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"Hier überlebt die Demokratie"

Türkei-Referendum "Hier überlebt die Demokratie"

Von einer „Spaltung unter den Türken“ spricht Handan Özgüven angesichts des Referendums über den Wechsel zu einem Präsidialsystem in der ­Türkei.

Anhängerinnen schwenkten Anfang April türkische Flaggen mit dem Konterfei des türkischen Präsidenten Erdogan während einer Veranstaltung in Kelsterbach.

Quelle: Boris Roessler

Stadtallendorf. Nein, seinen Nachnamen möchte der 23 Jahre alte Acar nicht in der Zeitung lesen. „Manche Diskussionen brauche ich einfach nicht“, begründet er das beim Zusammentreffen mit der OP.

Er sei fünf Jahre alt gewesen, als seine Familie die Türkei verlassen habe. Acar ist, wie seine Eltern, türkischer Staatsbürger geblieben. Er möchte allerdings möglichst bald die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen. „Hier überlebt die Demokratie“, ist er überzeugt. Mit Freunden ist er in der vergangenen Woche extra nach Frankfurt gefahren, um dort abzustimmen. Natürlich habe er mit Nein gestimmt, „weil ich fürchte, dass aus der Türkei dann endgültig eine Diktatur wird“. Dann werde Europa keine Chance mehr haben.

Handan Özgüven hatte kein Stimmrecht, Teile ihrer Familie aber schon. Sie begleitete ihre in Berlin lebende Schwester zur Stimmabgabe im dortigen Generalkonsulat. Dabei suchte sie das Gespräch mit Landsleuten. Eines hat sich für die Stadtallendorferin und Landtagsabgeordnete bei all den Diskussionen der zurückliegenden Wochen noch einmal bestätigt: „Das Referendum spaltet. Es geht ein Riss durch manche Familien und durch Freundschaften“. Die jetzt anstehende Entscheidung polarisiere mehr als eine demokratische Wahl in der Vergangenheit.

Özgüven selbst engagiert sich gegen die vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan gewünschte Verfassungsänderung - hin zu einem Präsidialsystem. „Und damit hin zu einer Entmachtung des Parlaments“, ist Özgüven überzeugt. Sie selbst erkennt aufgrund ihrer Gespräche mit Mitgliedern der türkischen Gemeinde keine Unterschiede zwischen den Diskussionen in Stadtallendorf, Frankfurt, Berlin oder Wiesbaden. Die Juristin ist überzeugt, dass es bei der Abstimmung am Sonntag zu einem knappen Ergebnis kommen wird. „Ein Ja zum Präsidialsystem wird die Türkei in ihrer Entwicklung weit zurückwerfen“, ist sie überzeugt.

Gemeinde will einen Disput vermeiden

Was Özgüven schockiert ist die Gleichmütigkeit mancher Türken im Umgang mit dem Vorgehen von Präsident Erdogan, etwa bei den Säuberungsaktionen nach dem Putschversuch oder bei der zunehmenden Gleichschaltung der Justiz. „Vieles wird einfach mit Achselzucken als Gegeben hingenommen“, so ihr Fazit. Genau das hatte sie unmittelbar nach dem gescheiterten Putschversuch des türkischen Militärs kommen sehen. Aus Özgüvens Sicht haben sich die schlimmen Befürchtungen bestätigt. „Ein Ja zum Referendum macht den Ausnahmezustand, mit dem Erdogan regiert, zum Normalzustand“, spitzt sie ihre aktuellen Befürchtungen bei einem positiven Ausgang zu.

Politische Diskussionen sollen sich nicht auf das religiöse Leben in der Gemeinde niederschlagen, gerade um Spaltungen zu verhindern. So formuliert es Bünjamin Özkul. Er ist der Dialogbeauftragte der Kirchhainer Mevlana-Moschee. „Politischer Streit schadet der Gemeinde“, ist Özkul überzeugt und sieht sich mit dieser Meinung in guter Gesellschaft. Während all seiner Predigten oder in persönlichen Gesprächen in den zurückliegenden Wochen habe der Vorbeter, der Hodscha, selbst keine Position zum Referendum bezogen. In der Predigt beim Freitagsgebet vor zwei Wochen habe er lediglich dazu aufgefordert, die Möglichkeit abzustimmen auch zu nutzen. Die Kirchhainer Moschee gehört zum Dachverband Ditib. Der hatte vor 14 Tagen türkische Muslime ebenfalls dazu animiert, sich an der Abstimmung zu beteiligen.

von Michael Rinde

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