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Stadtallendorfer Institution nimmt Abschied

Aysel Söhret Stadtallendorfer Institution nimmt Abschied

Wenn die Lok, Verein für Beratung und Therapie, das Erksdorfer Bürgerhaus für eine Feier anmietet, dann muss dahinter ein triftiger Grund stecken. Der war am Freitag gegeben.

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Der Lok-Vorstandsvorsitzende Bernd Keuerleber verabschiedete die Stadtallendorferin Aysel Söhret mit einer Lok in den Ruhestand.

Quelle: Matthias Mayer

Stadtallendorf. Viele Kollegen, Freunde und Mitstreiter waren gekommen, um Aysel Söhret in den Ruhestand zu verabschieden. Die Diplom-Pädagogin gilt als Begründerin der Beratung von Zuwanderern im Ostkreis, als unermüdliche Streiterin für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung und als nimmermüde Unterstützerin ihrer Klienten.

Antrieb für ihr unermüdliches Engagement mag das eigene Erleben gewesen sein. Ihre Eltern lebten längst als Gastarbeiter in Deutschland, als sie in der Türkei ihr Abitur machte. Im September 1970 kam sie als 19-Jährige nach Deutschland mit dem Ziel, ein Studium aufzunehmen.

Flyer sollte Türöffner werden

Sie scheiterte auf ganzer Linie an den damalige Verhältnissen. Für ihresgleichen gab es weder kompetente Beratungen noch Netzwerke. Für ausreichende Sprachkurse reichte das Geld nicht aus. Ohne gute Deutschkenntnisse kein Studium.

Aysel Söhret beschritt vordergründig die klassische Karriere einer Stadtallendorfer Zuwanderin: Arbeit in einer Näherei, später bei Ferrero. Neben ihrem Broterwerb bildete sie sich fort, lernte insbesondere die deutsche Sprache. Die beherrschte sie so gut, dass eine Kollegin sie fragte, ob sie nicht einen Flyer für Schwangerschaftsberatung ins Türkische übersetzen wolle.

Die Arbeit an diesem Flyer für die Lok sollte zum Türöffner für ihre spätere Tätigkeit werden. Begleitet von einem Psychologie- und Pädagogik-Studium begann sie mit ihrer Betreuungs- und Integrationsarbeit für Zuwanderer 1986 zunächst unter dem Dach der Arbeiterwohlfahrt, die später diesen Aufgabenbereich an die Lok übertrug. Der Lok-Vorstandsvorsitzende Bernd Keuerleber würdigte die Lebensleistung seiner scheidenden Mitarbeiterin. Sie sei als junge Erwachsene in ein fremdes Land gekommen und habe sich dort trotz aller Hemmnisse behauptet. „Du hast Vorbildhaftes geleistet, zahlreiche Kompetenzen erworben. Und Du warst über viele Jahre die tragende Säule der Beratung für Migranten im Ostkreis, die Du selbst aufgebaut hast. Dafür hast Du verdiente öffentliche Anerkennung erfahren“, sagte Bernd Keuerleber.

Maria Madert und Anke Hahn bewerteten im verbalen Doppelpass das Wirken der Stadtallendorferin, die seit 31 Jahren dem Verein Lok angehört. Sie sei für das Lok-Team nicht nur eine Beraterin und Dolmetscherin gewesen, sondern auch eine Übersetzerin der Kulturen, die erste, die das Team auf ihrem Fachgebiet beraten habe. Mit Kreativität und Sensibilität habe sie schwierige Themen, wie die Schwangerschaftskonfliktberatung für Zuwanderer, vorangebracht.

80 Mitarbeiterinnen das Nähen gelehrt

Außerhalb der Lok habe Aysel Söhret 80 Mitarbeiterinnen in die Näherei eingearbeitet, die Hausaufgabenbetreuung an der Bärenbach-Schule und einen Sozialverein für Zuwanderer gegründet, nannte das Duo weitere Beispiele für das soziale Engagement ihrer scheidenden Kollegin.

Das hat Spuren in Stadtallendorf hinterlassen: „Jeder Zweite grüßt sie auf der Straße, will mit ihr sprechen. Das geschieht mit großer Achtung und Respekt“, sagten Maria Madert und Anke Hahn, um einen großen Satz nachzuschieben: „Ohne Deinen Einsatz wäre Stadtallendorf heute eine andere Stadt.“

von Matthias Mayer

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