitet zudem einige Szenen mit der Posaune. In einer anderen Einstellung wird eine Talkshow zum Thema. Mignon Remé und Oliver Hermann überzeugen in einer Szene als Vater eines konvertierten IS-Kämpfers und Mutter einer in Syrien kämpfenden Tochter. Sichtlich aufgewühlt, und doch begeistert von den Leistungen der vier Darsteller, gehen die Besucher in die Pause.

Herman beobachtet Ingoranz gegenüber dem Thema

Vergleichsweise nüchtern verlief die von Dr. Philipp-Christian Wachs vom Institut für Internationale Politik und Wirtschaft „Haus Rissen“ moderierte Podiumsdiskussion. Schauspieler Oliver Herman erzählte von den Recherchen zu dem Theaterstück. Dabei habe sich in der Gesellschaft eine gewisse Ignoranz gegenüber dem Thema gezeigt; es interessiere nicht, was im Einsatz stattfinde.

Hellmut Königshaus, der von 2010 bis 2015 Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages war, stellte heraus, dass die Familien unter der sechsmonatigen Trennung sehr leiden würden. Kummer bereite ihm, dass auch Soldatinnen mit kleinen Kindern in den Einsatz gingen. Heute spreche man immerhin von den Verwundeten und Gefallenen; auch das Veteranenwesen werde etwas forciert, erkannte Königshaus Fortschritte im Umgang mit dem Thema. Sein Fazit: „Es hat sich viel geändert, aber noch nicht genug.“

Der für Innere Führung und Personal bei der DSK zuständige Oberst im Generalstab Sascha Zierold meinte: „Wir alle haben gelernt, 1998 haben wir uns mit dem Thema noch schwer getan. Inzwischen ist eine professionelle Ernsthaftigkeit eingetreten.“ Auf die Frage, wie es die niederländischen Soldaten in der DSK mit den Auslandseinsätzen halten, antwortete Zierold: „Man lernt voneinander.“

 von Klaus Böttcher

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