Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / -1 ° Schneeregen

Navigation:
"Keine Sorge: Im Überleben bin ich gut"

Inklusion bei "Tough Mudder" "Keine Sorge: Im Überleben bin ich gut"

Beeindruckender kann ein Inklusions-Projekt nicht enden: Ein junger Mann mit schweren Behinderungen bewältigt dank der Mithilfe und unter dem Jubel der anderen Läufer einen "Tough Mudder".

Voriger Artikel
Gefährliche Schlupflöcher
Nächster Artikel
Bei der Sau bleibt alles gleich

Nils Drusel (vorne, Zweiter von links) im Kreis der Läufer, die den „Tough Mudder“ bewältigten. Ihre Trainer Jennifer Petri (hinten, Zweite von links), Sebastian Habura (Dritter von links) und Christian Köller (hinten, Zweiter von rechts) begleiteten sie.

Quelle: Privatfoto

Stadtallendorf. Wenn Dörte Drusel an die Leistung ihres Sohnes denkt, ist sie den Tränen nah - denn Nils hat etwas geleistet, was unmöglich erscheint: Der junge Mann hat einen „Tough Mudder“, einen Hindernislauf über Stock und Stein und durch den Schlamm, bewältigt. Dabei hatten ihm die Ärzte vor rund 16 Jahren keine Überlebenschance gegeben.

Im Alter von zwei Jahren war eine Herztransplantation notwendig gewesen. Das erste Organ stieß Nils‘ Körper ab und es kam zum Herzstillstand. Innerhalb von vier Tagen fanden die Ärzte wie durch ein Wunder ein neues, passendes Herz und transplantierten es. Doch der inzwischen 19-Jährige leidet seitdem unter einer spastischen Lähmung seiner rechten Hand und des linken Fußes und einer Entwicklungsverzögerung - wobei leiden eigentlich der falsche Ausdruck ist, denn der junge Mann geht offen mit seinen Behinderungen um und ist eine Kämpfernatur. „Aufgeben gibt es bei mir nicht“, betont er im Gespräch mit dieser Zeitung. Eine Aussage, die sowohl auf sein Leben als auch den „Tough Mudder“ zutrifft.

„Sport machen“, hatten ihm die Ärzte schon immer geraten - und eines Tages wurden die in Schönstadt lebenden Drusels auf das über „Inklusion bewegt“ (Marburg) geförderte Shape-up-Projekt der Stadtallendorfer Streetwork-Initiative aufmerksam. Dort hatten sich Streetworker Sebastian Habura, Personaltrainer Christian Köller (High Performance Training) und Inklusionshilfe Jennifer Petri das Ziel gesetzt, junge Menschen für den Sport zu begeistern, sie fit zu machen und für die Teilnahme an einem „Tough Mudder“ zu begeistern. Die Besonderheit: Sie wollten dies mit einer Gruppe umsetzen, in der Behinderte und Nicht-Behinderte gemeinsam trainieren.

"Soll ich mitfahren, oder nicht?"

„Gerade am Anfang war natürlich insbesondere bei den komplexeren Übungen jede Menge Betreuung notwendig“, erinnert sich Habura an die Anfänge. Aber je länger der Kurs dauerte, umso mehr wuchs die Gruppe zusammen. Koordination, Kraft und Ausdauer standen im Mittelpunkt des Trainings. Und nach einigen Einheiten unterstützten sich die 15 Jugendlichen dann gegenseitig, gaben sich Tipps und Hilfestellungen - vielleicht Resultat des gemeinsamen Trainings, vielleicht aber auch Ergebnis von Gruppen-Findungs-Aktionen, bei denen die Jugendlichen gemeinsam Kanu fuhren oder kletterten.

Kurs eins endete mit einem Bowlingabend, da sich zu diesem Zeitpunkt kein Hindernislauf im Veranstaltungskalender finden ließ. Doch die Teilnehmer waren inzwischen heiß auf den „Tough Mudder“, der dann am Ende von Kurs zwei stand. Zumindest der „Tough Mudder Half“ bei Nürnberg, bei dem die Teilnahme ab 14 Jahren offen ist.

„Wir haben dann in der Gruppe geschaut, wer in Frage kommt, um 10 Kilometer und 15 Hindernisse zu überwinden“, erinnert sich Habura und gibt zu, dass Nils Drusel dabei nicht ganz oben auf der Liste der Kandidaten stand. Doch der Kampfgeist des 19-Jährigen beeindruckte die Coaches. „Er wollte unbedingt mitmachen“, ergänzt der Streetworker.

Je näher der Tag X kam, umso mehr wuchs auch im Hause Drusel die Anspannung: Es gab Vorfreude - aber auch Bedenken. „Soll ich mitfahren oder nicht?“, fragte sich Mutter Dörte immer wieder. Die Antwort gaben Habura, Köller und Petri: Nein, schließlich sollten ja auch die Unabhängigkeit gefördert und das Selbstbewusstsein des jungen Mannes gestärkt werden. Am beeindruckendsten war jedoch der Kommentar ihres Sohnes: „Mama, bleib ruhig hier. Keine Sorge: Im Überleben bin ich gut.“

Mit einem Klos im Hals akzeptierte Dörte Drusel die Entscheidung. „Die Trainer haben mir die Angst genommen. Sie tragen hohe Verantwortung und leisten Großartiges. Ich bin ihnen sehr dankbar“, lobt die Mutter und freut sich, ihnen das Vertrauen geschenkt zu haben: Denn ihr Sohn bewältigte die Tour alleine.

Aufgeben kommt für Nils Drusel nicht infrage

Oder zumindest fast, denn nach vielen Kilometern durch den Matsch, einigen Stürzen und diversen überwundenen Hindernissen stießen er und Habura während des Laufes auf eine Halfpipe, die es zu überwinden galt: Eine mehrere Meter hohe Rampe, an deren Ende sich die Teilnehmer auf ein Podest hochziehen müssen. „Habu sagte, dass wir das Hindernis nicht schaffen, da die Rampe auch noch nass war“, erinnert sich Nils Drusel. Doch wie schon gesagt: Aufgeben kommt für ihn nicht infrage. So nahm er, gelähmter Hand und Fuß zum Trotz, das Hindernis in Angriff. Habura versuchte zu helfen, doch alleine schaffte er es nicht - was wiederum die Aufmerksamkeit der anderen Läufer weckte.

Einer nach dem anderen gesellte sich zu den beiden und es bildete sich eine Art menschliche Leiter, über die Nils Drusel die Halfpipe erklimmen konnte. „Das war unglaublich: 300 oder 400 Menschen standen dort, feuerten ihn an und brachen in Jubel aus, als er die Spitze erreichte“, erinnert sich Habura. Sein Schützling kommentiert nur trocken: „Ich wollte hoch und fertig. Als ich oben war fühlte sich das gut an. Ich bin den Leuten sehr dankbar.“ Er sei eben ein unglaublich ehrgeiziger Mensch, wirft seine Mutter ein und präsentiert stolz die Erinnerungen, die ihr Sohn von den Lauf mitgebracht hat: zum Beispiel die Nummer, die er trug.

Und wenn es nach dem Schüler der Wollenbergschule und seiner Mitstreiter aus dem Shape-up-Projekt geht, dann war das nicht der letzte „Tough Mudder“, an dem sie teilnahmen. Schon einen Tag nach dem Lauf trafen sie sich schon wieder zum Training - allerdings privat und ohne Habura, Köller und Petri, denn eigentlich ist der Kurs zu Ende. „Wir wollen aber unbedingt, dass es weitergeht“, betonen die Drusels.

Nicht nur, weil auch Ärzte und Krankengymnasten Nils eine viel bessere Körperhaltung und Fitness attestierten, sondern auch, weil zum einen die Inklusion funktionierte und zum anderen auch Jugendliche zusammenkamen, deren Lebenswelten­ normalerweise nur wenige Schnittstellen haben. „Das ist ein tolles Projekt, und die Trainer leisten hervorragende und sehr wertvolle Arbeit. Hoffentlich ist eine Fortsetzung möglich, für die wir wahrscheinlich auf Spenden angewiesen sind“, resümiert Dörte Drusel. Aufgeben gibt es eben auch in ihrer Welt nicht.

von Florian Lerchbacher

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr