Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -3 ° wolkig

Navigation:
Spurensuche am alten Sprengstoffwerk

Schüler auf Wasag-Gelände Spurensuche am alten Sprengstoffwerk

Ein Stück Zeitgeschichte wollen die Achtklässler aufarbeiten. Sie besuchten die Sprengstoffwerke, ­zumindest das, was noch übriggeblieben ist.

Voriger Artikel
"Leben im Zeichen der Hoffnung"
Nächster Artikel
Kreuzung bei Niederklein ist wieder freigegeben

Stadtallendorf. Kalt war es an diesem Morgen. 43 Achtklässler der Georg-Büchner-Schule trafen sich am Casino Herrenwald, um ein Stück Stadtgeschichte zu erkunden. Viele von ihnen fanden den Weg gar nicht und mussten von ihrer Lehrerin Marina Flanderka unterwegs mit dem Auto eingesammelt werden.

Doch nicht das Casino wollten sie genauer unter die Lupe nehmen, sondern das nebenan gelegene Sprengstoffwerk. Der Rundgang beschränkte sich auf die Gebäude der Füllgruppe I und II. Eine komplette Begehung des 420 Hektar großen Geländes hätte den Rahmen gesprengt.

Tablets werden verteilt

Hans-Jürgen Wolff war schon ein paar Tage vorher an der Schule und hatte in einem Vortrag viel Wissenswerters über die Westfälisch-Anhaltische Sprengstoff AG (Wasag) verraten. Nun sollten sich die Schüler alles noch einmal direkt vor Ort ansehen, als erste Schulklasse überhaupt. In Ausnahmefällen referiert Hans-Jürgen Wolff heute vor Ingenieuren, Historikern oder Fernsehteams. „Zeitgeschichte mit regionalem Bezug“, erklärte Marina Flanderka die Intention dieses Ausflugs. Die Schüler sollen wissen, was in Stadtallendorf passiert ist, welchen Bezug es zur Rüstungsindustrie gibt, welche Geschichte die Stadt zu erzählen hat.

Bevor es los ging wurden die Tablets verteilt, damit die Schüler alles im Bild festhalten konnten. „In den nächsten Tagen und Wochen wird das ganze Thema noch weiter aufgearbeitet“, so Marina Flanderka. Kleine Filme sollen entstehen mit dokumentatorischem Hintergrund. Diese sollen die Schüler dann während eines Vortrages ihren Eltern präsentieren. Denn auch denen soll die Geschichte der Stadt nähergebracht werden. Marina Flanderka: „Wir sind noch immer auf der Suche nach Zeitzeugen, die in den Werken beschäftigt waren.“

Der gebürtige Westfale Wolff (Bild oben) ist ein wandelndes Lexikon, was die Sprengstoffwerke in Allendorf angeht. Kein Wunder, beschäftigt sich der Ingenieur seit 30 Jahren mit diesem Areal, hat sogar ein Buch geschrieben. Er war federführend im Regierungspräsidium Gießen für die Sanierung (Rückbau) der Sprengstoffwerke zuständig.

Wasser wurde im Werk täglich in Hülle und Fülle gebraucht im Sprengstoffwerk. 60 000 Kubikmeter wurden täglich benötigt. Damit hätte man auch 220 000 Menschen versorgen können. Die Schüler erfuhren, dass gleich nach der Inbetriebnahme festgestellt wurde, dass die Abwasserentsorgung eine Fehlplanung war. Rot war das Wasser der Lahn, bis es in Niederbreisig in den Rhein floss. 1941 hatten Einwohner in Marburg Vergiftungserscheinungen, aufgrund
des hohen Chemikaliengehaltes im Wasser. Dem wurde durch Umbau der Abwasseranlagen entgegengewirkt. „Heute hat das Wasser eine einwandfreie Qualität“, versprach Hans-Jürgen Wolff.
Auch bei der Versorgung mit Elektrizität musste in großen Dimensionen gedacht werden.

Über drei Wege bekam das Werk damals seinen Strom: aus dem öffentlichen Netz, von der DAG (Dynamit AG) und durch die Produktion von Eigenstrom. Eine Lücke in der Versorgung hätte zu fatalen Explosionen führen können. So war das Trafo­gebäude dann auch der erste Halt auf der gut sieben Kilometer langen Strecke durch den Herrenwald. Hans-Jürgen Wolff erklärte die besondere Bauweise unter anderem der massiven Decke mit den unterschiedlichen Schichten. Besonders war auch die Erdschicht auf dem Dach, die zu Tarnzwecken aufgeschüttet war. Das war bei vielen Gebäuden so, die die Schüler auf ihrem Rundgang sahen. Auf manchen Dächern wuchsen sogar große Bäume und Sträucher. Nebenan gab es früher oft einen Wall, der bei vielen Häusern mittlerweile abgetragen worden war. Er sollte damals dafür sorgen, dass die Wucht bei einer möglichen Explosion nach oben abgeleitet wird.

Zwangsarbeiterinnen bei der Produktion von Sprengstoff in Stadtallendorf. Im Werk waren 57 Prozent Ausländer beschäftigt, der Frauenanteil sehr hoch. Foto: Bundesarchiv Koblenz

Der Stadtallendorfer zeigte auch die Schmelzhäuser und berichtete von der großen Explosion 1944, bei der zwei dieser Häuser zerstört wurden. Und er berichtete von den 17 000 Arbeitern, darunter viele Zwangsarbeiter. 57 Prozent Ausländer stellten den Sprengstoff für die Kriegsmarine her. Denn sie war der eigentliche Bauherr des Werkes, hatte aber gar keine Ahnung über Bau- und Arbeitsweise. So kam 1939 die Wasag nach Allendorf, um das Werk zu bauen und zu betreiben. Für den Ort letztlich ein glücklicher Umstand, denn so bekam er später das Stadtrecht zuerkannt. Das Werk ist nie komplett fertiggestellt worden. 400 Tonnen Sprengstoff wurden im Monat in Allendorf produziert. Das waren 50 Prozent der Gesamtmenge, die in ganz Deutschland hergestellt wurde. Es war Spezialware für Torpedoköpfe und Bomben, die eine große Hitze erzeugen konnten. Die Feindschiffe sollten mit einem Brand manövrierunfähig gemacht werden.  In den letzten Kriegswochen 1945 wurden der Reichsbahnhof in Allendorf bombardiert. Obwohl die Werke aufgeklärt waren, waren sie nie Ziel von Angriffen. Zwölf Tiefflieger warfen zwischen 17 und 18 Uhr Brandbomben ab, die ein Gewicht von 250 Kilogramm hatten.

Autobahn 49 soll durch das Areal verlaufen

Ziel war es, die Rohstoffversorgung des Werkes zu unterbrechen. „Denn ohne die Chemikalien konnte hier nicht produziert werden“, erklärte Heinz-Jürgen Wolff. Eher irrtümlich traf eine Bombe den Wall eines Produktionsgebäudes und löste einen Bodenbrand aus, der aber keine weiteren Schäden verursachte.

Auf einmal bleibt Hans-Jürgen Wolff stehen und stellt sich auf ein Betonfragment. Das war noch der Rest von den Dampfleitungen, die durch das komplette Areal gingen. Er zeigte auch das Sozialgebäude mit der Nummer 3288. Nur hier durften die Arbeiter essen, trinken oder duschen. Hier gab es auch den einzigen Schutz bei einem Luftangriff.

Er erklärte den Schülern die Skelettbauweise der Aluminiumlager, die von außen mittlerweile wie Ruinen aussehen. Innen aber gibt es nicht eine feuchte Stelle an der Decke oder den Wänden. Grund ist die mehrfache Dämmung, damit auch ja keine Feuchtigkeit an das Aluminium kam. Daher erweist sich heute die Entsorgung als sehr schwierig, da das alles Sondermüll ist.

In ein paar Jahren wird es all das nicht mehr geben. Denn dann rauscht womöglich der Autobahnverkehr der A49 durch die alten Sprengstoffwerke von Stadtallendorf. Ein Stück Zeitgeschichte ist dann für immer verschwunden.

von Katja Peters

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr