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Stadtallendorf bekommt einen Urwald

Fichten müssen weichen Stadtallendorf bekommt einen Urwald

Im Wald müssen immer wieder mal Bäume gefällt werden, damit etwas Neues entstehen kann. Das geschieht derzeit im Herrenwald am südlichen Stadtallendorfer Stadtrand.

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Ein Transparent informiert die Besucher des südlichen Herrenwalds über die Baumfällarbeiten, zu deren Start sich (von links) Forstamtsleiter Lutz Hofheinz, die Forstarbeiter Michael Wink und Frank Zink sowie Revierförster Alexander Wolf trafen. Fotos: M. Mayer

Stadtallendorf. Mit geübten Handgriffen dirigiert Michael Wink seine Motorsäge, um den unteren Stamm zu entasten. Als das geschehen ist, schneidet er den Fallkeil aus dem Stamm. Dann wird‘s knifflig. Behutsam und mit viel Gefühl durchschneidet er den Stamm, in dessen Zentrum er einen etwa zehn Zentimeter starken Holzstrang stehen lässt. Den Rest erledigt sein Kollege Frank Zink. Der schlägt einen Kunststoff- und einen Metallkeil in den Sägespalt. Letzterer lässt sich mithilfe einer Ratsche ausdehnen. Frank Zink zieht einige Male energisch an dem Hebel, und schon neigt sich die Fichte zur Seite und fällt genau in die vorgesehene Richtung. Das Ganze hat nur wenigen Minuten gedauert.

Allerdings ist diese erste Fichte beileibe nicht die letzte, die unweit der Joßklein gefällt wird. Etwa 350 Festmeter Fichte, genug Holz für die Dachstühle von elf Einfamilienhäusern, werden dort auf einer Fläche von rund 54 Hektar eingeschlagen. Diese Zahlen nannte Lutz Hofheinz zum Auftakt der Fällaktion. Die Fichten seien als Flachwurzler keine standortgerechten Bäume im Überschwemmungsgebiet der Joßklein, erklärte der Leiter des Kirchhainer Forstamtes und berichtete von Erosionsschäden in Wurzelbereichen und Problemen mit der Standfestigkeit der Fichte an der Joßklein.

Weitaus spektakulärer ist die eigentliche Zielsetzung der Aktion: Auf der 54 Hektar großen Fläche am Stadtrand von Stadtallendorf soll ein Urwald entstehen, der von den Forstleuten „Prozessschutzfläche“ genannt wird. Wie das geschieht? „Nach dem Fichteneinschlag wird die Fläche nicht mehr bewirtschaftet. Der Wald bleibt sich selbst überlassen. Und dann schauen wir mal in 200 bis 250 Jahren, was daraus geworden ist“, sagt Lutz Hofheinz.

Attraktion vor der Haustür

Er spielt damit auf die gewaltigen Zeiträume an, in denen die vom Gladenbacher Georg-Ludwig Hartig entwickelte nachhaltige Forstwirtschaft heute denkt und handelt. Zugleich ist Hofheinz jedoch davon überzeugt, dass auch heutige Generationen die Veränderungen im Wald am Waldparkplatz südlich der Niederkleiner Straße noch mitbekommen und den werdenden Urwald als Attraktion vor der Haustür begreifen werden.

Bewerkstelligen muss das allein die Natur, der das Team um den Stadtallendorfer Revierleiter Alexander Wolf vorab etwas auf die Sprünge geholfen hat: Die Forstleute pflanzten etliche Erlen an. Damit ist nach der Fällaktion Schluss. Alexander Wolf hofft, das auf den ehemaligen Fichten-Inseln standortgerechte Baumarten wie Ulmen, Eschen, Erlen und Eichen wachsen werden.

Zunächst aber müssen die gefällten Fichten vollständig aus dem Wald, damit der Borkenkäfer im künftigen Urwald kein Einfallstor findet. Um den weichen Waldboden zu schonen, werden Seilwinden eingesetzt. Die schwere Harvester-Vollerntemaschine wird die Fichten auf der befestigten Forststraße entasten und das Stammholz maßgerecht zersägen.

Mit dem Stadtallendorfer Areal wächst im Forstamtsbezirk Kirchhain die Fläche für künftige Urwälder auf 250 Hektar an. Dabei hat der Forst auch eine artenreiche Fauna im Blick. Vögel, Fledermäuse, Insekten und Amphibien sollen im unberührten Wald Schutzräume finden.

von Matthias Mayer

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